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Polen: »Die Not hat den Tiefpunkt erreicht«

Eine Konfrontation von Bürgern und Staatsgewalt, die in einem Volksfest endet, Appelle hier, Forderungen dort - die Versorgungskrise in Polen wird immer bedrohlicher, die politische Lage verworrener, und doch scheint es, als hätten viele Polen den Ernst der Lage noch gar nicht erkannt. Oder glauben sie an ein Wunder?
aus DER SPIEGEL 33/1981

Von den Mauern des Moskauer Kreml sind Fernsehkameras der Polizei auf den Roten Platz gerichtet -- für den Fall, daß einmal unbestellt das Volk kommt.

Denn wo immer Kommunisten an der Macht sind, von Stendal bis Schanghai, leben die Funktionäre mit einer Angstvision: der Zwangsvorstellung, daß sich vor ihren Büros plötzlich Volksmassen zusammenrotten und den herrschenden Bürokraten die Fenster einschlagen, wenn nicht mehr.

So geschah es schon in der DDR und in Ungarn, in China und in Danzig, im russischen Nowotscherkassk und in Wilna. Vorige Woche schien es wieder soweit, in Warschau.

Am Montagmorgen protestierten in der polnischen Hauptstadt Tausende Arbeiter gegen Kürzung der Fleischrationen und Warenmangel, aufgerufen von der Gewerkschaft »Solidarität«, streikten die städtischen Verkehrsbetriebe, Transportunternehmen, die Stadtreinigung. Eine riesige Kolonne von Lastwagen, Bussen, Straßenbahnen, Taxis, Baufahrzeugen und Müllwagen vereinigte sich nach einer Sternfahrt auf der Marszalkowska-Straße im Zentrum.

An der Kreuzung mit der Jerusalem-Allee wollte die motorisierte Demonstration nach links abbiegen, in Richtung auf das nahegelegene Hauptquartier der Staatspartei, den Sitz des Ministerrats, die Sowjet-Botschaft. Da verlegte die Polizei dem anrückenden Proletariat von Warschau den Weg.

Die Funktionäre fürchteten, die vorausgeahnte Stunde der Abrechnung sei gekommen. Gewerkschaftssprecher aus dem Zug verkündeten, die Regierung habe das Land »ruiniert«. Regierungssprecher Barecki lamentierte, in der gesamten zivilisierten Welt habe die Polizei das Recht, die Marschroute einer Demonstration festzulegen, die »Solidarität« operiere mit »Angst, Furcht und Unsicherheit«.

Janusz Onyszkewicz von der Gewerkschaft dazu: »Kindisch.« Er erklärte, die Demonstranten hätten keinen Grund, abzuziehen; wenn sie ihr Ziel, nämlich an der richtigen Adresse Protest zu bekunden, nicht in einer Stunde erreichten, würden sie eben 50 Stunden bleiben.

Sie blieben 50 Stunden. Die Konfrontation von Volk und Staatsgewalt führte nicht zum Zusammenstoß. Während in den Nebenstraßen Einsatzkräfte der Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen in Bereitschaft standen, sperrte am Dienstag nur noch ein halbes Dutzend Polizisten ohne sichtbare Waffen oder Schlagstöcke den Zugang zu den Hochburgen der Regierungskommunisten ab.

Die Belagerer funktionierten derweil einen ihrer Busse in ein Gewerkschaftsbüro um, einen anderen in eine Kantine, einen dritten in ein Pressezentrum. Kabaretts spielten für die ausharrenden Demonstranten, eine Vorlesung fand statt, die Jazzband »Stodola« veranstaltete zur Aufmunterung ein Rockkonzert.

Über die Lautsprecher der Musikanten feuerten zwischendurch Gewerkschafter S.83 die Kollegen an. Ein Spruchband verkündete die Losung: »Eine hungernde Nation kann die Obrigkeit verzehren.«

Die regierungsnahe Zeitung »Zycie Warszawy« gab derweil die Gegenlosung aus: »Die Warschauer Demonstration ist eine gefährliche Sache, gefährlich für ganz Polen.« Vizepremier Rakowski sah sogar die Gefahr »eines größeren Konflikts in Europa«, denn: »Ein Funke genügt für den Ausbruch eines größeren Feuers, das nur schwer unter Kontrolle gebracht werden könnte.«

Die Funktionäre im mächtigen Gebäude des ZK der Staatspartei zitterten also noch. Dabei konnte zufällig gerade eben die Flotte ihrer sowjetischen Bruderpartei in der Ostsee ihren Demonstrationswert exerzieren: Der kampfstarke Flugzeugträger »Kiew« und Rußlands größtes Landungsschiff, die »Iwan Rogow«, bereiteten ein schon seit zwei Jahren geplantes Manöver vor, die Landung von 10 000 Marine-Infanteristen.

