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PORTUGAL / SCHIFFSRAUB Phase eins

aus DER SPIEGEL 6/1961

Im Januar 1959 klopft ein aus dem »Santa Maria«-Hospital entkommener politischer Häftling - unrasiert, in klobigen Holzschuhen, mit einem Korb voll Obst auf dem struppigen Kopf - an das Tor der Argentinischen Botschaft zu Lissabon. 116 Tage später darf

der zu 16 Jahren Kerker Verurteilte mit Genehmigung seines mächtigen Feindes, des väterlich-milden portugiesischen Diktators Salazar, nach Buenos Aires in die Freiheit fliegen.

Im Januar 1961 stürmt derselbe Mann - unrasiert, im zerknitterten Zivilanzug, mit einer Maschinenpistole in den Fäusten - nachts auf die Kommandobrücke des 21 000 Tonnen-Passagierschiffes »Santa Maria« und übernimmt, von einer Gruppe schwerbewaffneter Rebellen unterstützt, an Bord des portugiesischen Luxusdampfers die Macht. Anschließend verfolgen amerikanische Zerstörer und britische Fregatten auf Wunsch der verbündeten portugiesischen Regierung das im Karibischen Meer gekaperte Schiff, dessen Kapitän Mario Simoes Maia zum Gefangenen der Aufrührer wurde.

Der politische Emigrant und spätere »Santa Maria«-Pirat: Henrique Galvao, jetzt 65 Jahre alt, ehedem Hauptmann der portugiesischer Armee, Parlamentsabgeordneter, Dramatiker und Distriktsgouverneur in Portugals südwestafrikanischer Kolonie Angola.

Die Erfahrungen dreier Jahrzehnte wandelten den glühenden Anhänger der sanften Revolution Salazars zum bitteren Kritiker des alternden Diktators. Als markanter Kopf der Opposition zum Hochverräter gestempelt, saß Galvao lange Jahre in Salazars Gefängnissen. Doch bewahrte sich der schriftstellernde Hauptmann politisches Pathos, Phantasie und skurrilen Humor.

Emigrant Galvao, hinter argentinischen Botschaftsmauern in Sicherheit, beschenkt 1959 die genarrten Geheimpolizisten Salazars mit jenem Korb voll Obst, der ihm bei seiner Flucht aus dem Lissabonner Krankenhaus »Santa Maria« als Maskerade diente.

Pirat Galvao, Herrscher über 600 verängstigte Passagiere, etabliert 1961 an Bord der gekaperten »Santa Maria« das erste Revolutionsregime der Weltgeschichte, dem ein Schiffsdeck als Territorium genügt, um eine emsige politische und militärische Tätigkeit zu entfalten. »Wir fordern nicht nur die Unterstützung aller Regierungen und wahrhaft freien Völker, funkt er theatralisch in die Welt, »sondern auch politische Anerkennung.«

Während Englands und Amerikas beamtete Völkerrechtler noch beratschlagen, ob der politisierende Dramatiker Galvao, Regisseur und Hauptdarsteller im abenteuerlichsten Schauspiel seines Lebens, sich des internationalen Verbrechens der Piraterie schuldig gemacht oder nur den ersten Schlag in einem portugiesischen Bürgerkrieg geführt habe, meldet sich Exgeneral Humberto Delgado, Chef der unterdrückten portugiesischen Opposition, in seinem brasilianischen Exil zu Wort.

»Ich habe die Übernahme der 'Santa Maria'- angeordnet«, bekennt der General in Sao Paulo am Telephon. Das sei die »Phase eins« der portugiesischen Revolution. Nach »Phase zwei« gefragt, erwidert Delgado mürrisch: »Alles ist geheim, sehr geheim.«

Humberto Delgado, 54, mit hohen amerikanischen und britischen Kriegsauszeichnungen dekorierter Fliegeroffizier, ehemals portugiesischer Nato-Delegierter und zuletzt Generaldirektor der Zivilluftfahrt, geriet erst spät in die Politik.

