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Artikel 61 / 75

Briefe

PIUS UND DIE DEUTSCHEN
aus DER SPIEGEL 49/1964

PIUS UND DIE DEUTSCHEN

Einmal mehr hat der SPIEGEL mit seinem Artikel über die Rolle des Papstes Pius XII. während der Hitler-Epoche Licht in das Dunkel der Zeitgeschichte gebracht. Daß der Heilige Vater (wie selbst der italienische Vatikan-Botschafter Pignatti di Custoza behauptete) »Papst der Deutschen« war, ist wohl nicht als verwerflich zu bezeichnen, doch daß der Stellvertreter Christi und das Oberhaupt der 34 Millionen deutschen Katholiken in der Öffentlichkeit nichts gegen die Kriegsanstrengungen des Dritten Reiches unternommen und sich wohl nie gegen die Verbrechen der Nazis geäußert hat, spricht nicht für die christliche Diplomatie des Vatikans und seines ehemaligen Oberhauptes.

Dortmund NORBERT HEINRICHS

War es die Reverenz vor einem toten Mann oder war es die Achtung vor einem großen Papst, die Sie zu der Laudatio über Pius XII. trieb? In jedem Falle gebührt Ihnen Dank für diese objektive Dokumentation, die sich nicht nur im Stil, sondern auch in der genauen Darstellung von den anderen Produkten Ihres Magazins positiv unterscheidet. Beweist Ihr Artikel doch, daß man an einen Literaten wie Hochhuth nicht den Maßstab der objektiven Historiographie anlegen kann und bei einer Teilanalyse - wie Friedländer es glaubte tun zu müssen - leicht zu einem Fehlurteil gelangen kann.

Krefeld HANS-JOSEF HOLTAPPELS

Der »Papst der Deutschen« sei im Sommer 1943 am Zustandekommen eines Waffenstillstandes zwischen den Achsenmächten und den westlichen Alliierten mehr als nur interessiert gewesen, um auf diese Weise, wie Gesandter von Krug zu melden wußte, eine »europäisch-amerikanisch-christliche Einheitsfront gegen das (bolschewistische) Asien zu schaffen«. Diese durchaus plausible These Friedländers suchen Sie dadurch zu entkräften, daß Sie auf »eine Lücke« in der Dokumentensammlung des Genfer Historikers

hinweisen: »Kein diplomatisches Aktenstück stützt seine Vermutung, der Vatikan habe das Hitler-Reich konservieren wollen.« Überdies habe Pius XII. »seit Kriegsbeginn mit deutschen Widerstandsgruppen zusammengearbeitet«.

Nun, das eine braucht das andere nicht auszuschließen. Daß Pacelli die Nazis nicht mochte - was ja auch Hochhuth nicht bezweifelte -, mußte nicht gleich dazu führen, deren Sturz um jeden Preis herbeizuführen. Im Gegenteil, solange Hitlers Wehrmacht dem Papst als allein ausreichendes »materielles« Bollwerk gegen die »bolschewistische Gefahr« erschien, mußte dem Diplomaten, auf dem Apostolischen Stuhl der deutsche Diktator möglicherweise viel weniger unangenehm sein als der ganz offen atheistische Stalin.