Schon am ersten Augustsonnabend hatten Tausende erregter Warschauer gegen die Beseitigung eines von Bürgern errichteten Denkmals für die Opfer des sowjetischen Massenmords in Katyn 1940 protestiert, woraufhin Generalspremier Jaruzelski schleunigst den polnischen Militärrat einberufen hatte.

Jaruzelski erwog angeblich, den Notstand auszurufen und Streiks wie Demonstrationen einfach zu verbieten. Am Dienstag bildete er einen Krisenstab mit Sondervollmachten für rigorose Eingriffe in das Wirtschaftsleben.

Am Mittwochvormittag rief die »Solidarität« ihre eine Million Mitglieder in der Region Warschau zu einem Warnstreik von zwei Stunden; Lebensmittelbetriebe waren davon ausgenommen, die Stahlarbeiter legten nur weißrote Armbinden an und arbeiteten weiter, weil man -- verantwortungsbewußt -- für so kurze Zeit die Hochöfen nicht stillegen mochte.

Um Punkt zwölf Uhr zogen die Belagerer, 173 von einem geschmückten Gerätewagen angeführte Fahrzeuge, wieder ab und feierten ihren Sieg, weil sie Ausdauer und Stärke bekundet hatten. Die Funktionäre waren noch einmal davongekommen, nicht eben erfolgstrunken.

Gesiegt hatte die Vernunft. »Die Arbeiter sind gut erzogen«, befand ein Demonstrant. Die Polen, die sich in ihrer Geschichte allemal durch Hitzköpfigkeit und Intransigenz ausgezeichnet hatten, zeigten jene nationale Disziplin, durch die seit einem Jahr ohne jede Gewaltanwendung ein kommunistisches Regime langsam transformiert wird.

Und die freie Gewerkschaft »Solidarität« beweist, daß sie weit mehr Autorität besitzt und viel besser organisieren kann als die Regierung, die das Land nicht aus dem Staatsbankrott herausführt. So bewahrt nur der Volkswiderstand Polen noch vor der Anarchie, dem Wirtschaftschaos, das bereits die Gefahr des physischen Niedergangs der Polen heraufbeschwört.

Zwar erklärte Lech Walesa im Juni dem SPIEGEL, es sei schließlich »noch niemand verhungert in Polen«. Als vorigen Montag Vizepremier Rakowski dasselbe sagte, war das nicht mehr so sicher.

Bei einem vom Arbeitsministerium Ende Juli offiziell festgelegten monatlichen Sozialminimum von 3600 Zloty (220 Mark) pro Familienmitglied gibt es im Lande bis zu drei Millionen Bürger, die mit nur 500 Zloty auskommen müssen -- das sind 30 Mark. »Es ist nicht schwer, sich vorzustellen«, schreibt das Organ des Juristenverbandes, »Prawo i Zycie«, »daß die Not dieser Menschen den Tiefpunkt erreicht hat.«

Wie es denjenigen geht, die nicht unter extremer Geldnot leiden, schildert die Juristenzeitschrift am Beispiel einer Beerdigung:

»Der Trauerzug bewegt sich langsam und würdig, biegt von einer in die andere Straße ab. Da erblickt die Trauergemeinde einen Kiosk, vor dem eine nur kurze Schlange steht und in dem Waschpulver verkauft wird.

»Sofort bremst der Leichenwagen-Kutscher die Pferde und läuft zur Schlange, hinter ihm die Trauernden, die Feuerwehrkapelle, ebenso der Pfarrer und die Ministranten, die das Kreuz und die Fahnen an die Seitenwand des Leichenwagens abgestellt haben.

»Nachdem jeder je drei Packungen -- mehr wurde pro Kopf nicht verkauft -- Waschpulver erobert hat, wird der Trauerzug neu formiert und setzt sich wieder in Bewegung.«

Inzwischen gibt es Waschmittel nur auf Karten. Bohnenkaffee ist nicht rationiert -- weil es keinen Kaffee gibt. Als in Szopienice bei Kattowitz eine Lieferung von Zigaretten eintraf, wurde das Gedränge so stark, daß die Verkäuferin zusammenbrach und ein ad hoc gegründetes Kundenkomitee den Verkauf fortsetzte.

