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Politik mit Pommes und Majo

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über Björn Engholm *
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 37/1987

Im »Rentoft-Krug«, einem Wirtshaus in der Öde des nordfriesischen Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koogs, erklärt der Redner eindringlich die Lage. Keine Zukunft für Schleswig-Holstein, sagt der Wahlkämpfer Björn Engholm, wenn nicht endlich »ein neuer, großer Impuls« die Menschen erfasse. »Ohne Mut zur Veränderung kein Fortschritt«, beschwört er die Bauern im Speisesaal.

Entschieden legt sich der Spitzenkandidat der SPD, der am 13. September im Kieler Parlament die christdemokratische Mehrheit brechen will, mit der landesüblichen Unbeweglichkeit an. »Dat blivvt allns so as dat is? - Nee, so blivvt dat nich.«

Einen Moment lang hört es sich an, als sei da noch der alte »rote Jochen« Steffen zugange. Mit derselben Allerweltsweisheit hatte sich der damalige Oppositionsführer schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten abgerackert, um den konservativen »Mackers ihren Stumpfsinn aus den Köppen zu kloppen«.

Und dennoch ist das ein gewaltiger Unterschied. Kein Anhauch der von seinem Vorvater propagierten »strukturellen Revolution« durchweht das Land, wenn der Enkel den Wandel einfordert. Zwar befürwortet auch er, wo es denn sein muß, ein bißchen staatliche Lenkung, aber jeder Zwang ist ihm zuwider.

Schnarrte Steffen in dem ihm eigenen Sprachstil »Nee, so blivvt dat nich«, loderte Feuer unter dem Dach. Bei Engholm klingt der Satz letztlich behutsam, beinahe schon therapeutisch und immer als sanfte Mahnung, die vor allem »an das Innere im Menschen« gerichtet ist.

»Statt den Leuten vorzugeben, wie es zu geschehen hat«, setzt der Mann aus Lübeck auf Privatinitiative. Mit Hingabe umschmeichelt er »Tüftler, Bastler, Firmengründer«. Eine Regierung Engholm, verspricht er zwischen zwei hastigen Zügen aus seiner ständig griffbereiten Pfeife, werde insonderheit Kreativität und Phantasie zu belohnen wissen, also »jenen Innovationsschub, der in den Bürgern selber entsteht«.

Da staunt der alte Landwirt, der im »Rentoft-Krug« am Tresen lehnt. Um sich den Sozi mal anzugucken, hat er eigens darauf verzichtet, zum Rapsschneiden rauszufahren. Seine Stimme kriege der nicht, ruft er nun halblaut über die Tische, aber alle Achtung, das sei schon »ein respektabler Jung« - einer, der »gut überlegen kann«.

So gelobt zu werden freut den 47jährigen ehemaligen Schriftsetzer, der sich seine Qualifikation über den Zweiten Bildungsweg erarbeitet hat. Denn er will ja zuvörderst zum Nachdenken anregen.

Und tatsächlich: Weniger ein Politiker der herkömmlichen Art wirbt da um Unterstützung als ein nach eigenem Verständnis »sozialisierter« Zeitgenosse, der sich seine Postulate aus den gängigen Erkenntnissen etwa der Soziologie oder der Pädagogik zusammenbaut. Die SPD

kommt in diesen Versatzstücken namentlich kaum mehr vor. Eine mit Bedacht herausgestellte, gleichsam überparteiliche Vernunft soll die nötigen Aha-Effekte besorgen.

Am liebsten aber reist der adrette Aufsteiger, der zu Zeiten der Bonner sozialliberalen Koalition dem Bildungsministerium vorstand, in Sachen Kultur durch das Land zwischen den Meeren.

Mit Kultur nämlich beginnt für den Musik-, Bücher- und Bilderfreund »alle wirklich fortschrittliche Politik«. Nur wenn es gelinge, lehrt er in Niebüll oder Schleswig, auf solche Weise eine »geistige Bündnispartnerschaft« zwischen den kleingehaltenen Massen und der »Intelligenz« herzustellen, werde seine Partei Terrain zurückgewinnen.

