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2000: Ausland PLANET AMERIKA

Amerikanische Technologie, amerikanische Kultur und amerikanische Wertvorstellungen sind bis in die hintersten Winkel der Erde vorgedrungen. Doch gegen den Hegemonieanspruch der letzten Supermacht erhebt sich auch weltweiter Protest.
Von Rüdiger Falksohn, Hans Hoyng, Andreas Lorenz, Jörg R. Mettke, Stefan Simons und Wieland Wagner
aus DER SPIEGEL 52/1999

Amerika regiert die Welt - Gott sei Dank. US-KOMMENTATOR CHARLES KRAUTHAMMER

Wer sollte denn verhindern, dass auch das 21. Jahrhundert ein »amerikanisches Jahrhundert« wird? Russland? Nur wenn das kranke Riesenreich eine unerwartete Renaissance erfährt. China? Noch nicht. Europa? Schon eher, wenn sich der alte Kontinent zusammenraufen könnte. Die islamische Welt? Nicht mächtig genug.

Wo ist sie also, die Herausforderung, welche die zum Bersten selbstbewusste Hegemonialmacht USA, »das erste wirkliche Weltreich seit dem Imperium Romanum« (US-Politologe Stephen Walt), zum Einknicken brächte?

Nichts und niemand ist zu erkennen. Im Gegenteil: Die Fundamente sind gelegt für ein weiteres Jahrhundert amerikanischer Vorherrschaft. Von außen betrachtet, etwa von dort, wo US-Astronaut Neil Armstrong am 20. Juli 1969 im Mond-Meer der Ruhe das Stars-and-Stripes-Banner einpflanzte, sieht die Erde aus wie ein Planet Amerika.

Bis in die abgelegensten Winkel ist spürbar, wer die Welt regiert: Dow-Jones-, Nasdaq- und Dollarnotierungen bestimmen mit ihren Frequenzen den Puls der Weltwirtschaft. In Asien, Afrika, Lateinamerika ist Globalisierung gleichbedeutend mit Amerikanisierung. Von lästigen staatlichen Auflagen befreites Kapital, das sich als riesiger Investitionsstrom rund um den Globus auf die Suche nach Anlagemöglichkeiten begeben hat, lässt sich mit Vorliebe dort nieder, wo Länder dem amerikanischen Wirtschaftsliberalismus folgen.

Der US-Historiker Paul Kennedy spricht von »kreativen Stürmen des internationalen Kapitalismus«, die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ungehindert über nahezu jedes Land der Erde brausen - und die Windmaschine mit der einzigartigen Power sind die USA.

Was immer geschieht auf der Welt, viele sehen es mit amerikanischen Augen. Die Bilder von CNN bestimmen den Takt der Nachrichten und die Wahrnehmung der Zuschauer. Die Videos von MTV vibrieren im selben Rap auf den Fernsehschirmen von Malaysia bis Brasilien.

Kultur- und Zivilisationsstandards werden in »Gottes eigenem Land« geformt. Nicht, dass eine derart fromme Herkunft erkennbar wäre: In unnachahmlicher Mischung aus Tabubruch und Prüderie versprach Hollywood neue sexuelle Freiheiten und bestätigte gleichzeitig die alten Verhaltensnormen. Noch im Nahen Osten, wo radikale Islamisten dem »großen Satan Amerika« Tod und Verderben wünschen, entstammt die Heldenpose der Kämpfer nicht selten den Rollenklischees des Action-Kinos. Madonna und Bart Simpson, Barbie und Luke Skywalker, was verehrt wird und nachgeahmt, Trends setzt und weltweit gekauft wird, kommt meist aus den USA. Das, wovon wir leben, ebenfalls - wie 26 McDonald's in Moskau, 113 im Stadtstaat Singapur, 780 »Macdos« in Frankreich und 3800 Filialen der Klops-Kette in Japan bezeugen.

Auch das Wissen konzentriert sich in den besten Universitäten der Welt zwischen Harvard an der Ost- und Stanford an der Westküste der USA. Die Forschungszentren von Bell und IBM sind weltweit führend, genau wie die Labors der Pharma- und Biotechnologie-Konzerne. Die Dominanz amerikanischer Nobelpreisträger blamiert den Rest der Staatengemeinschaft.

US-Technologie, einst zur Eroberung des eigenen Kontinents eingesetzt, gilt heute weltweit als Maßstab des Fortschritts: Mobiltelefon, Computersoftware und das Internet haben rund um den Erdball eine Kommunikationsrevolution ausgelöst.