Rüsselsheim GERHARD KRÜGER

Nicht Ihr Text, aber die Bildunterschriften lassen auf den ersten Blick vermuten, auch im »Stellvertreter« werde ein Papst gezeigt, der sich bemüht habe, »das Hitler-Reich zu konservieren«. Das entspricht aber weder den Dialogen noch dem Nachwort meines Stücks, die vielmehr diese Frage in der Schwebe halten, in der sie vielleicht für immer bleiben wird. Der Pacelli meines Trauerspiels läßt keinen Zweifel daran, daß er »Herrn« Hitler und dessen Ostfront nur erhalten wissen will, solange sie unbedingt nötig sind. Daß sie überhaupt nötig sind, diese Meinung verficht er allerdings - und hat, zwar nicht als Heiliger Vater, wohl aber als erster Diplomat Roms, auch zweifellos recht damit. Er wußte - ein Beispiel für zahlreiche - seit 1940 von einer innerdeutschen Opposition, aber schließlich auch von ihrer totalen Handlungsunfähigkeit; ihre militärischen Angehörigen handelten seit vier Jahren für Hitler, indem sie ihm den Kontinent zu Füßen legten. Der Papst kannte auch damals schon, und er spielt auf dieses Wissen im 4. Akt an, die arrogante und dumme Antwort, die Sir Samuel Hoare, Churchills Botschafter in Madrid, im Februar 1943 auf die vom Vatikan inspirierten Vermittlungsvorschläge Graf Jordanas erteilt hatte; dieser Außenminister Francos hatte an Hoare geschrieben, »daß England sich bei nüchterner Betrachtung der Tatsache bewußt werden müsse, daß niemand im Falle eines sowjetischen Sieges über Deutschland Rußland in seinen Grenzen zu halten vermag«.

Man darf aber nicht vergessen, daß Pius XII. - wie Churchill und wie die deutsche Opposition - berechtigte Angst vor einem Separatfrieden zwischen Hitler und Stalin hatte. Aus diesen Erwägungen mag er als kleineres Übel die Waffenruhe zwischen Hitler und dem Westen und eine gemeinsame Front gegen Rußland zeitweise erwogen und dem Jesuitengeneral, dem Grafen Ledochowsky, erlaubt haben, mit dem Hitler-treuen deutschen Geheimdienst - also nicht mit dem Canaris -Kreis - solche Pläne zu entwickeln. Ledochowsky starb aber schon im Februar 1942. Daß Weizsäcker, den Trott zu Solz vor Freisler bei seiner Aburteilung nach dem 20. Juli als, Haupt der Verschwörer in der Wilhelmstraße bezeichnet hat

- Trott wußte, daß der im Vatikan internierte Weizsäcker vor dem Zugriff der Gestapo sicher war -, daß Weizsäcker bis zur Besetzung Roms durch die Alliierten den Papst immer wieder in Berlin als reichsfreundlichen Kommunistenfeind anpries, spricht vielleicht dafür, daß auch Weizsäcker noch damals zuerst eine Vermittlung zwischen Reich und Westmächten und danach Hitlers Sturz anstrebte. So hat ja auch Graf Werner Schulenburg zunächst im Auftrag Hitlers mit Stalin Friedensverhandlungen führen - und erst einen absichernden Waffenstillstand dazu benutzen wollen, Hitler zu beseitigen. Vermutlich fürchtete er, Hitlers Erledigung vor einem Waffenstillstand mit Stalin bringe die Ostfront zum Einsturz.

Solange Weizsäckers persönliche Notizen über seine Gespräche mit Pius XII. 1943/44, »dem guten Brauch der Kurie folgend«, wie er in seinen Memoiren sagte, verschlossen bleiben, ist nicht exakt abzulesen, wie er sich die Herbeiführung eines Waffenstillstandes vorgestellt hat. Diese Vorstellungen werden selbstverständlich mit der jeweiligen Kriegslage gewechselt haben, bei Weizsäcker und beim Papst. Beide wußten jedenfalls, daß die deutschen Verbrechen jede Vermittler-Tätigkeit störten und den Fanatismus der Gegenseite stärkten. Und so schwiegen beide zum Abtransport auch der römischen Juden. Wie der SPIEGEL schreibt: »In Eugenio Pacelli hatte der Diplomat über den Heiligen Vater triumphiert.«

Basel ROLF HOCHHUTH

Ich habe zehn Jahre lang unter Pius XII. in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana studiert und sehr oft mit meinen Kollegen oder Oberen den Papst gesehen und gesprochen. Ich bin allerdings Laie geblieben. Jede Nation hat den Papst immer besonders für sich beansprucht - er war auch Freund aller Nationen, wie es seinem geistlichen Auftrag auch entsprach.

Ich bekomme immer einen faden, ungemütlichen Geschmack, wenn unsere deutschen Autoren nun dem Papst Pius XII. die Schuld an der Judentragödie zuzuschieben versuchen. Sind wir nicht das letzte Volk der Erde, das ein Recht hat, in diesem Punkt mitzureden? Unser von uns gewählter und zwölf Jahre lang getragener »Führer« hat uns ein solches Recht gründlich genommen.

