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Martin Morlock PLUS MINUS NULL

aus DER SPIEGEL 49/1965

Der »Personalbogen ohne finanzielle Verpflichtung«, der die Preisgabe meiner »natürlichen Hautfarbe« gefordert und mir empfohlen hatte: »Prüfen Sie genau, ob Sie einen besonderen Hang - zum Alkoholrausch haben«, ist ausgefüllt, nun kommt der »psychologische Persönlichkeitstest": Ich kreuze fünf farbige Kreise in der Reihenfolge Grün-Blau-Rot-Gelb -Grau an, wodurch ich eines von 480 programmierbaren Charakterbildern als das meine bestimme, alles übrige wird ein Elektronengehirn besorgen.

Während das Schicksal im Verborgenen seinen Lauf nimmt, bekenne ich dem Gründer der »Altmann GmbH« meine Befürchtungen. »Wird der Computer mit meinen Daten auch zurechtkommen?« frage ich, der ich von Kopf bis Freiersfuß 1,96 Meter messe.

»Ohne weiteres«, sagt Herr Altmann. Das Gerät sei auf Leibeslängen von einem bis zu 9,99 Meter eingestellt. In meinem Fall werde es Partnerinnen zwischen 1,71 und 1,96 Meter ausstoßen. Überdies stehe die Körpergröße erst an dritter Stelle. Wichtigstes Kriterium sei das Alter der Lebensgefährtin, das nach der Formel »Jahrgang des Mannes plus minus Null bis Jahrgang des Mannes plus 25 Prozent des Unterschieds zwischen laufendem Kalenderjahr und Jahrgang des Mannes« zu berechnen sei. Danach folge das Sozialprestige, welches sich in neun Gruppen teile. Gruppe I: »Über der Berufshierarchie stehende Persönlichkeiten«, Gruppe IX: »Sozial verachtete Berufe.« (Herr Altmann war so scharfblickend, mich in die erste Prestige-Gruppe einzuordnen.)

Über allem aber rangiere des Hochzeiters Eigenwille: »Wird ein besonderer Wunsch geäußert, schaltet der Computer das Standard -Programm ab; so, wie er auch automatisch stillsteht, wenn ihm widersinnige Angaben gemacht werden, etwa 'aktiver Katholik, geschieden'.«

Joachim Hans Altmann, 38, auf urtümlichem Wege verehelicht, zwei Kinder, hatte als Student der Betriebswirtschaft auch soziologische Vorlesungen besucht, in denen vom

»Verfall der traditionellen Heiratskreise« die Rede war, und sogleich hatte er jene »echte soziale Aufgabe« erkannt, die er sich nun als Chef des größten europäischen Instituts für Ehevermittlung (über

100 Angestellte, 17 000 in- und ausländische Partnersucher) mit durchschnittlich 600 Mark je einsames Herz entlohnen läßt, zuzüglich eines individuellen »Förderungsbeitrags« bei Eheschließung. Erfolgsquote: 40 Prozent. »Andere geben mehr an, ich bin ehrlich.«

Wir sprechen über Heiratsprobleme. Bis zum 30. Lebensjahr, erfahre ich, seien es vornehmlich die Männer, nachher die Frauen, die des Alleinseins müde würden.

»Natürlich gehen 25jährige leichter weg als 50jährige«, sagt der Vermittler, und nicht nur ein hohes Alter, auch eine hohe Prestige -Gruppe könne, da sie die Auswahl mindere, gerade für Frauen hinderlich sein. Gleichwohl habe jedes Mitglied Aussicht, auf ein Angebot 200 bis 400 Nachfragen zu bekommmen. »Es gibt sogar Schönheitsköniginnen in unserer Kartei.«

Dieser letzte Satz stimmt mich vorfreudig, denn eben ist das Ergebnis der elektronischen Mühen um meine Person eingetroffen. Test-Resultat: Ich bin, las mir Elektro-Amor aus der Seele, »kein Draufgänger«, vielmehr »empfindlich und von ernsthafter Natur«, aber auch »fleißig, gründlich und strebsam«. Dieser Wesenszüge halber möge ich mit folgenden

von ihm erwählten Damen Kontakt aufnehmen:

Mit einer Prokuristin aus Hannover, 36; 1,71; Gestalt: mittel; Hobbys: Musizieren und Wandern. »Draufgängertum schätze ich durchaus nicht ... dabei bin ich aber recht erlebensfreudig.«

Mit einer Diplom-Psychologin aus Viersen, 33; 1,79; - »Dort, wo man mich in meinen natürlichen Ansprüchen einschränkt, leide ich seelisch ...«

Mit zwei medizinisch-technischen Assistentinnen; einer aus Mönchengladbach, 37; 1,72; Hobbys: Basteln, Wandern, Briefmarkensammeln («... durchaus in der Lage, notfalls aufs Ganze zu gehen"), einer aus Landshut, 34; 1,73 ("in der Planung zielbewußt, in der Ausführung gründlich").

Des weiteren mit zwei Apothekerinnen (Basteln, Spazierengehen), einer Bibliothekarin (Handarbeiten, »Ordnung ist für mich das halbe Leben") und einer Chefsekretärin, 45; 1,89; leicht gehbehindert, ledig, zwei Söhne; interessiert an religiösen Gesprächen.

Sämtliche besitzen Eigenheim und Kraftwagen, sämtliche würden mir angehören, selbst wenn ich kinderreich und bresthaft wäre. Wozu da noch Sonderwünsche?

Herr Altmann stärkt mich mit einigen Kognaks, und auf dem Heimweg beschließe ich, mir einen Handwerkskasten, einen Stickrahmen und einen Wanderstab zu kaufen. Und eine Pistole.

Altmann-Prospekt

Martin Morlock
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