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ITALIEN Pista Bulgara

Die These von den Drahtziehern aus Sofia beim Papstattentat wird fragwürdig. Der Türke Agca, auf den sich die Vorwürfe stützen, hat anscheinend in mehreren Punkten gelogen. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Der Häftling Sergej Antonoff, sonst permanent traurig und depressiv gestimmt, war Ende September auf einmal guter Laune. »Endlich hat die Wahrheit triumphiert«, telegraphierte der schnauzbärtige Bulgare voller Genugtuung aus dem römischen Gefängnis Rebibbia an seine beiden italienischen Rechtsanwälte. »Agca ist der Verleumdung angeklagt. Bitte bemühen Sie sich um meine baldige Haftentlassung.«

Antonoff, seit zehn Monaten wegen angeblicher Beteiligung am Mordanschlag gegen Johannes Paul II. vom Mai 1981 in U-Haft, hatte guten Grund zu seinem - gemäßigten - Optimismus. Denn vor ihm lag, per Post zugestellt, die amtliche Mitteilung, daß die römische Justiz den türkischen Papstattentäter Mehmet Ali Agca nun wegen Verleumdung Antonoffs belangt.

Untersuchungsrichter Ilario Martella hatte sich überzeugt, daß der zu »lebenslänglich« verurteilte Terrorist bei einem oder gar mehreren antibulgarischen Vorwürfen bewußt die Unwahrheit sagte.

Der Kronzeuge der Anklage gegen die Terror-Aktivitäten bulgarischer Agenten in Italien steht mithin als Lügner da - das Verwirrspiel im Zusammenhang mit dem Papstattentat und angeblich anderen Komplotten wird immer bizarrer.

Roms Justizbehörde beteuerte nach den ersten Meldungen über die Wende in der Affäre Agca/Antonoff sogleich: Die Verleumdungsklage beziehe sich lediglich auf die Behauptung des Türken, Antonoff habe gemeinsam mit ihm im Januar 1981 die Ermordung des polnischen Arbeiterführers Lech Walesa bei dessen Rom-Besuch geplant.

Laut Agca sollte Antonoff helfen, ein Sprengstoffpaket in Walesas Hotel zu schaffen, um den »Solidaritäts«-Chef zu beseitigen. Diese Geschichte war offenbar frei erfunden. Ein Mitarbeiter Martellas witzelte: »Der Türke hat eben eine unstillbare Neigung zu orientalischen Märchen.«

Wenn aber Agca im Fall Walesa phantasierte, dann log er womöglich auch in seinen Angaben über Komplizen beim Papstattentat auf dem Petersplatz. Insbesondere wachsen die Zweifel an den Vorwürfen des Killers gegen bulgarische Funktionäre.

Die »Pista Bulgara«, die bulgarische Spur, war nach Agcas Enthüllungen und Antonoffs Verhaftung 1982 wochenlang das Diskussionsthema Nummer eins in Italien. Zahllose Polit-Profis und Kommentatoren überall im Westen erhoben aufgrund dieser Spur schwere Vorwürfe gegen den Osten.

So veröffentlichte die als Verschwörungsspezialistin geltende amerikanische Journalistin Claire Sterling ("Das internationale Terror-Netz") in »Reader's Digest« einen langen Artikel über die angeblichen Hintergründe des Papstattentats. Quintessenz: Der Mordplan wurde vom bulgarischen Staatssicherheitsdienst ausgeheckt.

Andere, prominentere Beobachter gingen noch weiter. Amerikas Ex-Außenminister Henry Kissinger etwa hielt es für »ziemlich schlüssig«, daß die perfiden Bulgaren 1981 letztlich im Auftrag Jurij Andropows handelten, des damaligen KGB-Chefs und jetzigen Generalsekretärs der KPdSU.

Zu solchen Phantasien paßt es ausgezeichnet, daß der polnische Papst die aufsässige Gewerkschaft »Solidarität« unterstützte und 1980 angeblich einen bösen Mahnbrief an Breschnew in Sachen Polen schrieb: Der KGB, so schien es den Theoretikern der »bulgarischen Spur«, hätte schon ein Motiv gehabt, den unbequemen Pontifex aus Polen zu beseitigen.

