Zur Ausgabe
Artikel 15 / 60
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ERSTER WELTKRIEG Polen verloren

aus DER SPIEGEL 20/1961

Die Haus-Historiker der deutschen Vertriebenen werden es künftig schwerer haben: Bislang konnten sie ihre Heimabende und Frühlingsfeste mit der Fama auflockern, die Vertreibung der Deutschen aus den früheren Ostprovinzen des Reiches sei nicht nur eine spezifisch polnische Gemeinheit, sondern auch in der neueren Geschichte - die Hitler-Zeit wohlweislich ausgenommen - ohne Beispiel. Diese These ist nunmehr gründlich zerrupft worden:

Ein Nachwuchs-Historiker namens Imanuel Geiss weist nämlich in seiner Doktorarbeit* nach, daß die Exmittierung ganzer Völkerschaften keineswegs erstmals von rachsüchtigen Polen ersonnen wurde, sondern umgekehrt den Großmacht-Träumen militanter deutscher Nationalisten entsprang - und zwar zu Zeiten, da Adolf Hitler noch als Infanterist im Schützengraben vegetierte.

Die von Geiss Belasteten sind denn auch nicht etwa NS-Ideologen, sondern Staatsmänner, deren Politik bislang zwar als unglücklich, aber doch als moralisch zweifelsfrei angesehen wurde: nämlich die Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und Georg Michaelis**. Ihnen und mithin der deutschen Reichsregierung des Ersten Weltkriegs weist Geiss nach, daß sie weite polnische Regionen annektieren und die dort ansässigen Polen, aber auch die Juden, austreiben wollten, um den Boden unter kolonisierende Germanen zu verteilen.

Daß sich die Reichsregierung mit Annexions-Absichten trug, wurde bis heute von der Forschung durchweg verneint.

Geiss: »Die deutschen Annexions- und Umsiedlungspläne in Polen ... sind in ihrer Konsequenz so fatal, daß die meisten deutschen Autoren die Regierung des Kaiserlichen Deutschlands eines solchen Gedankens gar nicht für fähig hielten.«

Zwar gab es 1914 in der deutschen öffentlichen Meinung von rechts bis links genug fanatische Expansionisten, die Flandern oder ganz Belgien zu annektieren wünschten; die Reichsregierung jedoch wußte erfolgreich darzutun, daß ihr ein derart unfeiner Landappetit gänzlich fernliege, zumal Deutschland einen reinen Verteidigungskampf führe. Auch erfreute sich Bethmann Hollweg der Reputation, ein bürokratisch-ängstlicher, jedenfalls aber honoriger Staatsmann und erklärter Gegner jeder Annexion zu sein.

Nur ein einziger, freilich höchst verdächtiger Zeuge beschuldigte den Reichskanzler je böser Absichten: der General Ludendorff. Da dieser, Ultra-Annektierer aber die Geschichte stets rücksichtslos verdrehte, um sich selber reinzuwaschen, schenkte ihm niemand Glauben, zumal der General keine Dokumente beibrachte:

Historiker Geiss fand - fast vierzig Jahre nach Kriegsausbruch - diese Dokumente und weist nach, daß Ludendorff wider Erwarten die Wahrheit sagte. Einen ersten, wenn auch vagen Beleg für die geplante Polen-Umsiedlung fand Doktorand Geiss im Münchner Geheimen Staatsarchiv: Der bayrische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Graf Hertling hatte mit Bethmann Hollweg am 3. Dezember 1914 über die Kriegsziele konferiert und festgehalten, der Reichskanzler denke »an eine Grenzregulierung (in Polen), wobei der an Preußen fallende schmale Landstrich von den Russen* evacouiert« werden solle. Unter dem »schmalen Landstrich« verstand Bethmann - was er dem Bayern Hertling gegenüber nicht zugeben mochte - das altpolnische Gebiet bis an die Flüsse Bobr, Narew, Weichsel und Warthe.

Dieses Gebiet wurde später stets als »Grenzstreifen« deklariert, einmal weil es sich längs der gesamten deutschen Ostgrenze erstreckte, zum anderen, weil man das Ausmaß der Annexion bagatellisieren wollte: Es handelte sich um ein Gebiet von rund 35 000 Quadratkilometern, größer als das heutige Nordrhein-Westfalen.