Das globale Dorf ist verkabelt, das Modem regiert. Mit zunehmend selbstverständlichem Mausklick zappen sich die Erdenbürger durch die Knotenpunkte des Internets - und nicht nur dessen Lingua franca kommt aus Amerika, auch die Objekte des »E-Commerce« bestimmt der US-Markt. Zwölf Prozent aller US-Bürger orderten ihre Weihnachtsgeschenke bereits bei dotcom & co.

Wirtschaftliche Macht findet ihre Entsprechung in politischer Macht, die ausgeprägter sei als die jeder anderen Hegemonie zuvor, schreibt Kennedy. Weder Spanier noch Briten konnten ihre Staatsräson, ihre Wirtschaftsform und ihre Werte zum Maßstab setzen für den Rest der Welt. Das erste amerikanische Jahrhundert jedoch, das mit der Inbesitznahme der Philippinen 1898, der Eröffnung des Panamakanals 1914 und dem Eingreifen im Ersten Weltkrieg 1917 eher unmerklich begann, endete nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer einzigartigen Machtdemonstration:

Vom eigenen Hinterhof in Mittelamerika bis zu den neuen Staaten Ost- und Südosteuropas konnten die USA erfolgreich andere Länder zwingen, amerikanische Vorstellungen von Menschenrechten, Demokratie und freier Marktwirtschaft zu übernehmen. Desgleichen hinderten die USA andere Staaten - Nordkorea etwa, Irak, aber auch Russland - daran, sich militärische Kapazitäten zuzulegen, welche die Überlegenheit der eigenen Streitkräfte womöglich gefährden könnten. Sogar Verbündeten gegenüber erklärten die USA eigenes Recht für verbindlich und drohten ausländischen Firmen, die vorwitzig mit Kuba Handelsbeziehungen aufnahmen, Sanktionen an.

So viel unilaterales Durchsetzungsvermögen fasste der amerikanische Politologe Michael Mandelbaum in dem Satz zusammen: »Wenn du ein konkurrenzlos schwerer 800-Pfund-Gorilla bist, konzentrierst du dich auf deine Bananen, und alle anderen konzentrieren sich auf dich.«

Auch über militärische Potenz, letztliche Absicherung sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Macht, verfügen die Amerikaner im Überfluss. Spätestens seit dem Golfkrieg hat die Supermacht gezeigt, wie man mit technologischem Vorsprung und smarten Waffen Verbündete um sich schart und Kriege gewinnt.

Eine Welt ohne US-Primat wäre eine Welt »mit mehr Gewalt und mehr Unordnung«, glaubt deshalb der Politologe Samuel Huntington. Ohne amerikanisches Krisenmanagement oder militärisches Eingreifen wird kaum noch ein Konflikt gelöst. Die Verhandlungen von Dayton beendeten die Bosnien-, B-2-Bomber die Kosovo-Katastrophe - selbstverständlich in strikter Aufgabenteilung mit den europäischen Alliierten: Die USA liefern die Bomben, Europa zahlt für den Wiederaufbau.

Die einzig verbliebene Supermacht, die sich so gern als »gutmütige Vormacht« oder in den Worten von US-Außenministerin Madeleine Albright als »unverzichtbare Nation« feiert - so, als ob es auf alle anderen nicht so ankäme -, sichert ihre Überlegenheit mit großem Aufwand ab: Anfang 1999 waren US-Truppen rund um den Globus stationiert; im Jahr zuvor beteiligten sich 35 000 Soldaten der U. S. Army Special Operations Forces an 2500 Einsatzaufträgen in 112 Ländern. In den vergangenen sieben Jahren gab es 27 militärische Aufmärsche und Interventionen mit Gesamtkosten von 20 Milliarden Dollar. Durchschnittlich jeden dritten Tag befahl US-Präsident Bill Clinton den Abschuss einer »Cruise Missile«.

Ein Graffito im albanischen Ort Vlastica aus der Zeit des US-geführten Kosovo-Kriegs war zwar falsch buchstabiert; inhaltlich brachte es die Lage am Ende des Jahrhunderts auf den Punkt: »Klinton - you are king of the world«.

Die beispiellose Stärke der USA reicht zurück bis in jene Zeit, in welcher der amerikanische Kontinent entdeckt und erobert wurde. Und sie zeigt die Mechanismen, die den Aufstieg, aber auch den Niedergang von Weltmächten bestimmen.