Bisweilen wirkt das ein bißchen zu dick aufgetragen. Kaum eine Wahlkampf-Veranstaltung, in der sich Engholm nicht fast wie ein Guru der New-Age-Bewegung auf »die Suche nach der verlorenen Sinnlichkeit« begibt. Kaum eine Diskussion, während der er den Aufruf vergäße, eine auf ganzheitlicher Erziehung basierende »allumfassende Ästhetik« müsse den Menschen erneuern.

Doch so ist er nun mal. Was immer auf der Welt im allgemeinen und in Schleswig-Holstein im speziellen wichtig sein mag, der gepflegte Genußmensch Engholm hält es für unerläßlich, ganz konkret »McDonald's« den Kampf anzusagen. Statt sich »den Magen mit Pommes und Majonäse« vollzuklatschen, plädiert er mit Verve für die Rückkehr der kleinen Kneipe, »in der man auch mal Schwarzsauer essen kann«.

Sind das Kinkerlitzchen? Schweift da einer bewußt ins schöne Periphere ab um sich vor Themen zu drücken, die sich wahrscheinlich schwieriger vermitteln lassen? Er hat das so nötig, um sich in Übereinstimmung mit sich selbst zu befinden.

Und wer weiß, vielleicht behält er ja auch am Ende recht damit. Zumindest was das Echo auf seine Sensibilität in puncto Ästhetik betrifft, kann er schon heute zufrieden sein. Wie seit Anfang der siebziger Jahre keinem Genossen ist es Engholm gelungen, eine stark beachtete Wählerinitiative zu organisieren. Günter Graß und Walter Jens grüßen »in kritischer Solidarität«. Will Quadflieg, Hanns Dieter Hüsch oder Jurek Becker legen sich auf einer »Kultur-Tournee« für ihn ins Zeug.

So gesehen räkelt sich die schleswigholsteinische SPD im Hochgefühl. »Die Stimmung stimmt«, schwärmt der Kandidat, der seit Wochen ungemein präsent das Land durchmißt. Sooft er sich per pedes, auch radelnd oder gar paddelnd und segelnd dem Wählervolk nähert, schlägt ihm selbst bei CDU-Sympathisanten durchaus Wohlwollen entgegen.

Die Stimmung stimmt - aber sie wird nun zunehmend auch von einer anderen Grundströmung unterspült. Enttäuschung macht sich breit, daß der Spitzenmann der Sozialdemokraten nicht angreift und darüber sein Profil zu verschwimmen droht.

An fehlenden Grundsätzen liegt das kaum; die hat er, und er ist auch bereit sie unter das Volk zu streuen. Glaubwürdig steht der »Mitte-Links-Politiker« Björn Engholm für den Ausstieg aus der Kernenergie. Keinen Zweifel läßt er daran, daß das Asylrecht progressiv verändert werden muß. Schon um sich, inhaltlich nicht dabei zu ertappen, daß ich mir selber ausweiche«, verficht er vor stramm rechtsgewirkten Bauern an der Westküste die Abschaffung des Radikalenerlasses.

»Wegen dem einen Kommunisten«, sagt er gedehnt, und genau das ist der Punkt: Er sagt das so beschwichtigend, als habe er das ganze Problem nicht berührt. Wann immer der Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten den Eindruck hat, seine Partei befände sich mit einer bestimmten Thematik in der Defensive, verläppert er seine Position.

Nichts blüht da auf, nichts spitzt sich zu, und kaum jemand reibt sich an ihm. Daß sich in Schleswig-Holstein die SPD und die CDU »wie Feuer und Wasser« zueinander verhalten, schreibt der Herausforderer nur im parteieigenen Pressedienst. Tritt er dann auf, ähneln seine Veranstaltungen einer Matinee, in der ein Herr im schwarzen Blazer Politik beinahe wie Lyrik darbietet.

»Lassen Sie uns doch mal 'ne Periode 'n bißchen frischer, 'n bißchen phantasievoller angehen«, bittet wie beiläufig lapidar der Mann, der sich immerhin auferlegt hat, die seit 37 Jahren führende Union aus ihrer Dauerherrschaft zu kippen.

