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LANDWIRTSCHAFT Polnische Hochdrucknase

Nach jahrelangem Hickhack ist es jetzt amtlich: Deutschlands nördlichste Weinbauregion liegt in Mecklenburg-Vorpommern - auf einer Fläche von 3,7 Hektar.
aus DER SPIEGEL 12/2004

Die »Elfte Verordnung zur Änderung der Weinverordnung« passierte die Länderkammer im ersten Anlauf. »Das in Mecklenburg-Vorpommern belegene Gebiet Stargarder Land« werde, so beschloss der Bundesrat am 13. Februar, in »das Verzeichnis der Weinbaugebiete für Tafelwein« aufgenommen. Ein Etappensieg im Kampf gegen den Reformstau.

Mehr als zwei Jahre hatten Beamte der Landwirtschaftsministerien in Berlin, Schwerin und Mainz an der Ergänzung der Paragrafen 1 und 2 des Regelwerks getüftelt. Der Deutsche Wetterdienst war zu Rate gezogen worden, Experten der Fachhochschule Neubrandenburg, die Weinbaureferenten von neun Bundesländern und sogar der Chef des Bundeskanzleramts.

Fortan ist es erlaubt, den auf 3,7 Hektar gewonnenen Rebensaft »unter der Bezeichnung Mecklenburger Landwein« zu »vermarkten«, in voraussichtlich vier bis fünf Verkaufsstellen in Neubrandenburg und Umgebung.

Welch ein Aufwand: Die jahrelangen Verhandlungen um ein kleines Stückchen Lehmsandboden illustrieren, woran die deutsche und die europäische Agrarpolitik kranken: an einer überbordenden Bürokratie, die den Blick für das Wesentliche nimmt.

Alles begann damit, dass der Bremer Rechtsanwalt und Weinliebhaber Karsten Förster 1996 das Schloss Rattey erwarb, einen alten Herrensitz, den er zum Hotel umbaute. Nun suchte er nach einem Marketingkonzept. »Wir liegen nicht an der Ostsee, und die Müritz ist auch nicht allzu nah«, sagt Förster, »da musste man was machen.« Und weil Mecklenburg über eine 800-jährige Weinbautradition verfügt, die erst endete, als die Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts den Massentransport preisgünstiger Südweine ermöglichte, ließ er 500 Weinstöcke pflanzen.

Dies aber war bis 1999 nach EU-Recht ein illegaler Akt. Die Brüsseler Planwirtschaft verbot jede Flächenerweiterung, selbst das Pflanzen von Reben im heimischen Garten war nicht erlaubt.

Der Jurist Förster fand dennoch eine Möglichkeit, sein Projekt gesetzeskonform umzusetzen - in der Kleinflächenregelung des deutschen Weinrechts: Die gestattet Hobbywinzern den Anbau auf einer Fläche von bis zu 100 Quadratmetern. Mit sieben anderen Idealisten gründete er den »Verein der Privatwinzer zu Rattey e. V.«; mittlerweile zählt er 470 Mitglieder.

Doch aus dem Schneider war er damit noch nicht, obwohl die EU im Jahr 2000 eine Verordnung erließ, mit der die nationalen Kleinflächenregelungen der Mitgliedsländer »Duldungsstatus« erhielten. Grund: Die Privatweinreben dürfen nicht im Zusammenhang mit einer »weinbergmäßig bepflanzten Fläche« stehen, wie sie im Gewerbsweinbau üblich ist.

Den Ausweg aus dem Dilemma bot ein Weinrechtskommentar. Demzufolge gilt die Zusammenlegung von Hobbyflächen so lange als zulässig, wie kein maschineller Vollernter zum Einsatz kommt. Im Klartext: Solange per Hand geerntet wird, ist alles bestens. Fast. Denn die Duldung der Kleinflächenregelung durch die EU erlaubt nur privaten Konsum. Ein Verkauf im Hofladen oder im Schlossrestaurant war nach wie vor verboten. Eine offizielle Zulassung als Weinbaugebiet musste her, doch die war nur möglich, wenn eine andere Weinregion Kontingente abtrat.

Da fügte es sich glücklich, dass der Staatssekretär im Schweriner Landwirtschaftsministerium aus Mainz kam, sich mit Weinbau auskannte und wusste, an welche Türen man klopfen musste. Die rheinland-pfälzischen Agrarministerialen erklärten sich bereit, 3,7 Hektar Weinbaukontingent, das ohnehin nicht mehr bewirtschaftet wurde, abzutreten.

Doch schon folgte die nächste Hürde. Laut Weinrecht muss nicht nur ein historischer Bezug zum Weinbau nachgewiesen werden, sondern auch die Eignung des Gebiets im Hinblick auf Niederschlag, Temperaturen, Böden und Sonnenscheindauer.

Deshalb reiste Heidrun Jagoutz, Agrarmeteorologin beim Deutschen Wetterdienst, nach Rattey, um im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums ein Gutachten zu erstellen. Ihr Urteil war ernüchternd: Als Qualitätsweingebiet sei die Region ungeeignet, nicht nur wegen der klimatischen Bedingungen: »Der Wein schmeckte einfach nur kalt.«

Erst ein im Auftrag des Schweriner Landwirtschaftsministeriums erstelltes Gutachten brachte die Wende. Die Studie wies nach, dass »durch den Einfluss einer sich nach Mecklenburg schiebenden polnischen Hochdrucknase« (Förster) die Gegend als Grenzgebiet für den Weinbau klimatisch geeignet ist. Der Weg zur Anerkennung als Deutschlands nördlichste Weinbauregion war frei. So gut wie jedenfalls.

Denn verkauft werden darf der Wein erst, wenn die Ministerialen eine Landesweinverordnung formuliert haben. GUNTHER LATSCH

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