Zu Beginn der Neuzeit, im 16. Jahrhundert, erlebte das merkantile Europa einen enormen Technologieschub, besonders bei der Entwicklung von Kriegsgerät. Mit Kanonen bestückte Segelschiffe schossen den Weg frei zu den Schatzkammern jenseits des Atlantiks. Dort fanden die Konquistadoren der spanischen Krone nicht nur Gold und Silber, sondern auch Kartoffeln und Tabak.

Die kostbaren Edelmetalle sowie die exotischen Lebens- und Genussmittel entfachten erst recht die Jagd nach Rohstoffen und Handelsgütern aus Übersee. So parzellierten Armeen aus der Alten Welt die kaum erforschten anderen Kontinente im Namen ihrer Herrscherhäuser.

Daheim wuchs der Wohlstand, Handel und Kreditwesen erblühten. Der Wettlauf um die Aufteilung der Welt sowie die anhaltenden Kriege in Europa heizten die Rüstungsspirale weiter an. Das Aufbruchsfieber beflügelte nicht nur Entdecker, sondern später auch Tüftler wie den Engländer James Watt. Dessen Dampfmaschine wurde zur Grundlage der industriellen Revolution - ein weiterer Vorsprung durch Technik, und diesmal ein Quantensprung.

Die ersten imperialen Mächte der Neuzeit litten nämlich, wie etwa Spanien oder Portugal, chronische Finanznot. Zu viel Geld floss in ihre Streitkräfte. Die zahlreichen kontinentalen Krisen leerten die Haushaltskassen, auch die kolonialen Abenteuer in Übersee waren kostspielig. Das änderte sich erst mit der industriellen Revolution.

Briten und, mit geringer Verzögerung, die anderen europäischen Mächte wie Preußen, Frankreich und das Habsburger Reich setzten die maschinelle Warenproduktion unter Volldampf und dominierten den aufkeimenden Welthandel - eine unübersehbare Demonstration der Stärke ihres marktwirtschaftlichen Systems. Die Auswanderer jenseits des großen Teichs brauchten dieses Modell nur nachzuahmen. Die erforderlichen Ressourcen hatten sie allemal, das nötige Knowhow brachten sie aus der Heimat mit.

Aus der Summe europäischer Geschichte und Erfahrungen filterten die Vereinigten Staaten von Amerika ihr Staatsziel: eine demokratisch organisierte Gesellschaft, die ihren freien und gleichberechtigten Mitgliedern (so sie keine Schwarzen waren) ein größtmögliches Maß an Selbstverwirklichung garantiert und die entsprechende Eigeninitiative auch erwartet.

Kein Zweifel, welcher Art das Fundament sein musste: Kapitalismus - Erfolg durch Geschäft. Schon 1830 waren die USA zur sechstgrößten Industriemacht der Welt aufgestiegen.

Der transatlantische Riese blieb allerdings lange Zeit introvertiert. Auf See hatte Großbritannien im 19. Jahrhundert nahezu ein Machtmonopol; pro Kopf war es die reichste Nation der Welt, nur das Deutsche Reich zeigte noch bessere Wachstumsraten. Spanien, die Vormacht des 16. Jahrhunderts, war längst zweitrangig, das französische 17. Jahrhundert vorbei. Und das russische Zarenreich hatte den Anschluss verpasst, obwohl ausländische Kapitalströme in den unwirtlichen autokratischen Staat flossen, der Anfang des 20. Jahrhunderts zum weltgrößten Auslandsschuldner wurde.

Die Erde war um das Jahr 1800 zu 35 Prozent kolonialisiert, 1878 schon zu 67 Prozent und 1914 zu mehr als 84 Prozent. Allein Großbritannien kontrollierte, auf dem Höhepunkt der Kolonialzeit, 30 Millionen Quadratkilometer, die dreifache Fläche der USA, und ein Viertel der Weltbevölkerung. Über die Vorherrschaft in Europa war damit aber nicht entschieden.

Als machthungriger, gleichwertiger Rivale hatte sich das wilhelminische Deutschland herausgeschält, und es brauchte den Ersten Weltkrieg, um das Kräfteverhältnis zu klären - der Eintritt der USA gab den Ausschlag, der deutsche Griff nach der Vorherrschaft scheiterte, die alte europäische Ordnung lag in Scherben.

Zwar votierte der amerikanische Kongress 1919 wieder für eine isolationistische Politik, doch damit war es 1941, zwei Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, endgültig vorbei. Der Verleger Henry Luce ("Life") begleitete das US-Engagement mit der enthusiastischen Formulierung vom »amerikanischen Jahrhundert«, und sieben Jahre nach Kapitulation der Achsenmächte machte sein Präsident Harry Truman die Sache amtlich.

