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SERBIEN Philosoph als Königsmacher

Der Organisator der Belgrader Revolte gönnt sich eine Pause - und frischt in Deutschland alte Freundschaften auf.
Von Carolin Emcke
aus DER SPIEGEL 44/2000

Die Frau näherte sich dem Mann nur zögerlich: »Darf ich Sie ansprechen?«, fragte sie, »ich habe gehört, Sie seien Hitlers Enkel, stimmt das?« Zoran Djindjic lacht vergnügt, wenn er die Anekdote aus der serbischen Provinz erzählt.

Um den missliebigen Oppositionspolitiker Djindjic als Feind des serbischen Volkes zu diskreditieren, hatte Belgrads Herrscher Slobodan Milosevic eine absurde Geschichte in Umlauf gebracht: Hitler habe einen Sohn gehabt, der nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan abtauchte, um von dort aus Europa zu destabilisieren.

»Der gefährliche Enkel war natürlich ich«, sagt Djindjic in fast akzentfreiem Deutsch, »aber wenigstens fand die Dame, ich sähe nicht aus wie Hitler.«

Der geschmacklose Scherz hat einen realen Kern: Immer wieder schadete seine Nähe zu Deutschland dem ehrgeizigen Djindjic in seiner Heimat, immer wieder ging das Gerücht, er sei Spion für den Bundesnachrichtendienst. Seine frühere Kritik an der Kosovo-Politik von Milosevic hat das Misstrauen ebenso geschürt wie seine Flucht ins montenegrinische Exil, als Belgrad von Nato-Flugzeugen bombardiert wurde.

Im Jugoslawien Titos und des Selbstverwaltungssozialismus der siebziger Jahre hatte der Student der Philosophie eine nicht kommunistische Studentengruppe gegründet. Dafür wurde er gleich einige Monate ins Gefängnis gesteckt. Nach seiner Entlassung gelangte Djindjic mit der Hilfe von Heinrich Böll und einem Stipendium an die Universität in Frankfurt zu Jürgen Habermas - ins damalige Zentrum der politisierten Studenten. »Joschka Fischer arbeitete im Antiquariat der Karl-Marx-Buchhandlung und hat mir immer viel zu teuer alte Bücher verkauft«, sagt Djindjic, der leidenschaftlich Bücher sammelt, »er hatte vergessen, hinten auszuradieren, dass er das Buch nur für eine Mark gekauft hatte.« 1977 wechselte Djindjic nach Konstanz zu Albrecht Wellmer, wo er 1979 promovierte. Seither bringt ihn seine Liebe zu Deutschland immer mal wieder nach Frankfurt - und zu Hause in Verruf.

»Ich bin für die breite Masse bei uns nicht wählbar gewesen«, sagt Djindjic, 48, der Chef der Demokratischen Partei, »so kurz nach dem Nato-Krieg war ich für die Leute noch zu westlich.« Diese Erkenntnis machte die serbische Revolution vor vier Wochen möglich: Nur weil Djindjic auf seine eigene Kandidatur verzichtete und als Königsmacher den weniger polarisierenden Kostunica favorisierte, konnte die Opposition in einem 18- Parteien-Bündnis die nötige Schlagkraft mobilisieren.

Gleich an seinem ersten freien Wochenende nach der Revolution reiste Djindjic jetzt nach Deutschland. Offiziell zum Besuch einer Talkshow; inoffiziell, um erste Gespräche über Finanzhilfen zu führen. Beim exklusiven Abendessen des PR-Beraters Moritz Hunzinger, 41, in Frankfurt verbreitete der Serbe Optimismus: »Die Ereignisse in Belgrad sind unumkehrbar«, erklärt er den potenziellen Investoren und Kontakt-Brokern.

Als Überraschungsgast erschien Rudolf Scharping, der ehemalige Kriegsgegner und Nato-Einpeitscher. Den schloss der Gast aus Belgrad in die Arme, charmierte die »Genossen« in der Runde, beschwor die Stabilität der fragilen Belgrader Demokratie und gewann begeisterte Unterstützer.

Dann zählte Djindjic präzise auf, woran es konkret fehlt: zwei Milliarden Mark, damit die öffentlichen Bediensteten Jugoslawiens der Demokratie nicht wieder überdrüssig werden und das Land den eisigen Winter übersteht. Hinzu kam der Appell an semiprivate Initiativen von Städten, Gemeinden oder Firmen, die mit alten Bussen, Müllabfuhren oder Medikamenten dringend benötigte Sachleistungen liefern könnten.

Djindjics Begabung liegt in seiner idealistisch-pragmatischen Sicht auf die Welt: Er beschreibt die Dinge einfach so, wie sie sein müssten, damit er sie erfolgreich verändern kann. Er funktioniert wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Schon seinen Doktorvater Albrecht Wellmer hat der junge Belgrader Philosoph mit dieser Haltung verblüfft. Am letzten Abend seines Deutschland-Besuchs saß Djindjic mit seinem alten Mentor in einem Berliner Restaurant. Wellmer erzählte, wie Djindjic einst zu ihm mit der Bitte kam, über Marx promovieren zu dürfen - weil aber der serbische Militärdienst auf ihn warte, müsse er dies in anderthalb Jahren »abwickeln«. Wellmer wehrte ab, das sei unmöglich. »Aber dann hat er Nacht für Nacht auf seine kleine Schreibmaschine eingehämmert«, berichtete der Professor, »und er hat es geschafft.« Das Dissertationsthema lautete: »Marx' kritische Gesellschaftstheorie und Begründungsproblematik«.

Die Dame, die Djindjic zum nächsten Termin bringen soll, steht am Tisch und drängelt. Aber nun hat Djindjic plötzlich Zeit: »Für einen deutschen Philosophen, der nur in Ewigkeiten denkt, war mein Tempo natürlich furchtbar.« Sagt's und spurtet zum nächsten Termin. CAROLIN EMCKE

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