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Balkan PLÄNE FÜR PRINCIPOVO

Sarajevo droht die Kapitulation. Die Serben stehen vor den Stadttoren und hungern die geschundene Metropole aus. Mit Rückendeckung der Uno und EG-Unterhändler in Genf sowie der zögernden westlichen Militärallianz Nato kommen Serben und Kroaten ihrem Ziel näher - der Teilung des zerstörten Bosnien.
aus DER SPIEGEL 32/1993

Die Hafenanlagen liegen brach. Seit Monaten geht in Ploce kein Handelsschiff mehr vor Anker. Und so soll es auch bleiben. Ein Spruchband an den Kaianlagen verkündet: »Dies ist Kroatenland, das geben wir nicht aus der Hand«.

Einen Freihafen für die Moslems? Niemals, sagt der Bürgermeister des Adriastädtchens, und der Gemeinderat hält an seiner Entscheidung fest, moslemischen Flüchtlingen kein Bleiberecht zu gewähren. Die Kroaten wollen von ihren ehemaligen Waffenbrüdern nichts mehr wissen und vom neuen Uno-Friedensplan zu Bosnien, in dem Ploce als maritimer Endpunkt eines Korridors vorgesehen ist, nichts hören.

Unter den Fischern kursiert die Angst, durch einen Freihafen mit Korridor nach Zentralbosnien könnten sich Kampfhandlungen zwischen Serben und Moslems jederzeit hierher nach Süddalmatien ausweiten. Sie haben noch zu genau den Beschuß ihrer Heimat durch serbische Artillerie vor eineinhalb Jahren in Erinnerung, als daß sie sich freiwillig in ein weiteres Kriegsabenteuer stürzen ließen.

Aus zwei Jahren Bruderkrieg zogen im ehemaligen Jugoslawien Täter wie Opfer die Lehre: Mit welchem Nachdruck die Unveränderlichkeit von Grenzen auch immer beschworen wird, in der Realität gelten allein die Gesetze des Krieges. Auch der Diktat-Frieden von Genf, der die ethnische Dreiteilung Bosniens und die bisherigen Eroberungen weitgehend besiegeln würde, brächte kein Ende der Gewalt.

Wird die Uno, gemäß der Schweizer Übereinkunft, für die Moslems dennoch bei Ploce einen offenen Zugang zum Meer durchfechten? Und werden Tausende Blauhelme wirklich die geplante Landverbindung von der Küste nach Sarajevo mit militärischen Mitteln erzwingen?

Bei einer der längsten Ratssitzungen in Brüssel fanden die Nato-Botschafter der 16 Mächte einmal mehr keinen Konsens über die schon Anfang Juni beschlossene Sicherung der Uno-Schutzzonen. Die erneute Drohgebärde Washingtons, »notfalls auch im Alleingang« die bosnische Hauptstadt mit Lufteinsätzen auf die serbischen Bergstellungen vor der Kapitulation zu bewahren, wurde als unwillkommene Störung empfunden.

Daß auch dieser amerikanische Vorstoß nicht wörtlich zu nehmen war, hätten die Bündnispartner bedenken müssen. Wie schon mehrmals im Balkankonflikt schwächte Präsident Bill Clinton, vom US-Nachrichtenmagazin Newsweek als »Schaf im Wolfspelz« bespöttelt, schnell wieder ab. Nicht die Vereinigten Staaten allein, sondern eine gemeinsame Aktion der Alliierten sei gefragt.

Als wollte das mächtigste Militärbündnis der Welt auch noch den letzten Hauch von Glaubwürdigkeit verspielen, richteten die Botschafter eine letzte Warnung an die Adresse der bosnischen Serben. Es werde »schärfere Maßnahmen« geben, sollten die Serben »die Einschnürung« weiter vorantreiben.

Es blieb bei peinlichem Säbelrasseln. Der serbische Oberbefehlshaber, General Ratko Mladic, schien dies zu wissen. Am vergangenen Mittwoch leitete der Haudegen höchstpersönlich die Offensive zur Eroberung des 1502 Meter hohen Hausberges Igman. Während hoch oben Nato-Kampfjets den Luftraum beobachteten, überrannten Mladics Männer mit Hilfe tieffliegender Kampfhubschrauber eine moslemische Stellung nach der anderen und erzielten beachtliche Geländegewinne.

