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POLEN AUS SCHLESIEN NACH FRANKREICH?

aus DER SPIEGEL 44/1965

Mit einer Denkschrift über Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn«, die vorletzte Woche veröffentlicht wurde, versucht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) »eine neue Bewegung in die politischen Vorstellungen des deutschen Volkes hineinzubringen und auch den Nachbarn im Osten einen Dialog auf neuer Ebene anzubieten«. Das Memorandum - von der EKD- »Kammer für öffentliche Verantwortung verfaßt und mit Zustimmung des Rates der EKD publiziert - spricht sich unter anderem dafür aus, »in der Zukunft das Lebensrecht

des polnischen Volkes zu respektieren und ihm den Raum zu lassen, dessen es zu seiner Entfaltung bedarf«. Bei den Vertriebenenverbänden und Landsmannschaften stieß die Denkschrift auf heftigen Protest. Der Bund der Vertriebenen (BdV) bezeichnete sie in einer ersten Stellungnahme als Mißbrauch der kirchlichen Autorität. Präsident des BdV ist seit dem 1. März 1964 der SPD-Bundestagsabgeordnete Wenzel Jaksch, 69. Der Altsozialdemokrat stammt aus dem Sudetenland und lebte von 1939 bis 1949 in britischem Exil. Dort vertrat er die Interessen der Sudetendeutschen bei der tschechoslowakischen Exilregierung.

SPIEGEL: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in der Denkschrift über »Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn« zum Umdenken aufgefordert, weil eines Tages die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze unausweichlich werden könne. Nährt dagegen nicht der Bund der Vertriebenen die Hoffnung, eines Tages werde über die Rückkehr Ostpreußens und Schlesiens zum Reich verhandelt?

JAKSCH: Diese Frage geht das ganze deutsche Volk an und kann auch in einem Dialog zwischen dem Bund der Vertriebenen und der evangelischen Kirche nicht beantwortet werden. Wir gehen von dem völlig unbestrittenen historischen Tatbestand aus, daß die großen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im Potsdamer Abkommen die Frage der deutschen Ostgrenzen ausdrücklich einer friedensvertraglichen Regelung vorbehalten haben. Wir nähren also unter unseren Mitgliedern nicht irgendwelche Illusionen, sondern beziehen, wie alle staatserhaltenden Kräfte der Bundesrepublik, einen eindeutigen Rechtsstandpunkt.

SPIEGEL: Die Unterschriften von Truman, Stalin und Attlee in Potsdam wurden vor 20 Jahren geleistet. Inzwischen hat sich jenseits von Oder und Neiße vieles ereignet, vieles verfestigt. Wie wollen Sie gegen die Macht des Faktischen angehen?

JAKSCH: In Ihrer Frage steckt die Anerkennung des Fait accompli als einer völkerrechtlich bindenden Macht. Von dieser Philosophie her kann man jeden künftigen Eingriff in die Menschenrechte eines Nachbarvolks begründen und sich nachher auf die normative Kraft des Faktischen berufen.

SPIEGEL: Nun nimmt aber die Denkschrift der evangelischen Kirche gerade darauf Bezug, daß nach 1933 die Gewaltpolitik von deutscher Seite begonnen wurde. Sie spricht davon, daß wir gerade wegen der Leiden des polnischen Volkes im Zweiten Weltkrieg das Lebensrecht dieses Volkes respektieren und ihm Raum zu seiner Entfaltung lassen müßten. Sind Sie anderer Meinung?

JAKSCH: Ich bin zutiefst bestürzt über den Versuch, nachträglich mit Hilfe theologischer Argumente dem deutschen Volk eine Kollektivschuld-Position suggerieren zu wollen. Man darf doch nicht vergessen, daß die Warschauer Regierung nach 1933 Hitler Schützenhilfe geleistet und sich 1938 sogar an der Aufteilung der Tschechoslowakei beteiligt hat.

SPIEGEL: Wollen Sie damit den deutschen Angriff gegen Polen im Jahre 1939 rechtfertigen?

JAKSCH: Aus meinem Bewußtsein ist es nicht auszustreichen, daß deutsche Hitler-Gegner der Kriegspolitik des Nationalsozialismus weit entschiedener Widerstand geleistet haben als die Männer des Appeasements im Westen und die Regierungen in Warschau und Prag. Wer die Blindheit der europäischen Staatsmänner im Westen und im Osten vor dem Angriff auf Polen erlebt hat, so wie ich, der kann sich nur schaudernd und mit Trauer von einer Geschichtsdarstellung abwenden, die nachträglich alle Schuld beim deutschen Volke suchen will.

SPIEGEL: Die Verfasser der Denkschrift der evangelischen Kirche sagen, mit theologischen Argumenten könne man das von den Vertriebenen beanspruchte Heimatrecht nicht begründen.

JAKSCH: Die Verfasser der Denkschrift weichen der Vorfrage aus, ob Massenvertreibungen von ganzen Volksteilen und Volksgruppen durch nachträgliche Ersatzdiskussionen über das Heimatrecht als Mittel der Politik legitimiert werden dürfen.

