Zur Ausgabe
Artikel 44 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Polen: Demokratie statt Wodka

Tim Garton Ash über die Streikvorbereitungen in Warschau
aus DER SPIEGEL 46/1980

Warschau, Szpitalna Nummer 5, dritter Stock, eine chaotisch wirkende Vierzimmerwohnung. Erstaunliches läuft hier, im Warschauer Hauptquartier der Gewerkschaft »Solidarität«, vorigen Donnerstag ab: Streik-Anweisungen werden an die Delegierten verteilt.

Es sind geschickte, genaue Instruktionen, auf die eine westliche Gewerkschaft sehr wohl stolz sein könnte. Nur die Qualität der Vervielfältigung -drei schwer lesbare Seiten -- läßt zu wünschen übrig. Die modernen Druckmaschinen, von westlichen Gewerkschaften vor Wochen gestiftet, sind noch immer nicht ausgeliefert. Immerhin hat die Regierung versprochen, daß der Zoll sie bald freigeben werde.

Für die Führer der »Solidarität« steht fest: Wenn am 10. November das Oberste Gericht in Warschau den vom Woiwodschaftsgericht in die Gewerkschaftsstatuten eingefügten Passus über die »führende Rolle der Partei« nicht wieder streicht -- ohne Umschweife und endgültig --, dann soll am Dienstag um ein Uhr nachmittags, so steht es in den »Anweisungen«, der Nationale Vorstand der »Solidarität« das Signal geben: am Mittwoch Streik.

Was aber geschieht dann? Den Warschauer Arbeitern wird geraten, am Dienstag Schlafsäcke und Bettdecken in die Betriebe mitzunehmen, auch Lebensmittel für zwei Tage.

Bis Mittwoch sechs Uhr früh soll sich das Warschauer Regionalkomitee der »Solidarität« im größten Stahlwerk der Stadt versammelt haben. Dieses Kombinat »Huta Warszawa« galt noch bis vor kurzem als feste Burg der Partei -- doch damit ist es längst vorbei.

Straßenbahn und Bus sollen im Streikfall am Mittwoch bis neun Uhr vollen Betrieb fahren, nach neun Uhr nur noch auf sehr begrenzten, strategisch ausgewählten Strecken. Aber die Fahrer sollen den Fahrgästen dann erklären, wofür sie streiken.

Auch die Lehrer sollen ihren Schülern die Gründe darstellen -- Streikunterricht. Währenddessen sind die Angestellten aufgefordert, Plakate und Fahnen zu malen sowie Flugblätter zu tippen. Ein Stück pfiffige Agitation ist in den Anweisungen enthalten. Ein Slogan lautet: »Verbessere die Wirtschaft, nicht die Statuten.«

Stahlwerker, Verkehrsarbeiter, Drucker, Lehrer: Die »Solidarität« ist pluralistisch organisiert, die Zahl ihrer Mitglieder schon viel höher als die der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP): über sieben Millionen gegen rund drei Millionen PVAP-Mitglieder. »Die 'Solidarität'-Mitgliedschaft steigt, die Parteimitgliedschaft schweigt«, reimt ein deutsch sprechender Gewerkschafter.

Der 28jährige Facharbeiter Bogdan Lis, dritter Mann im Präsidium des Danziger Streikkomitees, demonstriert Verantwortungsbewußtsein und die für westliche Besucher nahezu wundersame politische Reife der jungen Arbeiter-Generation, groß geworden im real existierenden Sozialismus.

Eine Episode: Diskussion in der Leninwerft über die Zensur. »Wir sollten die Zensur doch ganz abschaffen«, ruft ein junger Intellektueller. Darauf Lis, blitzschnell: »Zwei Tage nachdem die Tschechen die Zensur abschafften, sind die Russen einmarschiert.« Sie wissen also offenbar, was sie tun.

Ob die Massen es auch wissen? Der Vorsitzende des Warschauer Regionalkomitees, der 26jährige Elektriker Zbigniew Bujak, beschreibt die Lage. Auf die Schnellumfrage unter den 100 größten Betriebskomitees »Sollen wir streiken?« antworteten nur drei negativ.

