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SAAR-VERTRAG Politischer Koks

aus DER SPIEGEL 24/1960

Das Trauerspiel des westdeutschen

Steinkohlenbergbaus, das sich seit mehr als zwei Jahren auf der bundesdeutschen Wohlstandsbühne behauptet, wird demnächst ein komödiantisches Intermezzo erleben: Während die dem Bund gehörende Bergwerksgesellschaft Hibernia AG in Herne eine hochmoderne Ruhrkokerei mit einer Kapazität von jährlich 1,3 Millionen Tonnen Koks stillegt, will die im Mehrheitsbesitz des Bundes befindliche Saarbergwerke AG in Saarbrücken ihre Kokereikapazität um eine halbe Million Tonnen erhöhen.

Die Hibernia hat am Mittwoch letzter Woche die Ofen ihrer Zentralkokerei Scholven in Gelsenkirchen-Buer ausgeblasen, die erst nach dem Kriege mit einem Millionenaufwand in eine Renommieranlage umgewandelt worden war. »Wir haben zuviel Koks«, klagt Hibernia-Chef Dr.-Ing. Hans Werner von Dewall. Bereits Ende vergangenen Jahres lagerten neben 602 000 Tonnen Kohle 728 000 Tonnen Koks auf den Hibernia -Halden, was einer Erzeugung von 77 Arbeitstagen entsprach.

»Aus Absatzmangel« hatte Hibernia -Chef von Dewall bereits in den vergangenen anderthalb Jahren schrittweise die Kokserzeugung seiner Zentralkokerei gedrosselt und von den fünf sogenannten Koksbatterien zwei außer Betrieb gesetzt. Von den insgesamt 249 Hibernia-Koksöfen arbeiten derzeit nur noch 140, und die Tageserzeugung sank binnen 18 Monaten von 3750 Tonnen auf 1800 Tonnen.

Auch an den privatwirtschaftlichen Zechen ging die Koksschwemme - gegenwärtig liegen 6,3 Millionen Tonnen Koks auf den Halden - nicht spurlos vorüber. Da die Kapazitäten bei weitem größer waren als die Nachfrage, legten die

- Bochumer Bergbau AG die Kokerei

Dannenbaum,

- Mathias Stinnes AG die Kokerei

1/2/5 in Essen-Karnap,

- Gewerkschaft Victoria Mathias die Kokerei Friedrich Ernestine in Essen,

- Bergbau-AG Constantin der Große die Kokerei Constantin 6/7 in Bochum,

- Essener Steinkohlenbergwerke AG die Kokerei Friedrich Joachim und die

- Harpener Bergbau-AG die Kokereien Oespel in Dortmund und Viktoria in Lünen

still oder meldeten sie bei der Luxemburger Montanbehörde zur Stillegung an.

Wie übersättigt der westdeutsche Koksmarkt heute ist, geht aus einem Entschluß der Gelsenkirchener Bergwerks -AG (GBAG) hervor. Diese größte westdeutsche Zechengruppe begann im Jahre 1956 mit dem Bau einer Kokerei auf der Zeche Zollverein in Essen und investierte etwa 100 Millionen Mark in das Riesenprojekt. Obwohl die Zollverein -Kokerei bereits 2500 Tonnen je Tag herstellen könnte, denkt der GBAG -Chef Dütting nicht daran, die Ofen anzufeuern. Dütting will mit der Inbetriebnahme warten, bis die Kokshalden geschrumpft sind. Seine Aktionäre tröstete er: »Wir müssen daher auf den Ertrag der für die Kokerei eingesetzten Mittel einige Jahre verzichten.«

Um so verblüffter waren die Zechenherren der Ruhr, als Arbeitsdirektor Wilhelm Dietrich von der bundeseigenen Saarbergwerke AG Anfang April verkündete, seine Gesellschaft werde ihre Kokereikapazität demnächst um 500 000 Tonnen pro Jahr erhöhen.

An der Ruhr, wo man ohnehin mißtrauisch auf das südliche Kohlenrevier sieht, war man über diese Nachricht nicht sehr erfreut. Die »Frankfurter Allgemeine« berichtete von einer »Verstimmung ... über den Plan der Saarbergwerke«. Gewerkschaftsfunktionäre und Arbeitgebervertreter warfen der Bundesregierung vor, bei ihren öffentlichen Unternehmen mangele es offenbar an der rechten Koordination. Die Ruhrzechenchefs fühlten sich von ihren Kollegen an der Saar verraten und kolportierten das Gerücht, der Bund lege aus strategischen Gründen« an der Ruhr Kokereien still und baue sie an der Saar wieder auf.