SPIEGEL: Aber was soll aus den polnischen Menschen werden, die in den Gebieten jenseits von Oder und Neiße geboren sind und dort Heimat erworben haben? Würden sie wieder vertrieben, wenn eine deutsche Regierung ein künftiges Deutschland in den alten Grenzen durchsetzen könnte?

JAKSCH: Das ist doch eine aus dem Gesamtbild herausgeschnittene Detailproblematik.

SPIEGEL: Nein, das ist die Frage nach dem Schicksal von Millionen polnischer Menschen.

JAKSCH: Sicher, Herr Stalin hat genauso einen Teil Polens eingesteckt, und zwar so, daß man das zu Boden geworfene Polen noch von der anderen Seite her verstümmelte. Wer stellt dieselbe Frage an die Sowjet-Politik, die Sie mir gestellt haben, wenn Sie vom Moralischen her argumentieren? Vom Moralischen her ist das Heimatrecht der Polen in den Gebieten, die die Sowjet-Union annektiert hat, genausogut wie das Heimatrecht der Schlesier und der Pommern im deutschen Teil.

SPIEGEL: In beiden Vertreibungsfällen, sowohl bei den Ostpolen wie bei den Ostdeutschen, ist mittlerweile eine ganze neue Generation herangewachsen. Die jungen »Schlesier« von heute, die jetzt in Westdeutschland leben, haben ihre Heimat ebensowenig gesehen wie die jungen »Ostpolen«, die in Schlesien und Ostpreußen leben. Wir fragen uns, ob denn überhaupt diese Millionen in

ihre angestammten Heimatgebiete zurückkehren wollen?

JAKSCH: Dieselbe Frage können Sie auch an die Sachsen und Thüringer stellen, die in der Bundesrepublik leben. Mit demselben Argument können Sie jeden moralischen Anspruch auf Wiedervereinigung bestreiten. Denn auch die Nachkommen der Sowjetzonen-Flüchtlinge haben hier nach Ihrer Theorie Heimat gefunden ...

SPIEGEL: Nur, daß in der Sowjetzone Deutsche leben und in Schlesien heute Polen. In der Sowjetzone würde bei Rückkehr der Flüchtlinge niemand vertrieben werden müssen. Noch einmal unsere Frage: Wollen Sie, daß um des Heimatrechts willen eine neue Umsiedlungsaktion beginnt? Wollen Sie Polen nach Osten in seine alten Grenzen zurückverlagern, mit allen Konsequenzen, die das für ganz Europa haben würde?

JAKSCH: Das Heimatrecht ist genauso wichtig für Deutsche wie für Polen, wie tür Ungarn, wie für Sowjet-Russen, entweder gibt es eine, internationale

Sicherung des Heimatrechts, oder Sie

arbeiten mit dem bequemen Argument der normativen Kraft des Faktischen. Damit können Sie jedes Rechtsempfinden der Völker kaputtmachen.

SPIEGEL: Aus dem Echo des Bundes der Vertriebenen auf jeden Versuch, ein neues Gespräch zu führen, hat man den

Eindruck, daß starke Kräfte in ihrem

Bunde jeden, der solche Fragen überhaupt anschneidet, als eine Art Landesverräter betrachten.

JAKSCH: Das ist natürlich ein großer Irrtum.

SPIEGEL: Das ist eine belegbare Tatsache.

JAKSCH: Nein, ich würde sagen, es ist ein gewollter Irrtum. Das Gespräch mit aufgeschlossenen osteuropäischen Partnern ist ja längst im Gange. Wir erleben einen Umbruch in der Stimmung der osteuropäischen Völker. Sie lösen sich langsam von dem Trauma der Besetzung, vom Denken an die Gestapo -Herrschaft, ar all die schrecklichen Dinge, die geschehen sind.

SPIEGEL: Wird nicht dieser Umbruch in Polen durch die Furcht verzögert, daß wir Deutschen eine neue Vertreibung wollen?

JAKSCH: Das sind die Thesen der innenpolitischen Propaganda in Polen. Es wird ununterbrochen diese Detailfrage hochgespielt ...

SPIEGEL: Das ist doch keine Detailfrage.

JAKSCH: Das ist eine Detailfrage. Vom Standpunkt des polnischen Volkes ist es entscheidend, ob es in eine dauernde Abhängigkeit von der Sowjet-Union gerät, oder ob es Aussicht hat auf Wiederanschluß an Europa.

SPIEGEL: Aber für den einzelnen betroffenen Polen heißt doch die Existenzfrage, ob er dort leben und arbeiten kann, wo er jetzt lebt und arbeitet, oder ob er zwangsweise wieder aiisgesiedelt wird.

JAKSCH: Der Bund der Vertriebenen hat nie von einer zweiten Austreibung gesprochen.

SPIEGEL: Es gilt also nicht mehr das vor einiger Zeit bei Ihnen erörterte Kategorisierungs-Schema, das an Hitlers Volkslisten erinnerte: Die Kongreßpolen müssen bei Rückkehr der Deutschen hinaus, die Ostpolen sollen rücksiedeln, sobald sie können, nur die in Ostdeutschland geborenen Polen dürfen bleiben - was ist aus diesem Plan geworden?