Die Sowjetunion war als großer Gegenspieler auf den Plan getreten, auch sie besaß die Kraft, Kriege mit der Atombombe ultimativ zu entscheiden. Und sie hatte zudem ein Gesellschaftssystem, das die USA nicht dulden konnten, lief es doch ihren Grundsätzen zuwider. So trat Truman 1952 vor sein Volk und verkündete, ganz im Sinne der Gründerväter, Amerika habe endlich »die Führungsrolle auf sich genommen, die uns Gott der Allmächtige anvertraute«.

Die wird das Land nun einstweilen behalten, ungefährdet durch andere Staaten oder Koalitionen. Der einzige Staatenbund (neben dem vergleichsweise kurzlebigen Warschauer Pakt), der allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz ein anti-hegemoniales Bündnis ist, entstand, als sich auf dem Höhepunkt amerikanischer Macht nach dem Zweiten Weltkrieg sechs westeuropäische Staaten zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zusammenschlossen. Einer ihrer Führer, der französische Staatschef Charles de Gaulle, verhinderte 1963 die Aufnahme Großbritanniens, weil er das Vereinigte Königreich - nicht zu Unrecht - als Agenten Amerikas verdächtigte.

Doch nicht einmal die Schaffung einer einheitlichen Wirtschaftszone und einer gemeinsamen Währung reichte für eine wirksame Herausforderung. Brüssel kann das Heraufdämmern des zweiten amerikanischen Jahrhunderts nicht mehr verhindern.

Es kommt ganz sicher, aber bleibt es auch? Zwischen dem Beginn des ersten und dem des zweiten US-Jahrhunderts gibt es einen fundamentalen Unterschied: Als das erste begann, erkannte kaum jemand die Dimension amerikanischer Machtfülle. Die ist zu Beginn des zweiten unübersehbar - und ruft rund um den Globus gereizte Reaktionen hervor. In den Worten eines britischen Diplomaten: »Über das Verlangen der Welt nach amerikanischer Führung liest man eigentlich nur in den Vereinigten Staaten. Überall sonst liest man von amerikanischer Arroganz.«

Ab wann also ging amerikanischer Triumphalismus der Staatengemeinschaft über die Hutschnur? Seitdem die siegreichen Golftruppen, kriegerische Schöpfer einer angeblichen neuen Weltordnung, mit einer Konfettiparade in New York begrüßt wurden, als hätten sie die Welt erlöst? Oder war es, als der Dow-Jones-Index die 10 000er Marke durchbrochen hatte? Möglicherweise erst, seitdem amerikanische B-2-Bomber von ihrer Basis in Missouri aufstiegen, um ihre Bombenlast nach einem Nonstopflug über dem Kosovo abzuwerfen, perfektes Sinnbild eines nicht mehr angreifbaren Weltpolizisten, der nach eigenem Gutdünken Strafzettel verteilt?

Vielleicht erhob sich der Widerspruch gegen Amerikas Vormachtstellung aber auch erst, als klar wurde, dass den Demonstrationen politischer und militärischer Macht nicht immer ein hundertprozentiger Erfolg beschieden war. Amerikas wichtigste Buhmänner der vergangenen Jahre, Fidel Castro, Saddam Hussein und Slobodan Milosevic, halten sich noch immer im Amt. Früher, sagt der britische Historiker Eric Hobsbawm im SPIEGEL-Gespräch, »war es ein Kinderspiel, riesige Teile der Welt zu besetzen und mit sehr wenig Kosten zu verwalten. Das ist halt nicht mehr so« (siehe Seite 142).

Da können dann auch kleinere Staaten gern mal eine große Lippe riskieren. Von allen EU-Ländern ist in Frankreich der Unmut über den transatlantischen Partner am ausgeprägtesten. Der sozialistische Außenminister Hubert Védrine ist der Schöpfer des Begriffs von der »Hypermacht« Amerika, was seine US-Kollegin Albright anregte, sich bei ihm seither mit einem freundlichen: »Hi, Hubert, hier spricht Hyper-Madeleine« zu melden.

Frankreich fühlt sich als letztes europäisches Bollwerk gegen die amerikanische Vorherrschaft und stilisiert sich zur »exception française«. Ende November kündigte Staatspräsident Jacques Chirac im anhaltenden Kulturkampf eine »Schlacht« und einen »Kreuzzug« gegen die Dominanz von Hollywoods Illusionsindustrie an. In einem deutschen TV-Interview erklärte Chirac: »Kein Volk, wie stark, wie dynamisch oder modern es auch sei, darf der gesamten Welt sein Gesetz aufzwingen.«

Auch in Russland wich die Amerika-Trunkenheit der frühen Reformjahre so rasch wie die Benebelung eines russischen Kopfes nach einer Überdosis Wodka. Das einfache Volk jedenfalls brachte alsbald die Amerikanisierungswelle auf einen verächtlichen Begriff: Snickerisazija. Schokoladenriegel und Büchsenbrause eroberten noch das letzte sibirische Dorf. Aber der American Way of Life war und blieb dem Durchschnittsbürger rätselhaft.

