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ISRAEL Pizza, Pernod und Panik

Soll sich Israel mit einer Mauer abschotten? Gehört Arafat auf eine Todesliste - oder Scharon aus dem Amt gejagt? Haben Friedensverhandlungen noch eine Chance? Der Boulevard Scheinkin in Tel Aviv gilt als Stimmungsbarometer der Nation: Es steht auf Sturm. Von Erich Follath
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 37/2001

Hier fühlen sie sich zu Hause, die Schüler von David Ben-Gurion und Bill Gates. Hier muss sich keiner dafür rechtfertigen, dass er den Messias anbetet, den Mammon oder die Popsängerin Madonna. Hier begegnen sich linke Friedensaktivisten im Pensionsalter, rechtsgerichtete Religionsstudenten und atheistische Computerfreaks. Sie schlendern durch schicke Boutiquen, die jemenitischen und amerikanischen und polnischen Juden gehören, sie trinken in verwinkelten Hinterhöfen Kaffee, sie diskutieren über ihre persönliche Zukunft und die Lage der Nation. Sie mögen sich, weiß Gott, nicht alle - aber sie üben Toleranz. Treffpunkt Boulevard Scheinkin.

Die Straße hat eine Länge von einem Kilometer, liegt in der Nähe des Karmel-Markts und damit im Herzen von Tel Aviv. Sie erinnert ein wenig an New Yorks Lower East Side oder Londons Hamstead Heath: so chaotisch, so aufreizend hässlich, so vital. Baukräne reißen gerade wieder Zahnlücken in das anarchische Straßengebiss. Ungebremst wirkt der Wildwuchs, permanent die Improvisation. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, sind hier einige der traditionsreichsten Restaurants des Landes, Versammlungsorte von Politikern wie Journalisten.

Vielen ist die Scheinkin mehr als ein faszinierender Ort für ein Rendezvous: ein Sinnbild des demokratischen, weltoffenen Israel, ein Stimmungsbarometer der Nation - nicht nur geografisch weit entfernt von diesem schrecklich heiligen Jerusalem mit den fast unlösbaren Problemen und den täglichen Ausbrüchen von Hass und Gewalt. Hier konnte man lange den Nahost-Konflikt negieren. Gaza, Hebron, Ramallah - böse Nachrichten aus einer anderen Welt.

Doch der Terror ist auch in Tel Aviv angekommen. 1994 zum ersten Mal, als am nahen Dizengoff-Boulevard eine Bombe in einem Bus detonierte. Besonders dramatisch in jener Nacht des 1. Juni 2001, als sich einige hundert Meter von der Scheinkin entfernt ein palästinensischer Selbstmordattentäter vor einer Stranddiscothek beim »Dolphinarium« in die Luft sprengte und 21 Jugendliche mit in den Tod riss.

Hamas- oder Dschihad-Attentat, israelische Vergeltung, neuer palästinensischer Anschlag. Und wieder gezielte israelische Rache durch Bombardierung palästinensischer Polizeistationen oder das »Ausschalten« - heißt: Liquidieren - potenzieller Gewalttäter. Alle sind sich einig, dass es so nicht weitergehen kann, so nicht weitergehen darf. Doch kennt jemand den Weg aus der Katastrophe, in die der Nahe Osten immer schneller schlittert?

Es gibt verschiedene Vorschläge, den Teufelskreis zu durchbrechen. Der frühere Premier Ehud Barak rät zu einer sofortigen einseitigen Separation von den Palästinensern - Israel solle einige seiner besonders exponierten Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen aufgeben, dann eine Grenze zum Autonomiegebiet festlegen und diese per Mauer und Stacheldraht gegen alle Kontakte schützen; nach einer »Abkühlzeit« von einigen Jahren könnte die Abschottung überprüft werden.

Der Barak-Freund und Nahost-Kenner Thomas Friedman von der »New York Times« denkt, dass die Nato das Westjordanland und den Gaza-Streifen übernehmen und dort auf israelische Einladung einen »Nato-regierten palästinensischen Staat à la Kosovo und Bosnien errichten sollte«. Also auch Deutsche an die Front.