Mehmet Ali Agca gab all jenen, die wegen des Mordversuches den Osten verdächtigten, vor drei Monaten noch einmal kräftig Argumentationshilfe. Vor einem Verhör rief er wartenden italienischen Journalisten in Klartext zu: »Ich habe die Tat zusammen mit Antonoff verübt. Der Anschlag war vom KGB organisiert.«

Moskau und Sofia hatten von Anfang an geschimpft, für die »absurden Beschuldigungen« gebe es keinerlei Beweise. Jetzt, nach der Verleumdungsklage gegen den Türken, ist Agcas Glaubwürdigkeit schwer erschüttert. Die bulgarische Botschaft in Rom fordert unablässig, die italienische Justiz solle Antonoff, der bis zu seiner Festnahme Vize-Chef im römischen Büro der Fluglinie Balkan war, wegen erwiesener Unschuld freilassen.

Außer Antonoff hatte der Attentäter Agca noch zwei Bulgaren, Ajwazoff und Wassilieff, als Komplizen genannt. Beide arbeiteten 1981 in der Botschaft Sofias in Rom, kehrten aber noch rechtzeitig vor der Bulgaren-Jagd der italienischen Polizei in ihre Heimat zurück.

Mit diesem bulgarischen Trio will Agca zwischen dem 10. und 13. Mai 1981 den Mordplan in allen Details besprochen haben. Doch die Verteidiger Antonoffs sammelten inzwischen etliches Material, um den Türken zu widerlegen und seine Komplott-These zu zerpflücken. Beispiel: Am 10. Mai 1981, so behauptet Agca, habe er sich mit türkischen und bulgarischen Komplizen in Antonoffs römischer Wohnung getroffen. Angeblich diskutierte dort auch Antonoffs Frau Rossiza mit und servierte den Verschwörern schwarzen Tee. Aber Rossiza war laut verläßlichen Zeugenaussagen schon am 8. Mai nach Sofia abgereist. Ein stichfestes Alibi hat offenbar auch der Botschaftskassierer Ajwazoff.

Freilich: Selbst wenn Agca als Lügner überführt werden sollte, wäre das Zwielicht um das Papstattentat noch lange nicht aufgehellt. Denn dann bliebe die Frage: Wer hat den anfangs schweigsamen Türken im Gefängnis dazu gebracht, 1982 plötzlich die Bulgaren ins Spiel zu bringen? Die amtliche bulgarische Nachrichtenagentur BTA hat da längst eine Antwort parat: »Es waren

westliche Geheimdienste unter Führung der CIA.«

Völlig grundlos ist dieser Verdacht nicht. Denn immerhin steht fest, daß sich italienische Agenten intensiv mit dem Häftling Agca befaßten: Am 29. Dezember 1981 besuchten zwei Geheimdienstbeamte - ein Major Petruccelli und ein Dr. Bonagura - den türkischen Killer in der Strafanstalt Ascoli Piceno.

Anfang Februar 1982 erklärte Agca seinem damaligen Pflichtverteidiger in Ascoli Piceno überraschend: »Die Agenten haben mir versprochen, wenn ich auspacke, brauche ich nur zehn Jahre abzusitzen.« Wenige Tage später erwähnte der Verbrecher erstmals angebliche Drahtzieher aus Sofia beim Papstattentat.

Bulgariens Behörden mutmaßen unter diesen Umständen: Erst die italienischen Geheimdienstler hätten Agca, gegen Zusicherung eines Strafrabatts, die östliche Spur eingeredet und ihm Material über bulgarische Funktionäre in Rom zugespielt, darunter auch heimlich aufgenommene Photos von Antonoffs Wohnung.

Nur so lasse sich erklären, warum Mehmet Ali Agca beim Verhör 1982 relativ genaue Angaben über Antonoffs Appartement machen konnte.

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