Er interpretierte fremdländische Annehmlichkeiten wie das Verlustieren im Moskauer Schickeria-Etablissement »Planet Hollywood« oder die Fleischbeschau im Nachtclub »Manhattan Express« durchaus richtig als Zeitvertreib der eigenen herrschenden Klasse.

Nachdenkliche Amerikaner mit Russland-Erfahrung versuchen inzwischen die Frage zu lösen, warum Russland für westliches Demokratieverständnis denn verloren ging trotz hoffnungsvoller Anfänge Ende der achtziger Jahre. Und sie glauben die Antwort zu kennen: Weil die US-Politik zu sehr, zu eng, zu lange auf die neureichen Cliquen gesetzt hat, welche jahrelang ihre zusammengestohlenen Milliarden mit Hilfe amerikanischer Banken in sichere Häfen schafften.

Das hat Russlands Sapadniki, den Westlern aus Überzeugung, einen schweren Stand beschert. Die politischen Beziehungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten, urteilt der Politologe Wjatscheslaw Nikonow, »befinden sich nicht nur in einer Krise - sie verschwinden einfach«. Die liberale Moskauer Tageszeitung »Sewodnja« kommentierte mit einer traurigen Schlagzeile: »Good bye, Amerika«.

Auch in Ost- und Südostasien, wo der Ärger über die Hegemonialmacht USA besonders ausgeprägt ist, sind die Staaten in dem Dilemma verfangen, dass sie einerseits mit Verachtung auf die westliche Vormacht herabblicken, andererseits auf gute Beziehungen zu ihr auch künftig nicht verzichten können. Kaum eine Nation hatte die USA so besessen nachgeahmt wie Japan. Für Nippon symbolisiert Amerika zweierlei: das Vorbild, dessen Stärke sich das Land zu Eigen machen will, und den Rivalen, den es übertrumpfen will.

Und doch ist die Amerikanisierung nur an der Oberfläche geblieben. Japans Politiker unterwarfen sich zwar äußerlich der demokratischen Verfassung, die ihnen die amerikanischen Sieger 1946 fast wortwörtlich diktierten. Aber am liebsten kungeln Nippons Schatten-Shogune ihre politischen Deals noch immer in Geisha-Bars bei Sushi und Sake aus. Japans Wirtschaftsordnung lässt sich auf den ersten Blick kaum von westlichen Formen unterscheiden. Tatsächlich aber praktiziert das Land eine bizarre Mischung aus staatlich gelenkter Wirtschaft und Kapitalismus.

Seit dem Ende der Hochkonjunktur Anfang der neunziger Jahre ist das japanische Modell allerdings vorerst gescheitert: Einst stolze Autofirmen wie Mazda und Nissan lassen sich von westlichen Managern nach Rezepten amerikanischer Business-Schools sanieren. Amerikanische Investment-Häuser kaufen marode japanische Banken auf. Rechte Politiker wie Shintaro Ishihara, der Gouverneur von Tokio, sprechen schon von einer »zweiten Kriegsniederlage«.

Sogar in Südostasien hat der wirtschaftliche Einbruch zum Umdenken geführt und die Debatte um »asiatische Werte« einstweilen leiser werden lassen. »Verwurzelt in den eigenen Werten von Konfuzianismus und Islam, gehorchen die Länder Asiens eigenen Gesetzen«, hieß die Kernthese, die Singapurs langjähriger Regierungschef Lee Kuan Yew und Malaysias Premier Mahathir Mohamad verfochten. Die beiden hatten zwar westliches Wirtschaften in rapides Wachstum umsetzen können, amerikanische Lebensart aber wollten sie nicht übernehmen. Jahrelang wetterten die beiden Autokraten gegen westliche Dekadenz und heuchlerische Moralvorstellungen.

In den Nachwehen der Asienkrise wurde es jedoch stiller um die asiatischen Werte. Auffällig ist nämlich, dass Länder wie Südkorea oder Taiwan, die westlichen Demokratiemodellen gefolgt waren, die Krise schneller bewältigt hatten als die Diktatoren in Indonesien und Malaysia.