Am Boden filmten französische Blauhelme das Geschehen aus sicherer Distanz, und Journalisten folgten bereitwillig der Einladung zur Pressekonferenz des Serben-Chauvis. »Sie müssen verstehen«, so parlierte der General mit unverfrorenem Lächeln, »wir befinden uns hier auf serbischem Land, dies hier sind serbische Wiesen, Wälder und Siedlungen.«

Nun steckt Sarajevo endgültig im Würgegriff der serbischen Aggressoren. Die Entscheidungsschlacht kann beginnen. 3000 Geschütze brachten die Mladic-Ockupanten in den Bergketten ringsum bereits in Stellung, um so die verbliebenen 300 000 Einwohner jederzeit ins Visier nehmen zu können.

Mit jedem Tag, an dem die Nato noch zögert, wird ein Militäreinsatz zugunsten der bedrängten Bosnier in der Hauptstadt aussichtsloser. Schon sind die um Sarajevo zusammengezogenen 12 000 serbischen Kämpfer mit Lufteinsätzen allein nicht mehr matt zu setzen - Bodentruppen werden benötigt.

»Die internationale Staatengemeinschaft hat das Spiel gegen mich verloren«, dröhnt General Mladic im Siegesrausch, »außerdem haben weder England, Frankreich noch Amerika einen Grund, das serbische Volk zu bombardieren - wir haben ihnen nie etwas getan.«

Aus ihrer Position der Stärke boten die Serben Ende voriger Woche den Weltpolizisten der Uno einen bedingten Teilrückzug von den Hügeln des Igman an. Ziel der Offerte, die den Moslems strategisch keinen Vorteil bringen würde: den internationalen Druck zu mildern und die US-Androhung von Luftangriffen gänzlich zu entschärfen.

Bei der 5. Alliierten Taktischen Luftflotte der Nato basteln Planstrategen unterdes weiter an einem Konzept für Bombenflüge gegen die serbischen Stellungen. »Discipline Hammer« nennt sich das Unternehmen martialisch, doch der mögliche Einsatz droht an mangelnder Kooperation mit der Uno zu scheitern (siehe Kasten).

Die Trägheit des Westens im Bewußtsein und den Untergang der Hauptstadt vor Augen, folgen nun auch viele Moslems dem Kriegsgesetz. In Zentralbosnien schlagen ihre Brigaden zurück. Dort, in der Region um Bugojno und Gornji Vakuf, sind inzwischen mehr als 100 000 Kroaten auf der Flucht.

Die einstigen Kampfgefährten zerfleischen sich gegenseitig, seit die Kroaten den mehrheitlich moslemischen Regierungstruppen die Bündnistreue aufgekündigt haben. In Mostar liefern sich Heckenschützen täglich Gefechte um ein paar Häuserblocks und um die Vorherrschaft in den Trabantensiedlungen. Die Serben schauen von den umliegenden Hügeln dem Kriegsspiel abwartend zu.

Weil das militärische Endspiel nahe scheint, hat die bosnische Regierung ihren Sitz vorsorglich von Sarajevo in die relativ sichere Moslem-Hochburg Zenica verlegt - eine Vorsichtsmaßnahme, die zwingend erscheint. Zu dicht stehen die serbischen Truppen schon bei Hrasnica, dem bislang bestversorgten Distrikt der Hauptstadt.

Wer im Kugelhagel über das Rollfeld des Flughafens robbte, konnte dort für vergleichsweise wenig Geld Kaffee, Schnaps und Früchte erstehen - auf dunklen Pfaden über den Igman in die belagerte Stadt geschleppt. Damit ist es nun vorbei.

Serben-Führer Radovan Karadzic hat, flankiert von stolz lächelnden Uno-Kommandierenden in Höflingshaltung, vergangene Woche großzügig zwei Modelle für die Zukunft der multiethnischen Metropole zur Disposition gestellt. Entweder müsse die Stadt geteilt oder aber, so Karadzic, in zwei unabhängige Städte zergliedert werden.

Der geplante Name für die serbische Kapitale gibt dem Völkermord der neunziger Jahre die geeignete historische Dimension: Principovo soll das serbische Sarajevo heißen - dem Nationalisten Gavrilo Princip zu Ehren, dessen tödliche Schüsse auf den österreichischen Thronfolger 1914 hier das Pulverfaß Balkan hochgehen ließen und den Ersten Weltkrieg auslösten. Y

[Grafiktext]

_103_ Kessel von Sarajevo

_____ Mögliche Dreiteilung Bosniens nach den Genfer Verhandlungen

[GrafiktextEnde]

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