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Plan Murmeltier

aus DER SPIEGEL 7/1962

Die CDU hat ihren letzten Rebellen verloren MdB Dr. Gerd ("Buzi") Bucerius, der jahrelang tapfer wider die eigene Fraktion stritt, kündigte den Christdemokraten die Gefolgschaft. Er trat aus Partei und Fraktion aus.

Fünfzehn Jahre lang, so ließ Bucerius am Donnerstag vergangener Woche aus dem winterlichen Davos verlauten, habe er seiner Partei »in treuer und harter Arbeit« gedient. Jetzt aber zwinge ihn ein »unbegreiflicher Fall von Intoleranz«, die Konsequenzen zu ziehen, In einem Telegramm an den Präsidenten des Bundestages verzichtete Bucerius am gleichen Tage auf seinen Sitz im Hohen Haus am Rhein.

Damit fand die politische Karriere eines Mannes ihr Ende, dem es trotz starker publizistischer Hausmacht - Bucerius verlegt neben der renommierten Wochenschrift »Die Zeit« Deutschlands größte Illustrierte »Stern« - nie gelungen war, auf den dünnen Brettern der Bonner Bühne mehr als die Rolle eines Statisten zu spielen.

Zwar fehlte es dem engen Freund des Bundeswirtschaftsministers und des Kanzler-Intimus Pferdmenges nie an Stimmkraft, wohl aber an Kondition. Was immer er unternahm: Er machte Schlagzeilen, aber nie fand er Mitstreiter, die willens und stark genug waren, sich seinen Kreuzzügen anzuschließen.

Schon bei seinem ersten Auftritt vor der Nachkriegs-Öffentlichkeit stand Bucerius weit und breit allein. Im März 1946 machte er in seiner »Zeit« den Vorschlag, die hungernden Deutschen sollten sich zur Einsparung von Kalorien zu einem ausgedehnten Winterschlaf niederlegen. Nur wenige Arbeitskräfte solle man zur Aufrechterhaltung der unerläßlichen Versorgung mit Wasser, Strom und Gas wachhalten. Überschrift des Artikels: »Plan Murmeltier«.

Als Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion seit Bestehen der Rheinischen Republik erwarb sich Bucerius zusammen mit seinem Münsteraner Kollegen Peter Nellen bald den Ruf, Aushängeschild der Christdemokratie für ihre innerparteiliche Meinungsfreiheit zu sein.

Bucerius machte von dieser Freiheit ausgiebig Gebrauch:

- Im März 1953 veröffentlichte das Bucerius-Blatt »Die Zeit« einen Artikel des ehemaligen Bundespressechefs Bourdin, in dem dieser von Geheimabsprachen zwischen den Engländern und Franzosen über die Aufrechterhaltung der deutschen Spaltung berichtete. Adenauer bezeichnete diesen Artikel als »perfide«;

- im November 1954 - Bucerius war bis 1957 Wirtschafts-Beauftragter der Bundesregierung für Berlin - berichtete der »Stern« über Korruptionsfälle, in die auch der damalige Berliner Regierende Bürgermeister Dr. Walther Schreiber (CDU) verwickelt sei;

- im September 1957 forderte Bucerius in einer Rede vor Buch- und Zeitschriftenhändlern eine Korrektur des »Schmutz- und Schundgesetzes«, das seine Fraktion mitbeschlossen hatte;

- im Juni 1959 forderte er das Hamburger Wählervolk in Zeitungsinseraten auf, zu Adenauers Verzicht auf die Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Stellung zu nehmen. Ergebnis: 92,5 Prozent der Antwortenden verurteilten die Haltung des Greisen von Bonn;

- im Januar 1960 setzte sich Bucerius nachdrücklich für den Rücktritt des damaligen Vertriebenenministers Oberländer ein, der durch seine NSVergangenheit zu stark belastet sei;

- im Dezember lud Bucerius DDRPoeten ein, ihre geplante Diskussion mit westdeutschen Kollegen, die von der Hamburger Polizei zunächst verhindert worden war, in den Räumen der »Zeit« zu führen;

- im Oktober 1961 schließlich propagierte Bucerius ein »Kabinett der Besten« unter der Kanzlerschaft Ludwig Erhards, da Adenauer »verbraucht« sei. Nach dem 13. August sei ein ganzes Volk Zeuge geworden, wie »der große Mann ... versagte«.

Indes, das Echo, das seine Monologe in der Öffentlichkeit und bei seiner späteren Lieblings-Zielscheibe, dem Bonner Kanzler, fanden, war schwach. Bueerius: »Ich knirsche mit den Zähnen, und der Bundeskanzler hält es für ein Gedicht.«

Daß es dann doch zum Bruch zwischen ihm und seiner Partei kam, verdankt Bucerius ausgerechnet einem »Stern«-Schreiber, der Mitglied der CDUNachwuchsorganisation »Junge Union« war. Der 34jährige Jürgen von Kornatzki, den die »Junge Union« in die Redaktion des »Stern« geschickt hatte, weil er dort Erfahrungen für die Leitung eines »Junge Union«-Organs sammeln sollte, hatte Mitte Januar ohne Wissen seines Verlegers Bucerius einen Artikel mit der Überschrift »Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?« veröffentlicht.

Kornatzki benutzte die Gelegenheit zu Seitenhieben auf die Bonner Regierungspartei: Seit Jahrhunderten entspreche es katholischem Denken, kirchliche Meinungen durch Staatsgewalt auch Andersgläubigen aufzuzwingen. Das Ehegesetz der CDU sei ein Rückschritt ins Mittelalter.

CDU und Kirche sahen schwarz und eine Gelegenheit, dem unbequemen Rebellen die Flügel zu stutzen. Doch noch ehe die Bundestagsfraktion und der Hamburger Landesverband der CDU im Auftrag des christdemokratischen Bundesvorstandes »beschleunigt« entscheiden konnten, ob »die Veröffentlichung mit der Mitgliedschaft des ,Stern'-Verlegers in der CDU und in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vereinbar sei«, trat Bucerius ab.

Inkriminierter »Stern«-Artikel

Glauben verletzt

»Stern«-Verleger Bucerius

Partei versetzt

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