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Presse Pizza Prostituto

Amerikanische und deutsche Verlage peilen eine neue Zielgruppe für Computerzeitschriften an: die Familie.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Die neue Zeitschrift folgte dem Gebot der Stunde, die ersten IBM-Personalcomputer (PC) waren gerade auf dem Markt. Family Computing sollte die Leser behutsam mit der neuen Hard- und Software vertraut machen - als PC-Journal für den Vater, für die Mutter, für das Kind.

Das Blatt floppte, Mitherausgeber George Ehinger vom US-Verlag Scholastic spricht heute von »einer phantastischen Idee, ein Jahrzehnt zu früh«. Denn damals hatte die Computerrevolution die Keimzelle der Gesellschaft noch kaum berührt.

Jetzt ist Family Computing wieder da, frühzeitig zum reklameträchtigen Weihnachtsgeschäft als Beilage (Auflage: eine Million Exemplare) zu PC- und Elternzeitschriften. Anders als 1983 muß sich Scholastic den Markt jedoch mit anderen Verlagen teilen, die ebenfalls mit neuen Elektronikzeitschriften für Familie und Freizeit aufwarten.

Mitte dieser Woche kommen auch in Deutschland, das bei Verlagsstrategen als schwieriger Markt für derartige Vorhaben gilt, zwei Titel in der neuen Sparte an den Zeitungsstand. Zunächst nur als »einmaliges Sonderheft«, wie beide Verlage betonen, stellen der US-Marktführer Ziff-Davis und die Münchner Burda-Gruppe ihr Gemeinschaftsprojekt Familie & Computer vor (Auflage: 155 000 Exemplare). Der DMV/Franzis-Verlag aus München wiederum zielt mit seiner neuen Monatszeitschrift Electronic News & Fun »mehr auf erwachsene Spielkinder mit Technik-Faible«, sagt Chefredakteur Michael Lang, 44.

Zwar quellen die Kioske schon jetzt über von bunten Angeboten für die wachsende Computergemeinde. Kaum noch überschaubar ist die Vielfalt der Titel von PC Professionell bis Power Play - monatliche Gesamtauflage: mehr als zwei Millionen Exemplare.

Doch die Verleger sehen eine neue Chance, zusätzliche Käuferkreise zu erschließen: Bei immer mehr Familien hält der PC Einzug. In den USA ist bereits ein Drittel der 96 Millionen Haushalte computerisiert, in Deutschland steht in jeder vierten Wohnung ein PC.

Oft verstehen die Eltern nicht mehr im geringsten, was ihre Sprößlinge nächtelang an Tastatur und Bildschirm treiben. Die Jugendlichen wiederum haben keine Sprache mehr, die Erwachsenen in die Geheimnisse der bunten neuen Medienwelt einzuweihen.

Die neuen Blätter, mit ausführlicher »Kaufberatung« gezielt vor dem Weihnachtsgeschäft aufgelegt, wollen deshalb vor allem Leser ansprechen, die von den großen, meist technikfixierten Zeitschriften wie PC Welt (Auflage: 225 000) oder Chip (190 000) nicht erreicht werden. »Der Markt für derartige Consumer-Zeitschriften«, sagt Steven Cohn vom amerikanischen Branchendienst Media Industry Newsletter, »scheint reif.«

Denn zum Jahresende wird eine neue Welle moderner Technik in die Familien schwappen. Erstmals offerieren zu Weihnachten gleich mehrere Unternehmen, etwa Compaq, Packard Bell oder IBM, vielseitige PC für den Hausgebrauch. Sie lassen sich beispielsweise als Anrufbeantworter, Textsystem, Spielcomputer oder Homebanking-Terminal nutzen, mit spezieller Einsteckkarte sogar als Fernsehgerät.

Zugleich erwartet die Branche, wegen des Preiskriegs in der Chipindustrie (SPIEGEL 40/1994), daß der PC-Absatz zu Weihnachten alle Rekorde brechen wird. Viel Lebenshilfe vor dem Kauf allerdings haben die Kunden von den neuen Blättern vorerst nicht zu erwarten.

»Spaß am Gerät für erwachsene High-Tech-Fans« verspricht zum Beispiel Michael Lang von Electronic News & Fun (Startauflage: 200 000). Das Blatt soll »das gesamte Spektrum der Konsumelektronik abdecken«, gewürzt »mit einer Prise Erotik«. Probe aus einer Anleitung über »Texte für den Anrufbeantworter«, etwa in einer Pizzeria: »Alora, wir haben heute als Vorspeise Pizza Prostituto alla Sankt Pauli.«

Familie & Computer wiederum, das von dieser Woche an als Beipack zum Beispiel jedem PC der Handelskette Pro Line beiliegt, läßt acht EDV-Journalisten lediglich die Themen, über die sie sonst auch schreiben, auf Familie trimmen, etwa zum Thema »Familienausflug in die internationalen Netze«. Überdies soll ahnungslosen Eltern beigebogen werden, »warum Datenbanken Spaß machen können« (Chefredakteur Ralph Fischer). Mit dem Programm »Fine Artist«, so wird an anderer Stelle empfohlen, »bereiten Sie Ihr Kind auf eine Karriere als Art Director vor«.

Damit das ganze auch »kindgerecht« (Fischer) daherkommt, wurde auf Kosten des Lernprogramm-Herstellers Heureka-Klett eine CD-Rom mit Software für die Kleinen und Kaufhinweisen für die Eltern vollgepackt. Doch die sonstige pädagogische Beratung ist dürftig.

Erziehungsexperten, so von den Universitäten Augsburg und Bielefeld, werden etwa zum Thema »Ballerspiele« hinzugezogen. Trotz des geballten Sachverstands kapitulierte die Redaktion ausgerechnet hier vor der Realität in deutschen Kinderzimmern.

Präsentiert werden zwei Hitlisten von PC-Schießspielen, »Die Schlimmsten« werden angeführt vom Bildschirm-Massaker »Doom«. Zu einer Liste »Die Besten« mochten sich die Münchner nicht durchringen. In ihrer Not verfielen sie statt dessen auf »Die Beliebtesten«, Spitzenreiter: ebenfalls »Doom«. Y

Familienausflug in die Welt der Datennetze

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