Frankfurt IVO HLADEK

Ich glaube ja nicht, daß Sie ernsthaft die Ansicht vertreten, der Papst habe nicht alles versucht, was in seiner Macht steht, um von den vielen Übeln das kleinere zu wählen?

Witten (Ruhr) PAUL NIKOLAJCZYK

Bei der Auswertung der Dokumente aus dem Ribbentropschen Auswärtigen Amt über die Einstellung von Papst Pius XII. gegenüber Deutschland muß eine Reihe wichtiger Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

Viele diplomatische Berichte aus der Deutschen Botschaft beim Vatikan sowie von mir geführte Vernehmungen ehemaliger Diplomaten lassen erkennen, daß in den diplomatischen Berichten über Papst Pius XII. seine Haltung gegenüber Deutschland nicht objektiv, sondern stark gefärbt abgegeben wurde. Um die eigene Stellung zu festigen und als Kotau gegenüber der Berliner Zentrale deuteten Diplomaten in den Berichten laufend mehr oder weniger an, sie hätten den deutschfreundlichen Papst auch unter ihrem Einfluß. Dabei verschwiegen sie, daß gerade Pius XII. einen sehr scharfen Unterschied zwischen »Deutschen« und »Nationalsozialisten« machte. Sosehr er Deutschland liebte, sosehr verachtete er den Nationalsozialismus und seine sogenannten »Führer«.

Dies ergibt sich nicht nur aus zahlreichen Gesprächen mit seinen Vertrauten, sondern aktenmäßig aus den Berichten und Informationen, die das Reichssicherheitshauptamt über den Vatikan bekam. Auf Veranlassung Kaltenbrunners wurden Spitzel in den Vatikan eingeschleust und auf Kirchenfürsten angesetzt, die mit dem. Vatikan laufend Kontakt hatten. Diese berichteten übereinstimmend über die nazifeindliche Haltung von Pius XII. Kaltenbrunner ließ zum Beispiel auch ständig den New Yorker Erzbischof Spellman beobachten, wenn dieser in Europa war. Das Reichssicherheitshauptamt hatte Spellman in Verdacht, er stärke im Auftrage von

Pius XII. den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und seine Aktionen gegen Nazideutschland.

Auch auf die deutschen Erzbischöfe wurden vom Reichssicherheitshauptamt Spitzel angesetzt, um durch sie die Stellung von Pius XII. gegenüber dem Nationalsozialismus zu erkennen. Ein solcher Vertrauensmann berichtete zum Beispiel an Kaltenbrunner, der Freiburger Erzbischof Gröber habe über Papst Pius XII. Ende 1943 geäußert: Pius XII. sei der Meinung, die römischkatholische Kirche könne mit aufopfernder Arbeit in Rußland Erfolge erzielen, wenn man auch gegenüber Stalin sehr mißtrauisch sein müsse. Über den Nationalsozialismus habe der Papst zu Gröber geäußert, daß verbrecherische Akte zwischen ihm und dem Nationalsozialismus stünden.

Die Berichte des Reichssicherheitshauptamtes über Papst Pius XII. haben die nationalsozialistische Führung in ihrer Feindschaft gegen den Vatikan bekräftigt und zu Alfred Rosenbergs Vorschlag an Hitler geführt, jeder katholische Staat müsse sich später einen eigenen Papst wählen; die christlich-jüdische Pest müsse nach dem Kriege völlig ausgerottet werden. Während des Krieges sollten jedoch Gewaltschritte gegen den Vatikan unterbleiben. Allein in dem Kreise um Martin Bormann wurde während der zweiten Kriegshälfte noch der Gedanke erwogen, sofort Gewaltmaßnahmen gegen Papst Pius XII. zu

unternehmen. Die von Bormann geplante Entführung von Pius XII. aus Rom unterblieb jedoch.