Der stellvertretende Jerusalemer Polizeiminister und ehemalige Vize-Chef des Inlandgeheimdienstes Gideon Esra regt an, potenzielle Selbstmordattentäter dadurch abzuschrecken, dass Israels Regierung ein »Auslöschen« ihrer ganzen Familie ankündige; außerdem sollten die Überreste solcher Mörder zusammen mit dem Blut von in den Augen der Muslime unreinen Schweinen beerdigt werden - als Zeichen der Verachtung.

Der amerikanische Starkolumnist und Pulitzer-Preisträger Charles Krauthammer hält es für »unvermeidlich«, dass Israel von sich aus einen Krieg beginnt. »Jedes Element der Infrastruktur in Arafats Polizeistaat muss zerstört werden: Hauptquartiere, Polizeistationen, Fernsehstationen und regierungsnahe Zeitungen.« Einige Tage gibt der einflussreiche Publizist den Israelis für einen »überwältigenden und massiven« Feldzug; er ist überzeugt, dass es sich bald so ereignen wird, »vielleicht nicht nach dem nächsten Terroranschlag (gegen Juden), aber nach dem übernächsten«.

Kommt wirklich die einseitige Trennung, droht gar ein Krieg - oder haben die Gespräche, die Jassir Arafat und Schimon Peres auf Anregung des deutschen Außenministers Joschka Fischer für die nächsten Wochen planen, doch noch eine Chance? Was denkt die Scheinkin?

»In der Nacht des Disco-Anschlags am 1. Juni klopfte es an meine Tür. Meine Nachbarin erzählte mir voller Panik, ihr Sohn sei da zum Tanzen - also fuhr ich mit ihr zum Dolphinarium«, erzählt der Schriftsteller Yoram Kaniuk, 71, im Café Tamar. Seine Stimme stockt noch immer, wenn er zurückdenkt. »Furchtbar. Das große Schlachten. Überall abgerissene Arme, Beine, mal ein Kopf. So etwas vergisst man nie - und es hinterlässt Spuren.«

Es herrscht Hochbetrieb in der Kneipe der linken und liberalen Intellektuellen auf der Scheinkin. Fast alle sind Stammgäste, manche seit dem Eröffnungsjahr 1954. Schwer zu sagen, was sie am Tamar finden. Die Plastikstühle sind von erlesener Hässlichkeit. Auf dem Tresen steht eine alte Waage, die wackeligen Tische wirken wie vom Sperrmüll. Zwischen zwei abgehackten Baumstämmen im Ladeninneren, die als eine merkwürdige Dekoration dienen, hängen Bilder und Poster von »Frieden Jetzt«-Aktivisten. Und überall Zeichnungen, Karikaturen, Fotos von Jizchak Rabin, der hier regelmäßig seinen Kaffee trank.

Vielleicht ist es gerade diese hemdsärmelige Atmosphäre, die alle anzieht, das Wissen um die kontroverse und hochkarätige Diskussion, die sich im Tamar jederzeit führen lässt - das Café ist eine Institution. Auch das blitzblanke neue McDonald''s-Restaurant, das kürzlich auf der anderen Straßenseite eröffnet wurde und in das die Jugendlichen drängen, kann diesem literarischen Hinterhof-Salon nichts anhaben. Autor Kaniuk ("Der letzte Jude") begrüßt den gebrechlichen Kapitän der »Exodus«, der gerade hereinkommt. Dann sagt Kaniuk, dass er nicht mehr an den Frieden glaubt.

»Wir Friedensbewegte wurden benutzt. Aber vor allem haben wir uns selbst etwas vorgemacht«, meint der Schriftsteller, der im Unabhängigkeitskrieg mit der Waffe in der Hand um seinen Staat gekämpft, dann ein Leben lang für die Aussöhnung mit den Palästinensern gestritten hat. Kaniuk hält ein Abkommen mit der anderen Seite nicht mehr für möglich, seit Barak die Forderungen Arafats »zu 97 Prozent erfüllte« und der in Camp David doch nicht zum Handschlag bereit war. »Wir haben den ganzen Konflikt falsch verstanden. Die Palästinenser wollen keinen territorialen Kompromiss, sie beanspruchen das Rückkehrrecht für ganz Palästina, wie Arafat übrigens immer wieder betont hat. Das ist ihnen so zentral und unverzichtbar wie uns Juden das Einreiserecht nach Israel.«