So bleibt es dem Riesenreich China, das sich noch immer als sozialistische Macht definiert, trotz aller Öffnung zum Westen vorbehalten, die Herausforderung an die USA am lautesten zu artikulieren. Der US-Einfluss, Folge der Reformen Deng Xiao-pings, habe einen »fundamentalen Wandel im Wertesystem« vor allem junger Leute bewirkt, behauptet Zhu Shida, Professor am Pekinger Institut für Amerikastudien: »Sie laufen nicht mehr der Gruppe nach, sondern sind Individualisten, sie sind keine Idealisten mehr, sondern Pragmatiker.«

So sehen sich Pekings Regenten bestätigt in der Furcht, dass mit Fast Food, Hollywood-Stars und amerikanischen Wagen sich auch schädliches demokratisches Gedankengut verbreitet. Noch immer schnappen Funktionäre zornig nach Luft, wenn sie an die »Göttin der Demokratie« erinnert werden, die Pekinger Kunststudenten 1989 nach dem Modell der Freiheitsstatue wenige Tage vor dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz errichteten.

Die Amerikanisierung ihrer Gesellschaft haben die Pekinger Gerontokraten deswegen immer misstrauisch beäugt. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und spätestens nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad ist Peking davon überzeugt, dass die USA eine »autoritäre Welt nach ihrem Muster« anstreben. Nun will die Regierung in einer massiven Anstrengung das eigene Land militärisch aufrüsten, wirtschaftlich stärken und den Ausbau des 1,25-Milliarden-Einwohner-Staats zu einer Supermacht vorantreiben.

Die »strategische Partnerschaft« mit den USA, die Präsident Clinton angeboten hat, ist längst keine Option mehr. Die Falken unter Chinas Politikern und Militärs reden inzwischen offen darüber, auf welche Weise ihr Land zum strategischen Rivalen und zur nuklearen Bedrohung für die Amerikaner werden kann.

Pekings Waffenaufkäufer durchkämmen auf der Suche nach Festtreibstoff für ihre Interkontinentalraketen auch das marode Moskauer Riesenreich. Wie im Kaufrausch erwerben sie dabei alles andere Kriegsgerät, dessen sie habhaft werden können. Entsetzt kabeln westliche Diplomaten nach Hause, mit welcher Selbstverständlichkeit chinesische Generale über die Möglichkeit eines Krieges mit den USA reden.

Allianzen gegen die Weltmacht zeichnen sich ab - und mit dieser Hypothek müssen die Amerikaner ihr zweites Jahrhundert beginnen. Auf der gerade beendeten siebten Indira-Gandhi-Konferenz in Neu-Delhi war zu erleben, mit welcher Verbitterung vor allem die asiatischen Länder auf die USA schauen.

Amerika wird der Griff zur Weltherrschaft unterstellt. Dass die USA den Atom-Teststopp-Vertrag nicht ratifizieren wollen, dass sie nächstes Jahr voraussichtlich den Raketenabwehr-Vertrag mit Moskau aufkündigen werden, belegte für viele Redner die finstren Absichten der Supermacht.

Der Bombenkrieg der von den USA angeführten Nato gegen Jugoslawien, des einstigen Führers der Blockfreien, fügte sich da bruchlos ins Bild. Indische Politiker fürchten, mit dem Argument des Schutzes von Minderheiten könnte Washington eines Tages auch im Vielvölkerstaat Indien eingreifen. »Niemand weiß, welches Land als nächstes dran ist«, protestierte die nordkoreanische Nachrichtenagentur. Und die Kollegen von der Pekinger Xinhua urteilten knapp: »Nichts als Hegemonieanspruch hinter humanitärer Fassade.«

Und so nähern sich asiatische Staaten einander an, die noch vor kurzem nichts voneinander wissen wollten - China und Indien beispielsweise oder China und Thailand. Selbst Japan, Weltkriegsgegner für große Teile Asiens, gilt nicht einfach mehr als Musterknabe Amerikas. Und in Tokio hat sich eine revisionistische Geschichtsschreibung breit gemacht, nach der keineswegs japanischer Expansionsdrang den pazifischen Krieg entfacht haben soll. Der Konflikt mit den USA war vielmehr ein asiatisches Aufbegehren gegen westliche Dominanz - so jedenfalls der Tokioter Gouverneur Ishihara in einem mit Mahathir herausgegebenen Buch.

Alle asiatischen Versuche, sich gegen die ungeliebte westliche Vormacht zu verbünden, haben jedoch den gleichen Grundsatzfehler: Ohne enge Verbindung zur amerikanischen Wirtschaft und zum amerikanischen Markt können die asiatischen Volkswirtschaften nicht auskommen.