JAKSCH: Ach Gott, es werden von allen möglichen Seiten Zukunftspläne gewälzt, aber wir sprechen ja hier über die offizielle Einstellung des Bundes der Vertriebenen.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich dann aber praktisch die Heimkehr der Deutschen-nach Osten vor?

JAKSCH: Vielleicht würde mancher Pole, der heute in Schlesien sitzt, lieber in Nordfrankreich arbeiten und umgekehrt. Die entscheidende Frage ist doch, ob wir wieder in ganz Europa zu einem ungehinderten Kreislauf von Arbeitskraft und Kapital kommen können.

SPIEGEL: Sie wollen also eine Ausdehnung des jetzt in der EWG praktizierten Systems auf Osteuropa ...

JAKSCH: Gewiß.

SPIEGEL: ... wobei natürlich wie auch in der EWG die nationalstaatlichen Grenzen bestehen bleiben würden?

JAKSCH: Sicher, nur eines ist zu beachten: Es ist ein Unterschied, ob ich über Grenzfragen unter dein Aspekt einer Wiederholung nationalstaatlicher Lösungen spreche oder unter dem Aspekt der Zusammenführung von West- und Osteuropa. Es ist ein Unterschied, ob ich die Grenze zwischen Deutschland und Holland betrachte, wo jeden Sonntag 20 000 Deutsche nach Venlo fahren, oder ob ich mir die Stacheldrähte ansehe, die sogar Ostblockstaaten untereinander trennen.

SPIEGEL: Warum sollen denn nicht jeden Sonntag 20 000 Deutsche in das heute-polnische Breslau zu Besuch fahren?

JAKSCH: Umgekehrt könnten ja in ein deutsches Breslau auch wieder Polen zu Besuch kommen. Warum gehen diese Überlegungen immer zuungunsten der deutschen Seite aus?

SPIEGEL: Vielleicht, weil wir den krieg verloren haben.

JAKSCH: Wir haben doch alle nur denkbaren Zusicherungen gegeben, daß sich die traurigen Geschehnisse der Vergangenheit nicht wiederholen dürfen. Am 22. März 1964 erklärte Philipp von Bismarck auf der Tagung der ostdeutschen Landsmannschaften in Bonn: »Die Wahrung der Menschenwürde ist Inhalt und Ziel irdischen Rechts. Die Wiederherstellung verletzten Rechts muß daher selbst Unmenschlichkeit ausschließen. Das gilt in den von der Sowjet -Union und Polen verwalteten deutschen Gebieten auch gegenüber den Menschen, die von fremden Mächten dort angesiedelt worden sind. Dem einzelnen gebührt die Freiheit, im Lande zu bleiben oder in seinen Staat zurückzukehren.«

SPIEGEL: Das ist eine sehr vieldeutige These. Was sie wert ist, hängt von den Zuständen ab, die dann in diesen Gebieten herrschen würden; ob man zurückbleibenden Polen das Leben nicht derart sauer machen würde, daß sie lieber freiwillig davonlaufen.

JAKSCH: Aber bitte, das hat doch alles zwei Seiten. Auf der anderen Seite muß man sich das Schicksal der Deutschen in den heutigen Ostgebieten ansehen.

SPIEGEL: Auge um Auge, Zahn um Zahn?

JAKSCH: Nein, eben nicht. Im Gegenteil, endlich einmal Vernunft und Menschlichkeit.

SPIEGEL: Ganz in diesem Sinne: Wird die Denkschrift der evangelischen Kirche im Bund der Vertriebenen verteilt und zur Diskussion gestellt, oder wird das Thema wieder von vornherein zum Tabu erklärt?

JAKSCH: Zunächst einmal muß der volle Wortlaut dieser Denkschrift vorliegen, von der auszugsweise sehr bedenkliche Partien veröffentlicht wurden. Die Denkschrift als Ganzes wird geprüft werden, ohne Voreingenommenheit, aber auch ohne Preisgabe der Rechte von Menschen, über die hier geredet wird ...

SPIEGEL: ... und offenbar ohne das von der Kirche erstrebte Umdenken ...

JAKSCH: ... die Vertriebenen werden sich auf keinen Fall außerhalb ihres eigenen Volkes stellen lassen, und zwar in der Rolle eines Spekulationsobjekts von Kräften, die wir im religiösen Bereich respektieren, aber im weltlichen Bereich nicht für ausschließlich legitimiert halten.

SPIEGEL: Das Umdenken wird also nicht kommen - werden Sie aber wenigstens über die Kirchenthesen nachdenken?

JAKSCH: Wer zu den Menschenrechten steht, so wie wir; der braucht nicht umzudenken.

BdV-Präsident Jaksch: »Zutiefst bestürzt«

Ostpreußen-Treffen in Düsseldorf: »Wir brauchen nicht umzudenken«

Schlesier-Treffen in Hannover: Sonntags zu Besuch nach Breslau?

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