Die linken Vorstellungen von einer Fortsetzung des Oslo-Friedensprozesses durch Treffen von Peres und Arafat sind nach Kaniuks Ansicht genauso illusorisch wie die rechten Vorstellungen, die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten ewig halten zu können. »Es hilft jetzt nicht, nach Frieden zu suchen, es geht nur darum, den Terror einzudämmen. Eine behutsame Trennung muss her mit Formeln, um die Feindschaft abzukühlen. Auch wenn es auf beiden Seiten nicht mehr sein wird als ein Leben auf Rasiermessers Schneide.«

Ist das nicht zu wenig nach all den Jahren der Annäherung zwischen den semitischen Völkern mit dem gemeinsamen Urvater Abraham? »Jede Seite versucht, sich einzugraben. Unser Traum, dass dieser nahöstliche Alptraum einmal enden könnte, ist verloren gegangen«, sagt der große alte Mann der israelischen Literatur. »Zurück bleibt der schale Geschmack vertaner Chancen.«

In seiner Heimat hat Kaniuk gerade ein ironisches Buch über die englische Königin und ihre angeblichen Seitensprünge veröffentlicht: »Die Königin und ich«. Nur nichts Politisches in diesen Zeiten - »die Leute wollen lachen, und das haben sie auch verdient«. In Deutschland wird als Nächstes eine literarische Bilanz seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Land von Goethe und Grass, Heine und Hitler erscheinen. Kaniuk, dessen Vater ihm immer von Heidelberg vorgeschwärmt hat, sagt zum Abschied: »Trotz allem, was Deutsche Juden angetan haben, verstehen diese beiden Völker einander immer noch besser als Juden und Palästinenser.«

An der nächsten Kreuzung der Scheinkin protestieren junge israelische Tierschützer gegen die Massenhaltung von Hühnern in Käfigen, für mehr Auslauf. Kaum einer beachtet sie. Daneben verteilt die Israel School of Fools Handzettel für »die preiswerte Ausbildung zum Clown«. Ein paar Passanten greifen danach. Doch wesentlich größer ist der Andrang in dieser Mittagshitze bei Doktor Leck, dem Fachgeschäft für Eiscreme.

Unter den auffallend hübsch gekleideten Mädchen - Schlaghosen, knappe Tops, bauchfrei - fallen zwei Soldatinnen in Khaki-Uniformen auf, die Uzis lässig über die Schultern gehängt. Ihr Diskussionsstoff: die allgegenwärtige Angst vor dem Terror, die Gefahr eines Kriegs. Und der Plan des israelischen Verteidigungsministeriums, eine Samenbank für Soldaten einzurichten.

»Es gibt keinen Grund, einem jungen Soldaten, der nicht sicher ist, ob er lebend wieder zurückkommt, das Recht auf Kinder zu nehmen«, hat der Ministeriumssprecher erklärt und versprochen, auch unverheiratete Freundinnen der Wehrpflichtigen sollten die Samenbank nutzen können. Zudem hätten doch die Eltern getöteter Soldaten das Recht, etwas zu erhalten, was an ihre Söhne erinnert - und was wäre da mehr wert als ein Enkelkind? Ein Ausschuss werde jetzt religiöse, juristische und medizinische Aspekte des Vorhabens prüfen.

Keine Diskriminierung der Frauen beabsichtigt: Sarah weiß, dass zumindest für Frauen in Kampfeinheiten schon verlangt wurde, Eier für eine spätere Verpflanzung aufzubewahren. Ihre Kollegin Rachel schüttelt den Kopf und meint: »Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Vielleicht wäre es besser, unsere Bosse sorgten dafür, dass wir erst gar nicht umgebracht werden.« Ihren vollen Namen will sie ebenso wenig nennen wie Kollegin Sarah - »Interviews sind bei der Armeeführung anzumelden«, sagen die beiden.

Mit den freizügigen Passantinnen und den gestylten Verkäuferinnen der Modeboutiquen »Elite« oder »Rave« hat der Scheinkin-Resident Abraham Leib Burstein, 29, etwa so viel zu tun wie Porno mit der Bibel. Burstein gehört zu den besonders religiösen Chassidim. Er ist stolz auf seine Schläfenlocken, den Vollbart, den schwarzen Umhang der Orthodoxen; seine gleichfalls strenggläubige Freundin verbirgt mit einem Kopftuch jede Haarsträhne und trägt inmitten der sexy Outfits auf der Scheinkin ein knöchellanges Sackkleid mit blickdichten, dunklen Strümpfen. Ein großes Schild wirbt für Bursteins Geschäft mit religiöser Literatur und Klezmer-Musik.

