Zur Ausgabe
Artikel 41 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ASYLANTEN Plötzliche Flut

Tausende Rom-Pilger haben die Reise genutzt, um im Westen zu bleiben. Italien hat Mühe, mit dem Asylantenstrom fertig zu werden. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Sie machen sich zu Tausenden auf den Weg nach Rom, per Flugzeug, in Reisebussen der staatlichen polnischen Touristik-Unternehmen »Orbis« und »Turysta«, aber auch im eigenen Auto Marke »Fiat« oder »Skoda": Mehr als 20000 fromme Polen pilgerten in diesem Jahr schon zum Heiligen Vater.

Das Ziel ist für viele nicht die Messe mit ihrem Landsmann Papst Wojtyla, dem bekanntesten Polen der Gegenwart, der im Ausland lebt. Laut italienischem Innenministerium trachten sie vielmehr nach illegalem Absprung aus der sozialistischen Tristesse daheim in die glitzernde Konsumwelt des Westens.

Mehr Polen als je zuvor haben ihr Touristen-Visum in diesem Sommer dazu benutzt, sich für immer aus ihrem Vaterland zu verabschieden.

Politische Flüchtlinge sind die polnischen Pilger bis auf wenige Ausnahmen nicht. Enttäuschung über die politische Ausweglosigkeit nach dem Zerschlagen ihrer Gewerkschaft »Solidarität«, Verzweiflung über die wirtschaftliche Dauermisere und Zorn junger Leute, die keine private und berufliche Perspektive sehen - das sind die am meisten genannten Motive für die Massenflucht.

Der Weg über Rom, so hat sich in Polen herumgesprochen, ist das bequemste Schlupfloch in den Westen.

Die polnischen Behörden, bei der Vergabe von Auslandspässen ohnehin die großzügigsten im Ostblock, stellen beim Antrag für eine Pilgerreise zum polnischen Pontifex nicht einmal die sonst übliche Frage, wer den Aufenthalt in der Fremde eigentlich bezahlt - die Heilige Mutter Kirche, so meinen sie, wird's schon richten.

Doch gefordert, für die falschen Rom-Pilger aufzukommen, ist vor allem der italienische Staat.

Schon seit Jahren besteht in der Kleinstadt Latina, 80 Kilometer südlich von Rom, ein Auffanglager für östliche Asylanten; das ist seit Anfang August überfüllt. Über 9000 Polen-Flüchtlinge leben zur Zeit in Italien, und noch immer

melden sich täglich über 50 neue auswanderungswillige aus der Volksrepublik.

Bei Italiens Arbeitslosenquote von zwölf Prozent finden sie selbst als Schwarzarbeiter nur selten einen Job. So sind die Lager-Polen auf eigene Ideen gekommen, um ihr Taschengeld aufzubessern. In den Großstädten warten sie an den Kreuzungen, um bei Rot an der Ampel ungefragt die Windschutzscheiben der Autos zu putzen - halsbrecherische Mutproben im ohnehin chaotischen Stadtverkehr.

Das ist den Italienern nun zuviel. Der christdemokratische Innenminister Amintore Fanfani befand Anfang August, sein Land werde von Polen »geradezu überschwemmt« und müsse die Einreisebestimmungen verschärfen. Zwar wollen die meisten Polen Italien wieder verlassen, um in die USA, nach Kanada oder Australien zu ziehen: das bringe für absehbare Zeit jedoch keine Entlastung.

Die Christdemokraten-Zeitung »Il Mattino« unterstellte sogar den weitherzigen Ausreisebestimmungen der polnischen Behörden böse Absichten. Die plötzliche Flutwelle polnischer Asylanten, so das Blatt, sei möglicherweise »eine aus Warschau ferngelenkte Kampagne, um die vielen Arbeitslosen loszuwerden«.

Besorgt um seine noch ungesicherten Beziehungen zur polnischen Regierung ging der Vatikan nur zögerlich auf das Problem ein.

Erst Mitte August war der für die Polen im Ausland zuständige Bischof Szcepan Wesoly in Rom bereit, ein Machtwort zu sprechen: Die italienische Regierung müsse mit Warschau ein Abkommen »zur Reduzierung des Auswandererstroms« anstreben und bis dahin die Ausstellung neuer Visa begrenzen.

Der Bischof: »Es handelt sich um eine Psychose, von der sich die Kirche distanziert. Nicht, weil sie nicht anerkennt, daß es durchaus Gründe für eine Flucht gibt, sondern weil dann alle 40 Millionen Gründe hätten.«

Seit 1945 haben mehr als eine Million Polen ihre Heimat verlassen, seit 1980, dem Jahr der polnischen »Solidarität«, allein 250000. In der Bundesrepublik leben laut Auskunft des Bonner Innenministeriums rund 145000 Polen, jede Woche kommen über das Auffanglager Friedland bis zu 2000 neue Auswanderer hinzu - die meisten mit Touristen-Visum.

Überlegungen in Bonn, den Strom durch schärfere Einreisebestimmungen wie bei Afrikanern und Asiaten einzudämmen, wurden aus politischen Gründen wieder verworfen.

Der Regierung in Warschau gilt die Möglichkeit zur ungehinderten Auslandsreise tatsächlich als willkommenes Ventil - für den innenpolitischen Überdruck, zudem als heimliche Devisenquelle: Kaum sind die Auswanderer etabliert, schicken sie ihren zu Hause gebliebenen Verwandten Subsidien in harter Währung.

Dabei setzen die Kommunisten auch noch auf den polnischen Patriotismus. Allein in den USA leben rund 8,4 Millionen Bürger polnischer Herkunft: Zu Wohlstand gekommen, sind Polen aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten - so das Kalkül - bei offenen Grenzen eher geneigt, in Polen zu investieren.

Die Warschauer Wochenzeitung »Prawo i Zycie« stellte jetzt jedoch »in ihrer ganzen Schärfe die Frage, wie unter Wahrung der Offenheit in der Paßpolitik, von der nicht abgegangen werden sollte, die grundlegenden Interessen des Staates gewahrt werden können. Polen ist für einige westliche Länder zum Lieferanten hochqualifizierter Fachleute geworden, die diese Länder keinen Pfennig kosten, weil sie in Polen ausgebildet worden sind«.

Doch als am vorletzten Wochenende die italienischen Grenzbehörden 60 polnische Touristen erstmals auf dem römischen Flughafen Fiumicino zurückschickten, weil die Absicht einer Rückreise aus ihren Papieren nicht glaubhaft hervorgegangen sei, schlug Warschau Alarm.

Regierungssprecher Urban, für jede Polemik gut, bezichtigte die Italiener, sie hätten durch die Abschiebung die Menschenwürde der Polen verletzt. Auch sei die Sorge des Westens geheuchelt, da er durch seine Propaganda die Polen zur Auswanderung verführe.

Die Zurückgewiesenen tröstete Urban: »In Polen gibt es Arbeit für jeden!« Die Betroffenen wußten es besser.

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.