Die nötigen Vorarbeiten wurden dem Unterstaatssekretär Wahnschaffe in der Reichskanzlei übertragen. Wahnschaffe, ein Vertrauter Bethmanns, forderte zunächst von renommierten Polen-Experten Gutachten an, die bislang ebenso geheim blieben wie das gesamte Annexions- und Umsiedlungsprojekt überhaupt.

Als erster gutachtete der Oberpräsident von Ostpreußen, von Batocki, und zwar in einer Schrift, die er »Zum Weltfrieden 1915 ... » betitelte, in der er aber die Annexion eines »Grenzstreifens« als notwendig nachwies. Begründung: Deutschland brauche Siedlungsraum im Osten, um seine Kulturaufgabe - die Sicherung der weißen Rasse »vor einer Überwältigung durch die an Zahl ihr so gewaltig überlegenen farbigen Rassen« - erfüllen zu können.

Da das begehrte Ostland, das Batocki noch um einen Streifen Litauens erweitern wollte, aber von

- 1,3 Millionen Polen,

- 300 000 Litauern,

- 230 000 Juden,

- 40 000 Russen

und nur 130 000 Deutschen bevölkert war, wollte Batocki sein Neupreußen »durch eine großzügig angelegte Umsiedlung der Bevölkerung zu einem wirklich deutschen Lande« machen. Den Gegnern dieser Massen-Umsiedlung hielt Batocki vor, es sei weit inhumaner, einzelne Familien zu verfrachten, als ganze Gaue auszuräumen, weil die »Nachbar- und Volksgemeinschaft« dann ja erhalten bleibe.

Sollten aber dennoch »in einzelnen Fällen Härten entstehen«, so seien sie in Kauf zu nehmen, wenn man »das die Weltentwicklung und den Weltfrieden fördernde Ziel« erreichen wolle. Dazu Historiker Geiss: »Batockis Konzeption läßt sich demnach mit dem alldeutschen Schlagwort der 'völkischen Flurbereinigung' umreißen.«

Weit prägnanter als Batocki äußerte sich aber der Regierungspräsident von Frankfurt an der Oder, Friedrich Wilhelm Ludwig von Schwerin, in seinem - bislang gleichfalls unveröffentlichten - Promemoria, das Wahnschaffe für den Reichskanzler angefordert hatte. Schwerins lapidare Thesen: »Das deutsche Volk, das größte Kolonisationsvolk der Erde, muß wieder zu einem großen kolonisatorischen Werke aufgerufen werden; es müssen ihm erweiterte Grenzen gegeben werden, in denen es sich ausleben kann.« Und: »(Der) Krieg bietet die Möglichkeit - vielleicht zum letzten Male in der Weltgeschichte -, daß Deutschland seine kolonisatorische Mission ... wieder aufnimmt.«

Als Ziel der missionarischen Ostlandfahrt, deren makabre Endstation Schwerin nicht absehen konnte, schwebte dem Gutachter eine Art ostelbisches Elysium vor. Schwerin: »So kann für spätere Jahrhunderte sehr wohl ein Jungbrunnen für Deutschland quellen auf den weiten Gebieten jenseits unserer jetzigen östlichen Grenzen.«

Um das Siedlungsland nach der Annexion auch erfolgreich germanisieren zu können, forderte Schwerin - wie Batocki -, daß der Grenzstreifen »bis auf die Städte überwiegend menschenleer« übergeben werde; das fremdrassige Landvolk müsse daher »dorfweise jenseits unserer neuen Grenzen« angesiedelt werden. Die weniger seßhaften Stadtpolen dagegen sollten nicht vertrieben werden, da der Agrarier Schwerin glaubte, sie seien leichter zu assimilieren.

Wie abstrus diese Ideen waren, zeigt sich schon an der Tatsache, daß Deutschland 1914 weder an akuter Überbevölkerung litt noch über genügend kolonisierfreudige Bauernsöhne verfügte, die den »Grenzstreifen« hätten beackern können. Aber der Siedlungs-Stratege Schwerin wußte auch hier eine Lösung:

Er wollte die deutsche Ostkolonie vor allem mit Rückwanderern aus Rußland bevölkern, denn diese Remigranten seien »ein fleißiges, treues und frommes Volk mit großem Kinderreichtum«.