Burstein hat nichts gegen Araber, sagt er. Er habe sogar schon mit welchen Tee getrunken. »Aber wie sollen wir mit ihnen gemeinsam leben, wenn sie unsere Brüder wegbomben?« Eine politische Lösung gebe es nicht, weder Krieg noch Rückzug, die einzige Chance liege im permanenten Gebet - und im Optimismus. »Verzweifle nie! Es ist verboten, die Hoffnung aufzugeben«, lautet einer der wichtigsten Lehrsätze des Rabbi Nachman von Brazlaw (1771 bis 1810), den Burstein und seine Gemeinde verehren. Und den sie auch für die Tagespolitik konsultieren.

Die Friedenstaube und das Abrüstungsmotiv sind out bei den Tätowierungskünstlern von Dragon Tattoo nebenan. Stattdessen sind ganz andere, unpolitische Bilder zum Sticheln und als Hautaufkleber gefragt: wilde Blumenmuster, Drachen, fernöstliche Mystik. Retro-Flower-Power der sechziger Jahre gilt bei den israelischen Jugendlichen modisch als ebenso angesagt wie Retro-Achtziger. »Unsere Gegenwart ist beschissen, und wir haben Angst vor der Zukunft«, sagt ein junger Student, der sich die Tattoo-Auslage betrachtet. »Was bleibt uns schon anderes übrig, als in die Vergangenheit zu fliehen?«

Auf der Scheinkin werben nicht nur die globalisierten Allerweltsboutiquen des GapGucchiGuess, sondern auch Israel-spezifische Geschäfte um Kunden. Knallharter Wettbewerb regiert, Moden kommen und gehen, die Fluktuation ist groß. Da gibt es beispielsweise einen neuen Laden für frisches Olivenbrot, einen anderen für Seifen aus besonderen nahöstlichen Kräutern. Das Geschäft für Krücken und andere menschliche Ersatzteile, immer schon irritierend und deplatziert auf dieser Flaniermeile, ist seit einigen Monaten weg. »Die mussten sich vergrößern«, sagt einer der Kaufleute.

Zu den schönen Cafés auf der Scheinkin, kurz bevor sie in Falafel-Ständen und dem umtriebigen Karmel-Markt endet, gehört das Sus Ez, das Schaukelpferd.

Hier ist gelegentlich auch der Schriftsteller und Soziologe Ruvik Rosenthal, 55, zu Gast. Er sieht sich als Linker im israelischen Spektrum, zog während der ersten Intifada gemeinsam mit palästinensischen Aufständischen durchs besetzte Westjordanland. Der Abschluss der Friedensvereinbarungen von Oslo 1993 war einer seiner »glücklichsten Tage«. Doch jetzt fühlt er sich von Arafat verraten und

von Scharon sowieso. Der psychische Schaden beider Völker sei womöglich schon irreparabel. »Die Israelis sind sich nur in einem sicher: dass die Palästinenser sie hassen, umgekehrt ist es genauso. Wir klettern eine Leiter hinauf, deren Sprossen hinter uns verbrennen - der Weg hinunter wird unmöglich.«

Der Geschichtsprofessor Mosche Zimmermann, 57, ist noch radikaler in seinem Urteil - und unerbittlich gegenüber der israelischen Politik, vor allem gegenüber den illegalen Siedlern in den besetzten Gebieten. »Die Frage, was Palästinenser zu Terroranschlägen treibt, wird gar nicht gestellt. Man setzt sie schlicht auf die Liste der ewigen aggressiven Antisemiten, die Juden gefallen sich in der Rolle der ewigen Opfer.« Keines der diskutierten Konzepte habe einen Hauch von Erfolgschance, auch die Idee von der einseitigen Trennung nicht: »Wir träumen von einer Wunderwaffe. Aber es gibt sie so wenig wie die Wunderwaffe für die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.«