Aufgestachelt von seinem Freund Galvao, kandidierte er - bis dahin ein treuer Diener seines Staatschefs Salazar - bei der Präsidentenwahl im Juni 1958 für, die Opposition, errang 23,5 Prozent der Stimmen und verlor. Delgado: »Wenn es wirklich freie Wahlen gewesen wären, hätte ich 80 Prozent der Stimmen bekommen.«

Seitdem ist der von Salazar nach der Wahl scharf gemaßregelte General, der bald darauf bei den Brasilianern um Asyl bat, für Portugals politische Emigranten der »gewählte Präsident der portugiesischen Republik«, den der starrsinnige Autokrat in Lissabon an der Ausübung seiner verfassungsmäßigen Rechte hindert. Zu diesen Rechten gehört: den 71jährigen, seit 1932 regierenden Antonio de Oliveira Salazar, der Portugal in einen katholischen Ständestaat verwandelt hat, endlich in Pension zu schicken.

»Galvao handelte in meinem Auftrag«, kommentiert deshalb Delgado den »Santa Maria«-Handstreich, »ich bin die oberste, die einzige Autorität.« Und weiter: »Galvao wird ... das Salazar -Regime stürzen. Es gibt bereits in allen portugiesischen Territorien Untergrund -Organisationen.«

Die Worte des Exgenerals bleiben nicht ohne Wirkung. Im Londoner Unterhaus hört die britische Admiralität, die Englands ältestem Alliierten bereitwillig zu Hilfe eilte, unbequeme Fragen. »Wird die Regierung Ihrer Majestät«, spöttelt Labour - Abgeordneter Paget, »der sowjetischen oder der ungarischen Regierung ebenso zur Verfügung stehen, falls eine ihrer Schiffsbesatzungen die Freiheit wählt?« Und der

Zivil-Lord der Admiralität, Orr-Ewing, beschwichtigt: »Alle völkerrechtlichen Konsequenzen werden bei jeder weiteren Aktion sorgfältig in Betracht gezogen.«

Nach dieser Unterhausdebatte geht der britischen Fregatte »Rothesay«, die seit Montag vergangener Woche hinter der »Santa Maria« herjagt, klugerweise der Treibstoff aus. Auch Präsident Kennedy dämpft den Jagdeifer seiner Marineoffiziere. Die US-Navy sei angewiesen, schnarrt er auf seiner ersten Fernseh-Pressekonferenz, »die Santa Maria« lediglich zu begleiten, aber nicht aufzubringen«.

Galvao, vom Piraten zum Revolutionär avanciert, gibt nun das Ziel seiner Kaperfahrt bekannt: die portugiesische Kolonie Angola. Dort gewann General Delgado bei den Präsidentenwahlen in einigen Bezirken die Mehrheit. Dort amtierte Galvao als Gouverneur, dort warten Freunde. In Angola könnte der »Kampf für die Freiheit, der Kampf gegen die Tyrannei« beginnen, den Galvao prophezeit.

Mit Treibstoff für etwa 8000 Kilometer und Nahrungsmitteln für drei Wochen an Bord, mit 600 eher auf einen sonnigen Urlaub denn auf eine blutige Revolution erpichten Passagieren in den Luxuskabinen - Galvao: »Sie verstehen die Rechtmäßigkeit unseres Kampfes« - kreuzt das Rebellen-Schiff den Ozean, während die Salazar-Regierung ihre Streitkräfte gegen die 70 »Santa Maria«-Piraten mobilisiert und vorsorglich die Garnisonen ihrer überseeischen Besitzungen verstärkt.

Dramatiker Galvao aber, der mit seinem wilden Handstreich der unterdrückten Opposition gegen die iberischen Diktatoren eine weltweite Publizität verschafft hat und deshalb mit Zeitungsredaktionen beiderseits des Atlantiks in munterem Funkverkehr steht, wartet nun auf den nächsten Akt: die Kraftprobe mit Portugals ergrautem Alleinherrscher.

»Das Stück wird als Tragödie enden«, orakelt bereits Salazars Pressechef. »Dieser Galvao ist verrückt.«

Portugiesische Rebellen Delgado (M.), Galvao (r.), Autokrat Salazar: Piraterie oder Bürgerkrieg

Maia

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