Für die Arbeiter, sagt Bujak, habe die Entfernung der Formel »führende Rolle der Partei« eine ungeheure symbolische Bedeutung -- und ganz rational ist das wohl nicht zu erklären.

Immerhin urteilen aber auch katholische Experten, daß die Floskel, in den Gewerkschaftsstatuten eingefügt, eben die Rolle der Partei innerhalb der Gewerkschaft anerkenne und nicht nur innerhalb des Staates, wie es im Zusatzprotokoll zur Danziger Vereinbarung vom 31. August heißt.

Die Arbeiter haben sich nun mal darauf fixiert, und an dieser Fixierung ist die Parteiführung selber schuld, meint einer der Nachdenklichsten unter den Experten.

Vieles spricht dafür, daß die Empörung der Gewerkschaftsbasis über die Gerichtsentscheidung die Regierung sehr überraschte. Auch die Weigerung des Premierministers Jozef Pinkowski, am Morgen des bitterkalten Allerheiligentages nach vierzehnstündigen Verhandlungen ein gemeinsames Kommunique zu unterzeichnen, zeugt von Unwissenheit über die Stimmung der organisierten Arbeiterschaft.

»Endlich habe ich etwas schriftlich, das ich meinen Mitgliedern zeigen kann«, sagte ein Delegierter aus Danzig um fünf vor eins, als das Kommunique in Aussicht stand. Zehn Minuten später war seine Hoffnung zerronnen. Am Samstag kehrte er heim, wenn nicht mit leeren Händen -- die Regierung hatte immerhin eine unabhängige Gewerkschaftswochenzeitung versprochen --, so doch ohne das, was sich die Militanteren auf der Danziger Werft erhofft hatten.

Und nicht nur die Danziger. Zbigniew Bujak sagt, daß gerade die Regionen, die vor einem Monat noch zögerten, die Bergleute etwa von Jastrzebie S.159 nahe der CSSR-Grenze, heute für sofortige Arbeitsniederlegung sind.

Geplant war vorige Woche eine Eskalation des Streiks in Stufen: am Mittwoch Warschau und Gdansk, dann andere Regionen.

Bisher war die Disziplin der Gewerkschaften überzeugend. Nach dem Musterbeispiel -- dem absoluten Alkoholverbot während der 17tägigen Besetzung der Leninwerft im August -- sollte am Mittwoch wieder kein Alkohol erlaubt sein. Überhaupt hat der Alkoholverbrauch in Polen nach Angaben des Episkopats seit Anfang der Streiks um etwa 30 Prozent abgenommen, ein fast unglaubliches Phänomen zumal in Polen: Demokratie statt Wodka.

Und weiter: Am Donnerstag war in Danzig und Lublin ein Warnstreik aller Verkehrsbetriebe für Freitag angekündigt, wenn die Regierung nicht über die Gehälter der Beschäftigten im Gesundheitswesen verhandele. Mithin wollten die Bus- und Straßenbahnfahrer für die Ärzte und Krankenschwestern streiken, die selber, ihrer Verantwortung eingedenk, nicht streiken. Solidarität nennt man das wohl.

Hält die Disziplin an -- oder besteht die Gefahr, daß die Streiks sich wie ein Waldbrand ins Land fressen?

Grund genug dafür wäre da. Am Anfang eines offenbar harten Winters scheint die Versorgungslage schon katastrophal. Die Zeitschrift »Robotnik« (Arbeiter) -- spontihaft aufgemacht, aber von Hunderttausenden Arbeitern gelesen, wovon westdeutsche Linke nur träumen könnten -- berichtet über die Aussagen der Regierung gegenüber »Solidarität« am 31. Oktober: Mehr Brot, mehr Zucker, mehr Gemüse, aber nicht mehr Kartoffeln.

Die Kartoffelernte brachte vielleicht nur die Hälfte der von 1979 ein. Wenn Knappheit in der gutbelieferten Hauptstadt kaum zu spüren ist, auf dem Lande unweit von Warschau sieht es gleich viel schlimmer aus: Wo die Kartoffeln wachsen, gibt es keine zu kaufen.

Tim Garton Ash
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 44 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.