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NORDIRLAND Pistole Im Mund

Werden unschuldige Zivilisten von britischen Soldaten gefoltert? Ist Londons Verteidigungsminister »schuld an Kriegsverbrechen«?
aus DER SPIEGEL 47/1971

Kein Wegweiser führt nach Long Kesh. Irgendwo an einer Landstraße, 20 Kilometer von der nordirischen Hauptstadt Belfast entfernt, lediglich ein Schild: »Vehicle Subdepot.

Dann, auf einem ehemaligen Militär-Flugplatz, das »Fahrzeuglager": Scheinwerfer, Stacheldraht, Baracken. Polizeiposten, Wachtürme, schwarze Warntafeln: »Gefahr -- Sperrgebiet -- Scharfe Hunde«.

Long Kesh ist nicht mehr Fahrzeuglager, Long Kesh ist Internierungslager für Aktivisten der illegalen Irischen Republikanischen Armee und solche, die verdächtigt werden, es zu sein. Long Kesh ist zugleich für Nordirlands Katholiken und »Englands Liberale zum Symbol geworden für britisches Unrecht.

»Die Erinnerung an Nazi-Konzentrationslager«, so der britische Unterhausabgeordnete Norman St. John-Stevas, »ist außerordentlich erschreckend«

Stacheldraht, Scheinwerfer, Hunde und Wachtürme dokumentieren die Ohnmacht der nordirischen Regierung und des britischen Militärs: Mit der Einrichtung von Long Kesh sollten Mord und Terror gestoppt werden, tatsächlich aber trieb Long Kesh eher mehr Bürger in die Reihen der IRA als IRA-Guerillas in die Kapitulation.

Denn trotz -- oder eben wegen -- der Internierungen haben die Terror-Tätigkeit der IRA und die Verbitterung in der Bevölkerung zugenommen. Bis zum 8. August dieses Jahres starben im nordirischen Kleinkrieg 30 Menschen, von Beginn der Internierungen am 9. August bis zum Freitag letzter Woche aber 95. Und die Lynchjustiz nimmt zu: Vergangene Woche wurden zwei Mädchen als »Soldatenliebchen« geteert.

Long Kesh dokumentiert nicht nur den Mißerfolg einer Strategie, sondern in den Augen der irischen Katholiken auch, was die Briten stets bestreiten: Englands Armee paktiert mit den Protestanten, denn, so Priester John Noel Fitzpatrick von der St. John"s Kirche an der Belfaster Falls Road: »Keiner der protestantischen Extremisten ist interniert worden, warum nicht?« Die Katholiken aber würden bei Verhören gefoltert, geschlagen, gequält.

Die Gefangenen, so klagte vorige Woche auch »Amnesty International«, seien »grausamen körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt«. zudem würden sie »psychisch gequält, um ihren Willen zu brechen«- Die Behauptungen der Inhaftierten seien »offensichtlich wahr«.

Und das behaupteten Internierte oder ihre Verwandten: Ihr Mann, so berichtete eine Frau der »Irish Anti Internment League«, sei gezwungen worden, barfuß über 300 Meter Boden zu laufen, der mit Glasscherben, Stacheldraht und Steinen bedeckt war. Man habe ihnen die Arme verdreht, Haare ausgerissen, auf die Finger und in die Genitalien getreten, schrieben sechs Gefangene in einer Dokumentation, die Premier Edward Heath überreicht wurde.

Ein Polizist habe ihn während des Verhörs in den »Palace Barracks« (bei Belfast) gefragt, ob er schlechte Zähne habe, behauptet der Internierte Michael Mallon. »Als ich dies verneinte, sagte er: »Laß mal sehen. Ich öffnete meinen Mund, und er stieß den Revolverlauf hinein. Dann fragte er mich, ob ich einen Priester sehen wollte oder einen anderen Scheißheiligen.« Danach fühlte Mallon einen Schlag direkt am Kinn und Mund: »Er hatte abgedrückt. Ich sah den Revolver zittern und spürte einen heißen Luftstrom im Mund ... Sie schossen mit Schreckschuß-Munition.«

Er habe stundenlang mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen an der Wand eines Raumes stehen müssen, in den ununterbrochen ein kreischender Ton gesendet worden sei, erklärte ein Patrick Chivers. Man habe ihm eine Kapuze über den Kopf gestülpt, mehrfach sei er zusammengebrochen, drei Tage sei er ohne Essen und Schlaf geblieben.

Und Werftarbeiter Seamus Lynch, nach seiner Festnahme von britischen Soldaten in die »Girdwood Park Military Barracks« transportiert, mußte wenig später ärztlich behandelt werden. Befund: ausgerenkte Schulter, Prellungen am Körper und im Gesicht.

Die Theorie, daß diese Behauptungen allesamt von IRA-Propagandisten erfunden worden seien, »scheint angesichts der Beweise kaum haltbar«, schrieb die »Sunday Times«. Die Armee hätte offensichtlich »die Tatsache ignoriert oder nicht gewußt«, daß die große Mehrheit der Internierten »im wahrsten Sinne des Wortes Zivilisten sind«. Gegen diese (derzeit etwa 400) Internierten wurde nie Anklage erhoben.

Zwar setzte die Londoner Regierung eine Kommission ein, die ihren Befund über die angeblichen Folterungen veröffentlichen wird. Gleichwohl will Englands Innenminister Maudling die Internierungspolitik vorerst nicht ändern: Niemand könne Interesse daran haben, »Menschen freizulassen, die den Reihen dieser Mörder beitreten würden«.

Sollten die politischen Gefangenen tatsächlich gequält worden sein, dann ist -- so der Abgeordnete McManus -- Englands Verteidigungsminister »schuld an Kriegsverbrechen«.

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