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UMRÜSTUNG Pläne bis 1960

aus DER SPIEGEL 42/1956

Mit einigem Unbehagen haben Westdeutschlands kontinentale Verbündete registriert, welchen Zwecken Konrad Adenauers neuestes Projekt einer europäischen Konföderation unter anderem dienen soll: Dieser Plan soll dazu herhalten, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen auszurüsten.

Noch im August hatte Konrad Adenauer derartige Umrüstungsgedanken weit von sich gewiesen. In einer Stellungnahme zu Umrüstungsplänen des Vorsitzenden der amerikanischen Stabschefs, des Admirals Radford, die das regierungsamtliche Bulletin am 21. August veröffentlichte, hieß es aus der Feder des Kanzlers:

»Zu der von Amerikanern ausgelösten Debatte über das Verhältnis zwischen den konventionellen und den nuklearen Waffen möchte ich nachdrücklich betonen, daß ich eine Verlagerung des Schwergewichts zugunsten der Atomwaffen vorerst für verfehlt halte... So entschieden ich alles unterstütze, was der kontrollierten Abrüstung dienen kann, so eindeutig erkläre ich mich gegen eine Umrüstung zugunsten der Atomwaffen.«

Die vorsichtige Einschränkung »vorerst« betraf allerdings, wie sich bald zeigen sollte, nur einen Zeitraum von nicht ganz drei Wochen. Am 10. September nämlich machte der amerikanische Luftwaffenminister Quarles Besuch in Bonn. Er überzeugte den westdeutschen Kanzler davon, daß es keine Flucht vor der Zukunft gibt und daß ein Krieg in Europa auf jeden Fall mit Atomwaffen geführt werden wird.

Diese Gedankengänge trafen Konrad Adenauer nun nicht mehr so unvorbereitet wie die ersten Zeitungsveröffentlichungen über den Radford-Plan im Frühsommer. Einige seiner Mitarbeiter, darunter Atom -Minister Franz-Josef Strauß, hatten dem Kanzler inzwischen beigebracht, daß der Umrüstungstrend nicht aufzuhalten sei, und daß auch die Bundesrepublik gut daran täte, sich der allgemeinen Entwicklung anzupassen. Den Ausschlag gab aber die Bestätigung aus berufenem amerikanischem Munde. Sagt Franz-Josef Strauß: »Die Unterredung mit Quarles hat auf Adenauer einen gewaltigen Eindruck gemacht.«

Schon bald nach dem Gespräch mit dem Amerikaner überraschte der Kanzler seine Minister in einer Kabinettssitzung damit, daß er, statt über den amerikanischen Radford-Plan zu lamentieren, einen eigenen Radford-Plan aus der Tasche zog. Wenn Europa sich zwischen Amerika und Rußland behaupten wolle, so dozierte der Kanzler, dann müsse es sich endlich zusammenschließen und auch militärisch so ausgerüstet werden, daß es einen modernen Krieg bestehen könne. Dafür benötige man taktische Atomwaffen. Auch die Bundeswehr müsse diese Waffen erhalten, denn die deutschen Soldaten dürften nicht diskriminiert werden. Es könne den Deutschen nicht zugemutet werden, nur die Infanterie der Nato zu stellen.

Der Bundeskanzler war sich jedoch darüber klar, daß seine neue Forderung das Mißtrauen der Welt gegen Deutschland wesentlich verstärken könnte, wenn sie nur als ein nationales Anliegen der Deutschen erscheint. Deshalb sollte sie als eine europäische Forderung vertreten werden. Darüber hinaus wollte Adenauer von vornherein klarmachen, daß der Verzicht auf die Herstellung von Atomwaffen in der Bundesrepublik, der in den Pariser Verträgen verankert wurde, nicht aufgehoben werden soll. Aber der Verzicht auf die Herstellung dieser Waffen, so betonte der Kanzler, bedeute nicht den Verzicht auf ihren Besitz.

Derartige Überlegungen des westdeutschen Regierungschefs verdichteten sich anläßlich seines Staatsbesuchs in Brüssel am 23. und 24. September zu einem politischen Vorstoß. Öffentlich proklamierte Konrad Adenauer den Gedanken der »Dritten Kraft« für Europa, das sich von der amerikanischen Patronage frei machen solle. Insgeheim besprach er mit Belgiens Außenminister Paul Henry Spaak seinen Wunsch, die Divisionen der Westeuropäischen Union mit taktischen Atomwaffen auszurüsten.

Spaak, der über so kühne Pläne nicht wenig erschrocken war, winkte jedoch ab. Diese gefährlichen Waffen sollten die kleinen Mächte ruhig ihrem großen Verbündeten, den Amerikanern, überlassen. Konrad Adenauer ließ sich aber durch diese Abfuhr nicht entmutigen. Er rechnet die Bundesrepublik Deutschland nicht zu den »kleinen Mächten«.

Der Bundeskanzler trug seine Gedanken also nüchtern dem französischen Ministerpräsidenten Mollet vor, der am 29. September in Bonn weilte, um den Saarvertrag fertigzustellen. Aber Mollet wich dem Kanzler aus. Er hält derartige Forderungen für verfrüht und befürchtet, daß die Vorstellung einer mit Atomwaffen ausgestatteten Bundeswehr die französische Öffentlichkeit in panischen Schrecken versetzen würde.

Auch die Amerikaner sind der Meinung, daß die Pläne Adenauers zur Zeit nicht diskussionsreif sind. Sie experimentieren selbst noch mit den taktischen Atomwaffen für den Erdeinsatz herum. Außerdem hat der amerikanische Kongreß bisher keine Neigung gezeigt, dem Präsidenten zu gestatten, diese wertvollen Waffen auch den Verbündeten Amerikas zur Verfügung zu stellen.

Um nun endlich einen klaren Einblick in die amerikanischen Umrüstungspläne zu erhalten und dabei zu sondieren, welche Chancen für die Verwirklichung der Umrüstungspläne des Kanzlers bestehen, ist General Speidel in der vergangenen Woche nach Washington gereist. Speidel nimmt dort an der Sitzung des Militärkomitees der Nato teil, dem alle Generalstabschefs der Atlantikmächte angehören.

Punkt 1 der Tagesordnung lautet: Die strategische Planung der Nato bis 1960.

US-luftwaffenminister Quarles Einflüsse auf des Kanzlers Meinung

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