Frankfurt DR. ROBERT M. W. KEMPNER

Das Verhalten Pius' XII. während der faschistischen Terrorzeit beweist, daß die katholische Kirche in erster Linie eine totalitäre Institution darstellt, deren oberstes Anliegen es ist, ihre Macht und ihren Einfluß in der Welt zu erweitern und zu vergrößern. Der vom Christentum als vornehmste Zielsetzung betonte Grundsatz der menschlichen Nächstenliebe erscheint nur als eine bedeutungslose Redensart und lediglich als äußere Legitimation dieses Machtstrebens.

Wiesbaden DR. HANS-PETER VOGT

Die Diplomatie Papst Pius' XII. ist in dem Artikel nicht besser gekennzeichnet als in dem Satz: »Wenn es um katholische Länder ging, kannte die Tatkraft des Papstes keine Grenzen.« Wer könnte jemals eine andere Haltung irgendeines anderen Papstes erwarten? Die anvisierte Linie scheint ganz selbstverständlich auch die diplomatische Basis Pauls VI. zu sein, jedenfalls soweit dies aus seinen Formulierungen, beziehungsweise dem Tun seines Klerus bisher hervorgeht:

Unna HERMANN WILDE

Jedenfalls war Pius XII. klüger und weitsichtiger als Roosevelt, Churchill und Gefolge; allerdings hat seine Zweckmoral seine Funktion als »Stellvertreter Christi« beziehungsweise diese Institution überhaupt ad absurdum geführt.

Berlin KLAUS WENZEL

Zu Ihrem Artikel »Pius XII. und die Deutschen« muß ich bitten, folgende Richtigstellung veröffentlichen zu wollen:

Nie war ich Korrespondent des vatikanischen Blattes »L'Osservatore Romano«. Die italienischen Zeitungen, die ich jahrelang in Berlin vertreten habe, waren durchweg liberaler Richtung. Wenn ich privat oder öffentlich mich für das Werk und die Person Pius' XII. stets eingesetzt habe, dann ausschließlich auf Grund meiner Bewunderung und Verehrung für diesen großen Papst. Von den zwei vom SPIEGEL in Anführungszeichen zitierten Sätzen, wurde nur der erste von Pius XII. ausgesprochen.

Wenn ich im Bekanntenkreis von jener unvergeßlichen Audienz erzählt habe, mag ich wohl im Lauf der Unterhaltung hinzugefügt haben: »Was wollen Sie, Er (das heißt, der Heilige Vater) wußte nur zu gut, daß sie (das heißt, die deutschen Soldaten) die Treue geschworen hatten und nun gehorchen mußten.« Das war aber nur ein persönlicher Kommentar von mir.

Berlin EDOARDO SENATRA

Der Papst-Kritiker Hochhuth wird sich freuen, in dem Geschichtsprofessor Dr. Friedländer einen weiteren Vertreter der jungen Generation gefunden zu haben, der genau wie er die Einstellung Papst Pius' XII. gegenüber dem Nazi-Regime sowie die passive Haltung des Vatikans zur Judenverfolgung kritisiert. Saul Friedländers Buch, das in deutscher Sprache leider erst im Frühjahr erscheinen soll, verspricht ein noch größerer Bestseller zu werden als das Hochhuth -Drama »Der Stellvertreter«. Nicht zuletzt, weil Friedländer Einblick in Unterlagen nahm, die berichten, daß Pius noch 1941, als Euthanasie und Gettos lange bekannt waren, die Berliner Oper zu einem Gastspiel nach Rom eingeladen hatte.

Neumünster (Holst.) MARIANNE SEIBICKE

Friedländer bestreitet den dokumentarischen Wert von Berichten, über erfolgreiche Hilfsmaßnahmen der Kirche gegenüber den Juden. Damit bezweifelt er offensichtlich auch den »dokumentarischen Wert« seiner eigenen Person, der er doch in einem katholischen Kloster Unterschlupf vor der Judenverfolgung fand!

Freising DR. EDMUND RENNER

Pius-Titel

Hochhuth

Kempner*

* Stellvertretender US-Hauptankläger bei den Nürnberger Prozessen.

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