Der Generaldirektor der Saarbergwerke, Bergrat a. D. Dr.-Ing. Hubertus Rolshoven, ist von seinem Expansionsprojekt allerdings selbst nicht begeistert. Die Kokerei-Erweiterung geht vielmehr auf den Artikel 83 des Saarvertrags zurück, nach dem die Saarbergwerke für die Dauer von 25 Jahren ein Drittel ihrer Kohleförderung an den französischen Staat verkaufen müssen. So lieferten die Saargruben bis jetzt jährlich etwa vier Millionen Tonnen Kohle über die westliche Grenze.

Von dem Umschwung auf dem westeuropäischen Energiemarkt blieb jedoch auch Frankreich nicht verschont. Bei den französischen Zechen lagern derzeit etwa viereinhalb Millionen Tonnen handelsfähige Kohle. Viele französische Unternehmer forderten deshalb, man solle die Kohlelieferungen aus der Saar unterbinden oder vermindern, um die einheimischen Gruben zu entlasten. Vorerst allerdings blieb die französische Regierung vertragstreu. Handelsminister Jean-Marcel Jeanneney wies alle Revisionswünsche mit den stolzen Worten zurück: »Wenn man Europäer sein will, muß man auch Opfer bringen.«

Für so viel europäischen Opfersinn gibt es aber auch noch einen materiellen Grund. Frankreich hat zwar Kohle im Überfluß, guter Koks aber ist vorerst noch knapp, und außerdem ist der Transportweg von der Saar zu den lothringischen Metallhütten kürzer als von den nordfranzösischen Kokereien. Überdies halten es die Franzosen angesichts der zunehmenden Kohleüberschüsse für zu riskant, zusätzlich Kokereien aufzubauen, da über kurz oder lang auch in Frankreich mit einem Koksüberschuß zu rechnen ist. Frankreichs Wirtschaftsbehörden machten daher den Saarzechen das Angebot, anstelle der Steinkohle zu einem Teil Saarkoks zu liefern.

Direktor Rolshoven sagte mit Rücksicht auf die Bonner Frankreich-Freundschaft zu, anstelle des westlichen Montanpartners das riskante Kokereigeschäft zu übernehmen und die eigenen Kapazitäten auszubauen. »Ein anderes Verhalten war vollkommen unmöglich«, meint er, da Frankreich andernfalls wahrscheinlich den Artikel 83 des Saarvertrags aufgekündigt und künftig weniger als die vorgeschriebenen vier Millionen Tonnen importiert hätte.

Die naheliegende Möglichkeit, statt Saarkoks den auf Halden lagernden Ruhrkoks nach Frankreich zu liefern, wurde weder in Paris noch in Bonn ernsthaft erwogen, da die Exportverpflichtungen des Saarvertrags ungeachtet der veränderten ökonomischen Bedingungen bislang noch als sakrosankt gelten. Nachdem beide Regierungen die allein vernünftige Lösung der europäischen Koksprobleme in den Wind geschlagen haben, werden künftig die Saarbergwerke zwar nur noch drei Millionen Tonnen Kohle, dafür aber eine Million Tonnen Koks nach Frankreich exportieren.

Trotz der Zähigkeit, mit der sich Bonn und Paris wider alle wirtschaftliche Vernunft an den Text des Saarvertrags klammern, fürchtet man an Saar und Ruhr, daß Frankreich seine Koksbezüge aus dem Saargebiet bald wieder einschränken wird: Sobald auch in Frankreich der Koks auf die Halden gekippt wird und Feierschichten den sozialen Frieden gefährden, dürfte Frankreich eine Revision des Saarvertrags gerade in dem Augenblick fordern, da die Koksproduktion an der Saar auf vollen Touren läuft und 50 Millionen in den Ausbau der Anlagen gesteckt worden sind.

Bundeseigene Koksgebirge werden sich dann nicht nur bei der Hibernia in Herne, sondern auch in Saarbrücken auftürmen.

Bergbau-Chef Dütting

Die Koksbatterien schweigen

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