Natürlich hat Engholms Zaghaftigkeit einen Grund; zumindest sieht er das so. Die entscheidende Frage ist, wie seine Partei das hinkriegt, ohne Partner mehrheitsfähig zu werden. Wie macht man das, nicht nur die eigenen 43,7 Prozent (1983) noch deutlich zu steigern, sondern darüber hinaus auch die FDP und die Grünen aus dem Parlament fernzuhalten?

Denn nur so ließe sich der Wechsel womöglich bewerkstelligen - eine Aufgabe, die den Spitzengenossen zuweilen zu knebeln scheint. Versucht er die Liberalen noch zu befehden, als sei er selber der oberste Sachwalter des Mittelstands, bereitet ihm die der Sozialdemokratie anhängende obligatorische »Gewissensfrage« enorme Schwierigkeiten.

Die ewige Grünen-Frage: »Das Thema ist gegessen« - offiziell; er hat das schon tausendmal beteuert. Die schleswig-holsteinische Ökopartei, erläutert der Wahlkämpfer Björn Engholm auf nahezu jeder Veranstaltung von neuem habe sich unterderhand zu einem Fundamentalisten-Klüngel fehlentwickelt.

»Mit denen keine Zusammenarbeit«, sagt er fest, aber er weiß auch zugleich, daß das »ein Schwachpunkt« ist. Zu lange, bis weit in das Jahr hinein, hat er das Gegenteil für möglich gehalten. Und bitter kommt ihn noch immer an, mit einer politischen Gruppierung keine Übereinkunft treffen zu können, in deren Programmatik doch auch »ein Stück der eigenen Utopie drinsteckt«.

Doch so ist die Lage, und die Lage ähnelt fatal jener der SPD während des Bundestagswahlkampfs. Wie Johannes Rau sucht nun auch Engholm ersatzweise »die Koalition mit dem Bürger« - wie der »Menschenfischer« aus Wuppertal ("Versöhnen statt spalten") zeigt sich das einfühlsame Lübecker Pendant allzeit bemüht, »das Land zu befrieden«.

Wenn Björn Engholm, der Nachfahr schwedischer Einwanderer, als sanfter Oppositionsführer empfunden wird, macht ihm das nicht nur nichts aus; er bittet sogar darum. Vorbei sind die Zeiten Jochen Steffens oder Klaus Matthiesens, die noch in alttestamentarischen Zorn ausbrechen konnten. Der Spitzenkandidat anno '87 hat den wegsozialisiert.

Was Wunder, daß sich ein solcher Charakter mehr als schwer tut, wenn er nun gegen einen Widerpart wie Uwe Barschel anzutreten hat. Zumal nach dessen Flugzeugabsturz, der dem Kieler Regierungschef nach eigener Anschauung die höheren Weihen eines in den Grenzerfahrungsbereich vorgestoßenen Menschen verliehen hat, wird der nicht angerührt.

Da überfällt ihn fast heilige Scheu, geht er doch selber davon aus, »daß es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die sich nicht mit den Füßen ertasten lassen«. Anfang des Jahres hat er deshalb aus den Händen eines nordelbischen evangelischen Pastors das Sakrament der Taufe empfangen.

Doch die schleswig-holsteinische Christenpartei honoriert das nicht. Weil ihr das Irdische, der Wahlerfolg, offenbar näherliegt, malt sie den sanften Sozi auf Flugblättern und in Broschüren unerschrocken als »Klassenkämpfer und Maschinenstürmer« ab.

Und perfider noch: Eine Mehrheit Engholms auf der Basis grüner Unterstützung bedeute »Freigabe der Abtreibung bis zur Geburt auf Kosten der Krankenkasse«.

Da, als dieses Papier erscheint, gerät der nette Kandidat dann doch in Rage. Verbittert macht er für den Text, der ihn an »schlimmste Zeiten deutsch-nationalistischen Geistes« erinnert, seinen Gegenspieler Barschel verantwortlich. »Dieser Kerl«, entfährt es ihm jäh, »spielt selber den Saubermann und läßt andere die Drecksarbeit tun.«

Aber das war's auch schon. Während er sich mit einer Papierserviette den Schweiß abwischt, bittet Engholm »um Nachsicht, daß ich eben ein wenig wütender gewesen bin als sonst«.

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