So stark dieser Missionseifer schon an die späteren Blut-und-Boden-Theoretiker des Nationalsozialismus erinnert, so unvorstellbar erscheint es zunächst, daß ein maßvoller Politiker wie Bethmann Hollweg einen derart primitiven Agrar-Rassismus unterstützt haben könnte. Indes - Schwerins Elaborat, zur Klärung der amtlichen Reichspolitik verfaßt, wurde laut Geiss die »programmatische Formulierung der deutschen Annexions- und Germanisierungspolitik gegenüber Polen während des Ersten Weltkrieges«.

Bethmann Hollweg hütete sich freilich, seine Absichten öffentlich kundzutun, was ihm um so leichter fiel, als die Zensur keine Äußerungen über die deutschen Kriegsziele passieren ließ.

Der Reichskanzler selbst mahnte aber am 2. März 1915 die bei einem dritten Polen-Fachmann, dem Geheimrat Ganse, bestellte Denkschrift an, in der Ganse wie Batocki und Schwerin - »die Verpflanzung der polnischen 'Grundbesitzer' dieser Gebiete nach Rußland« prüfen sollte.

Kommentiert der Kriegsziel-Forscher Geiss:"Nach Kenntnis dieses Dokuments dürfte wohl auch der letzte Zweifel schwinden, daß die deutsche Reichsleitung unter der persönlichen Verantwortung des Reichskanzlers Bethmann Hollweg Urheber und Träger des Grenzstreifenprojekts war.«

Die Germanisierer in der Reichskanzlei blieben nicht beim Projektieren. Im Dezember 1917 erhielt der Chef der deutschen Zivilverwaltung in Warschau, von Kries, mündliche Anweisung, die wenigen Deutschen innerhalb des »Grenzstreifens« unauffällig festzuhalten, die Polen und Juden aber ebenso geräuschlos nach Osten abzuschieben: Die Aktion begann.

Kurz zuvor hatte sich auch Bethmanns Nachfolger, Reichskanzler Michaelis, zu dem Aussiedlungsprojekt bekannt. Michaelis gab zu, dies sei »... gewissermaßen eine vierte Teilung Polens ...«

Daß es zu Massenumsiedlungen nicht mehr kam, lag allein an der für Germanisierungs-Pläne ungünstigen Entwicklung auf dem westlichen Kriegsschauplatz.

Noch am 5. August 1918 allerdings forderte General Ludendorff, inzwischen nicht nur der eigentliche Gebieter Deutschlands, sondern auch der rücksichtsloseste Siedlungs-Aktivist, den Generalgouverneur in Warschau auf, über die vorbereitenden Arbeiten für die Umsiedlung zu berichten. Am 8. August 1918, dem »Schwarzen Tag«, durchbrachen die Alliierten die deutschen Stellungen in Nordfrankreich: Die Niederlage war perfekt, der koloniale Jungbrunnen zugeschüttet.

Historiker Geiss, derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, möchte mit seinen unbequemen Erkenntnissen nicht nur das herkömmliche Bild von der deutschen Kriegsziel-Politik revidieren, sondern zugleich für ein besseres Verständnis »der geschichtlichen Ereignisse im Osten seit 1919« werben.

Geiss: »Mit den Bemühungen um den Grenzstreifen trat Deutschland von sich aus in den verhängnisvollen Circulus vitiosus ein, der ... zur Katastrophe von 1945 geführt und das deutsch-polnische Verhältnis so außerordentlich stark belastet hat.«

* Imanuel Geiss: »Der polnische Grenzstreifen, 1914-1918. Ein Beitrag zur deutschen Kriegszielpoiltik im Ersten Weltkrieg«; Historische Studien, Heft 378; Matthiesen-Verlag, Lübeck und Hamburg; 184 Seiten und drei Karten; 18 Mark.

** Bethmann Hollweg (1856 bis 1921), Reichskanzler von 1909 bis 1917; Michaelis (1857 bis 1936), Kanzler von Juli bis November 1917.

* Polen unterstand seit dem Wiener Kongreß russischer Oberhoheit ("Kongreßpolen"), soweit es nicht durch die Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) an Preußen, Österreich und Rußland gefallen war.

Historiker Geiss

Ostland für den Kaiser

Regierungspräsident von Schwerin

Polen und Juden...

Reichskanzler von Bethmann Hollweg

...sind auszusiedeln

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 60
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.