Ohne Kontakte in die USA wäre beispielsweise Chinas expandierende Wirtschaft am Ende. Denn nur mit dem Warenexport in die USA, der im vergangenen Jahr 61 Milliarden Dollar erreichte, lassen sich Devisen für Hightech-Know-how verdienen, das notwendig ist, um Betriebe und Militär zu modernisieren.

So dürfte sich die amerikanische Vorherrschaft bis weit ins nächste Jahrtausend erhalten. Als sich in den fünfziger Jahren das Bild ihrer bis dahin kaum vorstellbaren Machtfülle entfaltete, wollte der berühmte Kommentator Walter Lippman die USA darauf verpflichten, eine Macht des Guten zu sein, »also damit zu leben, dass wir zwar stärkste Kraft, aber keineswegs allwissend oder allmächtig geworden sind, weder Führer der Menschheit noch Weltpolizist«.

Heute ist solche Bescheidenheit nicht mehr modern. Auf dem Wellenkamm eines seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden Wirtschaftswachstums und unangefochten in ihrer politischen Führungsrolle, blicken die Nachfahren puritanischer Einwanderer selbstzufrieden vom Gipfel ihrer Börsennotierungen herab. Das Einzige, was sie noch schrecken könnte, glaubt der Washingtoner Soziologe Norman Birnbaum, ist die »Angst, dass die Geschichte auf einmal irgendwie nicht mehr den Regeln des Sozialdarwinismus folgen würde«.

Das wäre dann das Ende des zweiten amerikanischen Jahrhunderts.

RÜDIGER FALKSOHN, HANS HOYNG, ANDREAS

LORENZ, JÖRG R. METTKE, STEFAN SIMONS,

WIELAND WAGNER

[Grafiktext]