»Die Versorgungslage in unserer Woiwodschaft«, warnte der Kattowitzer Woiwode auf einer Sitzung des Ministerrats, kann in jedem Augenblick zum Ausbruch scharfer gesellschaftlicher Konflikte von einem schwer vorauszusehenden Ausmaß führen.« Vorigen Freitag trat die Region Kattowitz in den Streik.

Die Aussichten für die nächsten drei Monate bezeichnete der Minister für Binnenhandel, Lakomiec, mit einem Satz: »Es wird in manchen Bereichen noch schwieriger sein.«

Am besten geht es in Polen heute noch den Säuglingen -- behauptet Professor Krystyna Bozkowa, Leiterin des »Instituts für Mutter und Kind«. Mit Einschränkungen freilich: »Das gilt nur für diejenigen, die von ihren Müttern gestillt werden.« Denn auch Milchpulver gibt es nicht in ausreichenden Mengen.

Je älter das Kind, um so drastischer ist die Diskrepanz zwischen der physiologischen Norm und der ihm offiziell zustehenden Menge von Eiweiß und anderen wichtigen Nährstoffen. Bozkowa: »Ich bin der Meinung, daß ein Notstand wegen biologischer Gefährdung S.85 der Nation ausgerufen werden muß.«

Die Not bezieht sich nicht nur auf den Mangel an Nahrung. Der Wohnungsbau (bisherige durchschnittliche Wartezeit für Mieter: zehn Jahre) geht ständig zurück, für die über 30 000 Obdachlosen im Lande ist keine einzige Herberge vorhanden.

Notstand herrscht seit Monaten im Bereich der ärztlichen Versorgung. »Einen Patienten aufschneiden können wir noch«, klagt ein Warschauer Chirurg, »die Skalpelle sind noch zu gebrauchen, aber mit dem Zusammennähen ist es schon schwieriger, da Nadeln und Fäden immer knapper werden.«

In den Apotheken fehlt es an Antibiotika und Herzmitteln, an Schmerztabletten und Augentropfen -- ein Viertel der 2000 im amtlichen Medikamentenregister aufgeführten Arzneien sind nur schwer oder überhaupt nicht erhältlich.

Die einzige Rettung für viele Patienten ist die von der »Solidarität« gegründete, mit westlichen Spenden ausgestattete »Medikamentenbank«. Für manche kommt die Rettung zu spät: In vielen Kliniken mangelt es zeitweilig an Infusionsflüssigkeiten, auch für künstliche Nieren, in anderen mußten die radiologischen Abteilungen ihre Arbeit einstellen, da es keine Chemikalien und kein Filmmaterial für Röntgenphotos mehr gab.

Unter erwachsenen Männern im besten Arbeitsalter -- so ein von der Forschergruppe »Erfahrung und Zukunft« veröffentlichter Bericht über den Gesundheitszustand der Nation -- liegt die Sterblichkeitsrate heute etwa um 35 Prozent höher als vor 15 Jahren; die Hauptursache dafür sei die Zunahme von Krebs- und Kreislaufkrankheiten.

Auf 100 000 Bürger kommen 77 Tbc-Kranke (in der DDR 28, in Dänemark 9,1). Reihenuntersuchungen in den Posener Maschinenwerken »Cegielski« ergaben bei etwa 40 Prozent der Belegschaft chronische Erkrankungen. Die Zahl der amtlich anerkannten Schwerbehinderten im Lande ist in den letzten vier Jahren um eine halbe Million gestiegen.

Stark zurückgegangen ist die Zahl der Krankenhausbetten. Von den fast 60 Milliarden Mark aus West-Krediten wurden im sozialistischen Polen ganze 0,7 Prozent für das Gesundheitswesen ausgegeben.

Ob der Durchschnitts-Pole den Ernst der Lage kennt, ist ungewiß. Die fröhlichen Fanfaren und blumengeschmückten Autos beim Abzug der Warschauer Demonstranten ließen viele glauben, alle Schwierigkeiten seien nur vorübergehend und könnten bewältigt werden, wenn man die Regierung nur noch etwas stärker unter Druck setzt.

Daß sich die Regierung der beinahe ausweglosen Situation ihres Landes voll bewußt ist, scheint noch zweifelhafter -- sie würde wohl abdanken.

S.82Am vergangenen Montag.*S.83Eine Abgeordnete der »Solidarität« überreicht den Polizisten Blumenals Dank für friedliches Verhalten.*

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