Zimmermann bedauert, dass die israelische Friedensbewegung »so stumm« geworden sei. Und er beklagt die zunehmende Verrohung der israelischen Gesellschaft. »Unglaublich, dieser Vorschlag des Vize-Polizeiministers, die Sippenhaft in Israel einzuführen und die Familien von Selbstmordattentätern zu liquidieren. Und fast genauso schlimm, dass ein öffentlicher Aufschrei dagegen ausblieb, dass die Geschichte keine Spuren hinterließ.«

Haben denn nicht Intellektuelle wie die Autorin und Auschwitz-Überlebende Cordelia Edvardson ihre Scham über diese faschistoiden Ideen öffentlich gemacht? »Natürlich gibt es ''das andere Israel'' noch, das sich nicht anstecken lässt, aber der große Aufstand der Anständigen war das nicht«, sagt der Professor für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Befindet sich Israel denn nicht in einem Kriegszustand? Kann irgendjemand in einer solchen Situation nur ruhig dasitzen und über Kants Sittenlehre diskutieren? Ist es womöglich sogar verständlich, wenn international gültige Normen gebrochen werden und moralische Maßstäbe verloren gehen?

Zimmermann lässt solche Rechtfertigungsversuche nicht gelten. Jeden Tag fährt er von Tel Aviv den Berg hinauf zur Heiligen Stadt. Er nimmt die kürzere, aber weitaus gefährlichere Straße, von der die Armee abrät, weil sie durch palästinensisch kontrolliertes Gelände führt. Sechs Israelis sind in den letzten elf Monaten der Aksa-Intifada auf dieser Straße nach Jerusalem bereits durch einen Hinterhalt umgekommen. »Mir passiert schon nichts«, sagt der Historiker - als müsse er durch seinen Mut beweisen, dass die Normalität noch eine Chance hat.

Normalität ist auch das Stichwort für die Jugendlichen. Viele treffen sich in der Disco, die am schrecklichen Terror-Schauplatz Dolphinarium wieder aufgemacht hat. Hier unten an der Küste, in der Verlängerung der Scheinkin zum Meer, wirkt Tel Aviv unbeschwert wie ein italienischer Urlaubsort: eher Jesolo als Jericho. Es ist voll, laut, bierselig. Aber die Ausgelassenheit wirkt bei näherem Hinsehen doch nur aufgesetzt; die Stimmung: verzweifelt vergnügt.

»Unsere Angst verschwindet nie ganz aus den Hinterköpfen«, sagt die 18-jährige Schülerin Sigal. Sie hat in der Stranddiscothek - wie fast alle - ein Handy dabei, Geschenk ihrer Eltern. Die wollen immer wissen, wo die Tochter zu erreichen ist, und haben ihr verboten, sich an langen Schlangen anzustellen oder sich ins Getümmel zu stürzen. Aber ist die Tanzfläche nicht immer ein Getümmel? Sigal stärkt sich erst einmal mit Pizza, Pepsi und einem Pernod.

Und dann ein Moment der Panik: Der Türwächter, der bei jedem Gast Leibesvisitation macht, scheint etwas Verdächtiges entdeckt zu haben. Entwarnung: Was der junge Mann da unterm Jackett trug, war eine Taschenlampe, kein Bombengürtel.

Sigal stürzt sich mit ihrem Freund auf die Tanzfläche. Zwischen Techno und Rap hat der DJ auch mal etwas Langsames aufgelegt, »unsere Hymne«, wie die Schülerin sagt. »Losing My Religion« heißt das Stück, ein R.E.M.-Hit, der in der Version eines gregorianischen Männerchors wie ein beschwörendes Kirchenlied gegen den Weltuntergang klingt.

Die Zeitungsmeldungen des nächsten Tages: erschossene Palästinenser in Hebron, verletzte Israelis in Jerusalem, keine Vorkommnisse in Tel Aviv. 62 Prozent der Israelis finden, ihre Regierung sollte militärisch noch härter gegen die Palästinenser vorgehen. 81 Prozent der Palästinenser in den Autonomiegebieten befürworten Selbstmordattentate, solange Israel mit seiner jetzigen Politik weitermacht.

* Bei einem israelischen Vergeltungsangriff im Gaza-Streifen am8. Mai getötetes palästinensisches Baby.

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