Kriege des 20. Jahrhunderts Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern allenfalls Interessen - und in ihrem Innern jede Menge ethnischen und religiösen Zündstoff. ERSTER WELTKRIEG Rivalitäten im europäischen Staatensystem und Autonomie-Bestrebungen im österreichisch- ungarischen Vielvölkerstaat lösen den ersten in- terkontinentalen Krieg (1914-1918) aus. Waffen bisher ungekannter Potenz kommen zum Einsatz, darunter U-Boote, Flugzeuge, Granaten, Maschi- nengewehre, Minen und Giftgas. Opfer: 8 bis 12 Millionen Tote; 20 Millionen Verwundete. * *Alle Angaben geschätzt ZWEITER WELTKRIEG Der Expansionismus des Dritten Reichs und seiner Verbündeten Italien und Japan, gepaart mit Rassen- wahn, mündet in einer globalen Vernichtungsorgie (1939-1945). 53 Staaten aller Kontinente sind zeitweise allein mit Deutschland im Kriegszustand. Die Nazis setzen Raketen ein, die USA die ultimati- ve Waffe des 20. Jahrhunderts, die Atombombe. Gesamtbilanz: 55 Millionen Tote, darunter mehr als 5 Millionen Juden; 35 Millionen Verwundete; 3 Mil- lionen Vermisste. SPANIEN General Franco wird nach dem Putsch gegen die linke Volksfront- Regierung von Italien, Portugal und Deutschland unterstützt. Der folgende Bürgerkrieg 1936-1939 fordert 300 000 bis 500000 Tote. Deutsche Flieger zerstören am 26. April 1937 die baskische Stadt Guernica. BALKAN Der Zerfall des Ostblocks hat für Jugoslawien verheerende Wir- kung. Die ethnisch- religiöse Zersplitterung des Landes und der serbische Kampf um Vorherrschaft 1991-1995 kosten 250000 Menschenleben, etwa 3 Millionen fliehen. Im Kosovo-Konflikt 1999 emanzipiert sich die Nato erstmals von ihrer Verteidi- gungsdoktrin und greift Serbien militärisch an. KOREA Nordkorea findet sich mit der seit 1945 beste- henden Teilung nicht ab und marschiert 1950 in den Süden ein. Die Uno wird militärisch ak- tiv, vor allem mit US-Kontingenten, ebenso das maoistische China. Angeblich werden bakteriologische Waffen verwendet. Bilanz bis 1953: 2 bis 3 Millionen Tote. AFGHANISTAN Im Bürgerkrieg zwischen Muslim- Rebellen und Kommunisten seit 1978 in- terveniert die UdSSR. 1,5 Millionen Tote. NAHER OSTEN Die Existenz des am 14. Mai 1948 gegrün- deten Staates Israel destabilisiert die Regi- on und löst eine Reihe von Grenzkonflikten aus, darunter den Sechstagekrieg 1967 und den Jom-Kippur-Krieg 1973. Die Kurden, Volk ohne Staat, werden seit 1961 achtmal Ziel militärischer Feldzüge, über 4 Millionen werden vertrieben. Der Bürgerkrieg im Liba- non 1975 -1990 fordert 150000 Tote. KAMBODSCHA Auf den »Killing Fields« fallen 1975 -1979 rund 2 Millionen Menschen den ideologisch moti- vierten Säuberungen Pol Pots zum Opfer. CHINA Der Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten 1946 -1949 sowie die an- schließenden Säuberungen der Sieger um Mao Tse-tung kosten jeweils eine Million Menschen das Leben. Während der Kultur- revolution 1966 -1976 sterben schätzungs- weise 4 bis 10 Millionen. GOLF-KRIEGE Konkurrenz ums Erdöl, islamischer Funda- mentalismus und die Machtambitionen Saddam Husseins bedrohen die labile Kräfte- balance der arabischen Welt. Im iranisch- irakischen Krieg 1980-1988 sterben 500000 Menschen. Nach Saddams Besetzung Kuweits 1990 führen die USA den zweiten Golfkrieg unter Einsatz von Hightech-Waffen an. INDISCHER SUBKONTINENT Religiöse Spannungen zwischen Muslimen und Hindus nach der Tei- lung Britisch-Indiens 1947 sowie die gewaltsame Abspaltung Ostpaki- stans von Pakistan 1971 kosten 1,3 Millionen Menschenleben. Zweimal führen Indien und Pakistan Krieg um Kaschmir (1947-1949, 1965). VIETNAM 900000 Menschen fallen im ersten Indochina- krieg 1946-1954 gegen Frankreich und im fol- genden Bürgerkrieg 1957-1964. Die USA stüt- zen das Regime in Saigon, 1964 treten sie, in Sorge eines »Domino-Effekts«, direkt in den Krieg ein und bombardieren massiv die kommu- nistischen Vietkong - unter anderem mit Na- palm. Weitere 2 Millionen Tote bis zum endgülti- gen Zusammenbruch Südvietnams 1975. AFRIKA Nach der Kolonialära stürzen viele der neuen, willkürlich definierten Staaten ins Chaos. Die blutigsten Krisenherde: Sudan Bürgerkrieg 1955 -1972 und seit 1983, etwa 2,4 Millionen Tote Nigeria Krieg um die Provinz Biafra 1967-1970, über eine Million Tote Uganda Militärdiktatur Idi Amins 1971-1979 und Bürgerkrieg 1981-1988, über 600 000 Tote Angola Bürgerkrieg seit 1975, bis zu 1,5 Millionen Tote Ruanda Völkermord der Hutu an den Tutsi 1994, rund 800 000 Tote INDONESIEN Allein die Unruhen nach der Besetzung Osttimors 1975 kosten, bis zum Unabhängigkeitsreferendum 1999, mehr als 200 000 Menschen das Leben. Bildunterschriften: Erster Weltkrieg: Deutsche Matrosen in Flandern 1916 Sechstagekrieg 1967: Israels Armeechef Mosche Dajan (M.) Spanischer Bürgerkrieg: Tod eines Soldaten 1936 Zweiter Weltkrieg: US-Soldaten im befreiten Konzentrationslager Buchenwald 1945 Vietnamkrieg: Flucht vor Napalm-Bomben 1972 Golfkrieg 1991: Raketen über Bagdad Bürgerkrieg in Ruanda 1997: Flüchtlinge in einem Sammellager Kosovo-Krieg 1999: Opfer eines Nato-Angriffs Credits: FOTOS: SÜDDEUTSCHER VLG., R. KAPPA/MAGNUM/AGENTUR FOCUS, DPA, N. UT/AP, GAMMA/STUDIO X, L. GILBERT/CORBIS/SYGMA, REUTERS UMFRAGE Amerikanische Übermacht? »Finden Sie, dass die USA als einzig verbliebene Supermacht zu arrogant und übermütig geworden sind?« Ja 57 Nein 39 »Haben Sie Angst vor den Russen?« Ja 20 Nein 78 »Fürchten Sie, dass es eine Ausein- andersetzung mit radikalen Kräften der islamischen Welt geben wird?« Ja 55 Nein 40 Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte in Deutschland; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: keine Angabe

[GrafiktextEnde]

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