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Schule Plan und Pille

Eine Schulreform mit Spar-Effekt, bisher ohne Beispiel in der Bundesrepublik, plant die Stadt Essen.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Hans-Joachim Bargmann, 44, Dezernent für Hochschule, Schule und Sport der Stadt Essen, zapfte am 30-Liter-Faß ein Glas Stauder Alt und prostete mit seinem Planungs-Team auf einen Sieg, der frühestens in dreizehn Jahren ansteht: auf den Sieg über Essens altes und längst überholtes Schulsystem.

Was Bargmann zusammen mit 14 Schul-Planern im Regattahaus am Baldeneysee feierte, nennt sich umständlich »Struktur- und Entwicklungsplan für das Essener Schulwesen für die Jahre 1972-1985« und erwies sich bereits als bundesweite Sensation.

Den drei Pfund schweren 400-Seiten-Plan konnten die Essener Stadtväter gar nicht so oft drucken, wie Eltern und Bildungspolitiker ihn haben wollten. Minister lobten ihn als Meisterwerk. Klaus von Dohnanyi, Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, begeisterte sich schriftlich. Nordrhein-Westfalens Kultusminister Jürgen Girgensohn eilte zur Veröffentlichung des Plans nach Essen.

Erstmals verspricht ein Schulentwicklungsplan bis ins kleinste Detail, was rund 50 ähnliche Pläne anderer deutscher Städte meist nicht einmal global zu versprechen wagten: bis 1987 soviel Schulraum zu bauen, daß die hochgesteckten Reformziele der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung verwirklicht werden können.

Noch mehr als der Mut zur Reform aber verblüffte der -- Kosten-Voranschlag der Reformer. Denn als im September 1971 Essens SPD-Fraktion den Schulentwicklungsplan in Auftrag gab, bangten die Stadt-Väter bereits insgeheim, der Plan würde hernach am Geld scheitern.

Aber während Essens Stadt-Väter noch bangten, errechneten Essens Schul-Futurologen -- Fachleute aus Pädagogik, Städtebau und Stadtkämmerei -- trotz der Super-Reform noch einen Spar-Effekt. Sie veranschlagten für das 14-Jahres-Projekt zwischen 1974 (Baubeginn) und 1987 (Bauende) 700 Millionen Mark: mithin 50 Millionen Mark jährlich und damit rund drei Millionen Mark weniger, als Essen 1972 und 1973 bereits für Schulbauten veranschlagt hatte.

Die Zurückhaltung der Stadtväter beim Verbrauch öffentlicher Mittel und der Zuspruch potentieller Mütter zu Verhütungsmitteln machen die Reform nach Ansicht der Planer ohne Mehrkosten möglich. Sie bezogen die vorhandenen Schulbauten sorgfältig in das neue Konzept ein, um so wenig wie möglich neu bauen zu müssen. Aufgrund des anwachsenden Pillen-Konsums und der Abwanderung aus der Kumpelstadt sinken die Schülerzahlen bis 1985 und bleiben dann vermutlich konstant. Statt der 123 000 Schüler heute werden im Jahr 1985 nur noch 103 000 Schüler die Essener Schulen bevölkern.

Falls der Bargmann-Plan nicht an der Wirklichkeit zerbricht, wird er Essen ein goldenes Schul-Zeitalter bescheren:

* Die heute noch getrennten Grund-, Haupt-, Real- und Höheren Schulen werden in dreistufige Gesamtschulen zusammengefaßt und in Schulzentren untergebracht. Für 21 Prozent der Essener Schüler sind Ganztagsschulen vorgesehen.

* Platz im Schulkindergarten finden dann 75 Prozent der Drei -- und Vierjährigen. Alle Fünfjährigen gehen in eine Vorklasse.

* Im Hintergrund der Stadtplan von Essen mit der Darstellung des Bildungsgefälles.

* Die Klassenfrequenzen nähern sich dem pädagogischen Ideal: je 25 Schüler in den Klassen 1 bis 4, je 28 Schüler in den Klassen 5 bis 10 und höchstens 22 Schüler in den Klassen 11 bis 13.

* Alle Schüler sollen das 10. Schuljahr besuchen. Die Kollegstufe wird zum Regelfall: In den Klassen 11 bis 13 werden berufliche und allgemeine Bildung nicht mehr getrennt; in den Klassen 12 und 13 herrscht freie Fächerwahl.

* Schülern unterprivilegierter Schichten bieten sich zusätzlich Aufstiegschancen durch die sogenannte Orientierungsstufe, zu der die Klassen 5 und 6 aller Schulstufen zusammengefaßt werden.

Um so entschlossener zu solch radikaler Bildungskur wurden die Essener Zukunfts-Planer, je mehr ihnen beim Vergleich der einzelnen Stadtteile das Essener Bildungsgefälle ins Auge fiel: Während der wohlhabende Essener Süden den größten Anteil an Gymnasiasten und Realschülern aufweist, jedoch die geringste Zahl an Haupt- und Sonderschülern, verhält es sich in den Arbeiter-Vierteln der Essener Nord-Stadt umgekehrt.

So besuchen nach der jüngsten Erhebung unter Essener Schülern des siebten Schuljahres im südlichen Prunk-Vorort Bredeney 65 Prozent ein Gymnasium, aber nur 18 Prozent die Hauptschule. Anders im nördlichen Arbeiter-Vorort Bochold: Dort gehen 66 Prozent auf die Hauptschule, aber nur neun Prozent aufs Gymnasium.

Und während im südlichen Snob-Viertel Haarzopf nur jedes 83. Kind die Sonderschule besuchen muß, ist es im nördlichen Vogelheim jedes fünfte. Bargmanns Erkenntnis: »Nicht nur in Essen wird man in die Sonderschule hineingeboren.«

Um die Bildungschance des Kindes künftig vom Sozialstatus der Eltern unabhängiger zu machen, empfehlen die Planer den Ratsherren der Stadt Essen Maßnahmen, die sie bei gutsituierten Bürgern unpopulär machen werden. So sollen demnächst vier Fünftel aller Ganztagsschulen im bildungsschwachen Essener Norden gebaut werden. Und um Sonderschülern die Rückkehr zur Hauptschule -- bislang fast unmöglich -- zu erleichtern, wird im Vorort Vogelheim die Sonderschule der Hauptschule angegliedert.

Laut Bargmann ist Essens Schulbau-Plan »multifunktional": »jedes in den nächsten 50 Jahren denkbare pädagogische Konzept und jede in den nächsten 50 Jahren denkbare Organisation des Schulwesens kann realisiert werden.«

Um den Plan zu verwirklichen, braucht Essen allerdings die Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen, und hier sieht Bargmann noch etliche Unbekannte in seiner Zukunftsrechnung. Denn Essen benötigt bis 1985 rund 1600 zusätzliche Planstellen für Lehrer, soll das Projekt nicht scheitern. Allein dieser Mehrbedarf würde das Land jährlich 50 Millionen Mark kosten -- nicht gerechnet den erhöhten Lehrerbedarf in den Ganztagsschulen.

Essens Bargmann weiß auch hierfür eine Patent-Lösung, die selbst dem Kultusminister bislang nicht eingefallen ist: Würde Nordrhein-Westfalen seine Schulleiter und »Verwaltungsoberstudienräte« von der Verwaltungsarbeit entlasten und dafür im Unterricht einsetzen, könnte das Land jährlich 113 Millionen Mark sparen. »Für dieses Geld«, so der Essener Dezernent, könnten 5161 Leute mit 1800 Mark Gehalt eingestellt werden, um die Verwaltungsarbeit zu erledigen. Lehrer hätten wir dann genug.«

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