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»Politik der offenen Grenze«

SPIEGEL-Redakteur Volkhard Windfuhr im besetzten Südlibanon
aus DER SPIEGEL 30/1982

Ha'ett«, »Halt«, steht in großen, schwarzen, hebräischen Lettern auf einem Pappschild vier Kilometer nördlich von Sidon. Hier, auf der Brücke über den südlibanesischen Awalli-Fluß, kontrollieren israelische Soldaten jedes Fahrzeug, das aus dem Norden kommt.

Bulldozer haben die Kriegstrümmer beseitigt, die Hauptstraße von Sidon ist frisch asphaltiert. Aus zerschossenen Häuserfassaden tönt Radiomusik, die Bevölkerung der drittgrößten Stadt des Libanon richtet sich wieder ein.

Auf dem Nidschme-Platz wehen ein Dutzend rotweißrote Libanon-Fahnen. »Zum ersten Mal seit vielen Jahren«, freut sich Gendarm Hussein Fargali, »die Palästinenser hatten sie uns sogar an unserem Nationalfeiertag immer wieder heruntergerissen.«

Aber neben dem Regierungsgebäude weht die überdimensionale Flagge mit dem Davidstern. Hier residiert der israelische Militärgouverneur, in unmittelbarer Nähe des libanesischen Gouverneurs.

Das israelische Innenministerium hat den Paßbeamten Jossi Tom nach Sidon geschickt, um die vom Judenstaat propagierte »Politik der offenen Grenze« voranzutreiben. Klimatisierte israelische S.80 Busse bringen ausreisewillige arabische Passagiere in nur fünf Stunden zum Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv, Gepäckabfertigung und Paßformalitäten in Sidon. Ägypter, Jordanier und gelegentlich auch Syrer machen von dieser bequemen Reisemöglichkeit Gebrauch.

An der Grenze am israelischen Checkpoint Rosch Hanikra werden sie denn auch wie europäische Touristen behandelt: Sie bekommen keinen hebräischen Stempel in die Reisepässe, damit sie bei Rückkehr in die arabische Welt nicht als Kollaborateure gelten. Hebräische Stempel drücken dagegen israelische Ortskommandanten in die Ausweise aller Libanesen, die südlich des Awalli-Flusses gemeldet sind. Ohne diesen Stempel, halb auf dem Paßbild, halb auf dem Paßvordruck, dürfen sie den israelisch besetzten Libanon nicht verlassen.

So versucht Israel, den angestrebten Friedensvertrag mit dem Libanon vorwegzunehmen und die Wiederherstellung der Infrastruktur als Geschenk seiner Invasion zu verkaufen.

Die Strom- und Wasserversorgung funktioniert, die Telephone kommen wieder in Gang, die israelische Post befördert Briefe aus dem Südlibanon.

Das israelische Gesundheitsministerium reservierte in sämtlichen Krankenhäusern des besetzten Südens eine Anzahl von Betten für Notfälle, gegen Vorauszahlung. Knesset-Abgeordnete kurven in Bussen durch die Libanon-Berge, israelische und libanesische Geschäftsleute treiben Handel miteinander.

Bananen und Äpfel aus Israel sind auf den Beiruter Märkten zu finden, hin und wieder sogar in dem von Palästinensern gehaltenen West-Beirut. Israelische Schokolade, Gemüse und Qualitätsfleisch füllen die Regale südlibanesischer Geschäfte. In allen Städten Südlibanons wird der israelische Schekel als Zweitwährung entgegengenommen.

Besonders gern versorgen sich Israelis im Libanon mit Produkten, die daheim wesentlich teurer sind: Stereoanlagen, Uhren, Whisky, Zigaretten, vor allem Benzin. Der Liter kostet hier nur 70 Pfennig, halb soviel wie in Jerusalem.

Im Gegensatz zum besetzten Westjordanien und Gazastreifen zeitigen Fraternisierungsversuche israelischer Armee-Angehöriger im Südlibanon erste Erfolge. Offiziere und Rekruten plaudern in Cafehäusern mit Einheimischen, diskutieren bei türkischem Kaffee und arabischen Süßigkeiten.

In der überfüllten Blue-Beach-Strandanlage Sidons schwimmen israelische Soldaten zusammen mit libanesischen Halbstarken und spielen Tennis.

Milizionäre des immer noch vom libanesischen Verteidigungsministerium besoldeten, abtrünnigen Majors Haddad, der im Süden den israelischen Satellitenstaat »Freies Libanon« gegründet hatte, Patrouillen der christlichen »Forces Libanaises« und der »Falange« helfen den Israelis, die besetzten Gebiete nach versprengten Palästinensern zu durchkämmen. Sogar Einheiten der Schiiten-Miliz »Amal« beteiligen sich. Denn 600 bis 700 meist jugendliche Mitglieder der zerschlagenen PLO-Gruppen irren noch immer durch die Apfelsinenplantagen und Pinienwälder des Südlibanon.

In Dschun klopfte ein versprengter Trupp ehemaliger PLO-Krieger an die Haustür des Bergbauern Elie K.: »Etwa ein Dutzend elend aussehender Kinder stand da und bat um Brot und Käse. Der Älteste mochte 16, der Jüngste 11 Jahre alt gewesen sein. Ihre Waffen hatten sie weggeworfen, die Füße eiterten.«

Israel, so scheint es, wird im Südlibanon länger bleiben. Bulldozer planieren bereits Bauland für feste Winterlager. Villen werden für Militär-Kommandanturen angemietet.

Doch schon zeichnet sich auch ab, wen sich Israel als Nachfolge-Schutzmacht wünscht: In die Kasernen von Sidon, Salhija und Hasbaja rücken wieder Einheiten der regulären Libanon-Armee ein. »Unsere Armee«, wünscht sich ein Druse in Sidon, »braucht nur noch einen starken Präsidenten, dann können die Israelis verschwinden.«

Das Bild dieses starken Mannes prangt im Südlibanon an Tausenden von Häuserwänden, ein lächelnder 35jähriger. Es ist Beschir Gemayel, Chef der Vereinigten Christen-Milizen.

Vorigen Donnerstag verkündete Gemayel seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen. Sein Programm ist vorerst nur eine Hoffnung: »Der Südlibanon wird künftig weder von Palästinensern noch Syrern beherrscht werden, auch die Israelis müssen abziehen.«

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