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FRANKREICH Pinard contra Pinay

aus DER SPIEGEL 35/1952

Dreißig Millionen Hektoliter roten Pinard (den man in Frankreich trinkt wie in Bayern das Bier) verkonsumierten die Franzosen im vergangenen Jahr. Das macht auf den Kopf der Bevölkerung 83,3 Liter.

In diesem Jahr wäre Frankreichs viel geplagter Antoine Pinay beinahe aus dem Urlaub im »Hotel des Iles Britanniques« in Aix-les-Bains geholt worden, um dem Pinard zu helfen. Es geht beiden nicht sonderlich gut. Dem Pinard nicht, weil es ihm heuer an Konsumenten fehlt, und Pinay nicht, weil den Abgeordneten jedes Mittel recht ist, dem Ministerpräsidenten ein Stück von seiner Popularität abzuzwacken.

Einer von denen, die dem Gerbermeister Pinay via Pinard an das Leder möchten, ist Georges Bidault, Ehrenpräsident der

katholischen Volkspartei (MRP). Aber die Pariser spötteln, daß Bidault in dieser Sache denn doch all zu sehr »Partei« sei. Man sagt ihm nach, daß er trotz laufender Entwöhnungs-Kuren sich langsam, aber sicher um alle Aussichten trinke: um die Nachfolge Pinays, Robert Schumans oder auch des Staatspräsidenten Vincent Auriol - allerdings weniger durch den Genuß von Pinard, sondern durch pauschalen Konsum von »harten Sachen« aller Art.

Der Pinard hat in Frankreich so halberlei den Rang einer »nationalen Institution«, ähnlich wiederum wie in Bayern das Bier. Das Wettern der Abgeordneten von Frankreichs Weinprovinzen in Sachen »Pinard contra Coca Cola« ist Begleit-Musik zu Verteidigungsminister René Plevens neuer »anti-amerikanischer« Politik.

Schuld an der Konsumenten - Schwindsucht des Pinard hat nach allgemeiner Ansicht - neben Coca Cola - der Staat. Der sei letztlich für den hohen Preis verantwortlich, sagt man. Im Jahre 1938 konnte sich ein Pariser Metallarbeiter für eine Arbeitsstunde 5,3 Liter Rotwein kaufen, heute bekommt er dafür bloße 2,25 Liter.

Daß der Staat an dem Detail-Verkaufspreis in Höhe von 66,14 Franken pro Liter nur rund 17 Prozent, der Zwischenhandel aber mit etwa 30 vom Hundert partizipiert, übersieht man geflissentlich. Auf jeden Fall aber wollen Frankreichs Winzer nach wie vor 30 Franken pro Liter haben. Deswegen traten sie einschließlich ihrer Gemeindeverwaltungen in einen sehr angenehmen Administrations- und Steuerstreik. Kein Bürgermeister in Frankreichs Wein-Provinzen tut zur Zeit einen amtlichen Handschlag. Kein Winzer zahlt seine Steuern.

Vater Staat soll nun den überschüssigen Pinard aufkaufen, ihn zu Alkohol destillieren und als Kraftstoff - Beimischung verwenden. Dieser Vorschlag aber hat die Autobesitzer auf den Plan gerufen. Zuckerrüben - Schnaps im Benzin hat ihnen im vorigen Jahr eine Preiserhöhung für Kraftstoff eingebracht, dazu einen übermäßigen Verschleiß der Motoren. Roter Pinard kommt ihnen im Benzin-Tank noch verdächtiger vor.

Was Antoine Pinay mit dem vielen Pinard der diesjährigen Ernte anfangen wird, ist noch unklar. Auf Zimmer 51 im »Hotel des Iles Britanniques« hat er in den Pausen seiner Rheuma-Kur zwei Aktenstücke studiert: eine Untersuchung über die soziale Herkunft von Frankreichs neuesten Auto-Besitzern und einen Rapport über die Vermögen großer französischer Unternehmer.

Diese »bestürzende Lektüre« (laut Pinay) wurde zur Initialzündung des Entwurfs eines neuen Preis- und Steuer - Systems, von dem man bislang noch nicht viel mehr weiß, als daß es »kriegswirtschaftliche« Tendenzen aufweist und unter anderem zum Ziele hat, die Preise für Lebensmittel - und dazu gehört in Frankreich auch der rote Pinard - in ein gesundes Verhältnis zum Einkommen der Franzosen zu bringen.

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