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HOLLAND Popie Jopie

Rebellische Gläubige, progressive Geistliche - bei seinem Besuch in den Niederlanden trifft Papst Johannes Paul II. auf »die schlimmste Krise seit der Reformation«. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Die Nonnen verweigerten ihrem obersten Chef den Gehorsam. Während seines Holland-Besuchs, der am Sonnabend dieser Woche beginnt, wollte Papst Johannes Paul II. vier Nächte im Kloster Maria ter Eem in Amersfoort verbringen.

Vier Tage lang sollten die Ordensschwestern ihr modisch dezentes Zivil mit der traditionellen Tracht tauschen, um das Auge des hohen Gastes zu erfreuen. Doch die frommen Damen mochten von ihrem modernen Habit nicht lassen. Nun wird der Papst nur einmal bei den Nonnen übernachten.

Aufsässigkeit wird dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche während seines fünftägigen Aufenthaltes überall in den Niederlanden begegnen, unkritischer Jubel kaum stattfinden.

Mitte April nahm die Amsterdamer Polizei gar vier Personen fest, die auf Plakaten eine Belohnung in Höhe von 15 000 Gulden (gut 13 000 Mark) für die Ermordung des Papstes während seiner Visite ausgelobt hatten.

Eine Fülle von Anti-Papst-Komitees im Lande machte sich schon seit Wochen darüber Gedanken, wie man dem Besucher Mißfallen und Abneigung gewaltlos und originell demonstrieren könne. So wurde der Plan ausgeheckt, die bei den Kostümverleihern des Landes lagernden St.-Nikolaus-Kostüme auszuleihen und Johannes Paul II. entlang seiner Fahrtroute mit Tausenden von Scherzbischöfen zu konfrontieren, alle mit Mitra und Krummstab ausstaffiert.

Ein ehemaliger Chefredakteur des Amsterdamer Studentenblattes »Propria Cures« forderte alle Hundebesitzer auf, am Morgen des 11. Mai mit ihren Tieren auf dem Flugplatz Eindhoven zu erscheinen, damit der Papst nach seiner Ankunft »nicht niederländischen Boden, sondern ''Hondedrollen'' (Hundekot) küßt«. Das Blatt selbst veranstaltete einen Kongreß unter dem Motto »Basta papa!« - Stopp dem Papst.

Was viele Niederländer am Besuch des römischen Oberhirten irritiert, faßte die Amsterdamer Tageszeitung »Het Parool« in zwei Punkten zusammen: »die traditionalistischen Vorschriften, wie Katholiken glauben und handeln müssen«, und auf weltlichem Gebiet »die Nicht-Anerkennung Israels« durch den Vatikan.

Nicht einmal unter den Katholiken ist der Auftritt des Papstes unumstritten. Eine Meinungsumfrage der Wochenzeitschrift »Elseviers« brachte an den Tag, daß sich nur ein Viertel der 5,5 Millionen Römisch-Katholischen des Landes (39 Prozent der Bevölkerung) auf den Besuch von Johannes Paul II. freuen. Genauso viele sind gegen den Besuch, während 50 Prozent dem Ereignis völlig gleichgültig gegenüberstehen. Nur 61 Prozent der befragten Katholiken kennen den Namen des Papstes, der zu Besuch kommt.

Unter den Katholiken des Landes, so die Zeitung »NRC/Handelsblad«, herrsche »eine grimmige Atmosphäre«, und im Kirchenvolk gebe es einen »Prozeß der Entleerung und des Verfalls, dessen _(Mit Harry Vermeegen als Chauffeur. )

Ende noch längst nicht abzusehen ist«. Nur zwei von jeweils zehn Katholiken gehen ziemlich regelmäßig zur Messe.

Wie der »Rheinische Merkur« feststellte, ist in den Niederlanden »die dem Papst ergebene Bevölkerungsgruppe (zahlenmäßig) in der Nähe der islamischen Minderheit angelangt«.

Dabei hatten Hollands Katholiken im Jahrhundert zwischen 1853 und 1953 den Ruf, »römischer als der Papst« zu sein, so der Titel einer Ausstellung über diese Periode im Reichsmuseum Het Catharijneconvent in Utrecht. Sie stellten nur ein Prozent des Weltkatholizismus, aber zehn Prozent aller Missionare und halfen dem Heiligen Stuhl mit reichem Spendensegen.

Die Wende wurde mit dem Pastoralkonzil von 1968 bis 1970 in Noordwijkerhout deutlich, das einen Schlußstrich unter die Hierarchie zog. Von nun an sollten die Laien gemeinsam mit dem Klerus in der Kirche demokratisch bestimmen.

Als »Kirche in Bewegung« folgte sie der Aufbruchstimmung in den sechziger Jahren. Von den Niederlanden aus ging der Widerstand gegen den Traditionalismus und Zentralismus Roms um die Welt; dem progressiven Papst Johannes XXIII. fühlte man sich verbunden.

Seitdem ist in Holland die Pille auch bei den Katholiken gebräuchlich. Ein christlich-liberales Kabinett entwickelte ein lockeres Schwangerschaftsabbruchgesetz. Beichte und Absolution finden en bloc statt. Ökumenische Trauungen sind an der Tagesordnung, das Abendmahl wird Geschiedenen und Homosexuellen gespendet.

Durch Nachwuchsmangel verwaiste Priesterstellen werden oft von Pastoralarbeitern besetzt, darunter viele Frauen und Verheiratete. Diese Laien, nach Meinung der Theologie-Professorin Catharina Halkes »ein erfrischender Schock für die Kirche«, erteilen die pauschale Absolution, geben die Letzte Ölung, trauen und taufen.

Bereits 1970 begann die autoritäre Vatikan-Bürokratie gegenzuhalten und erwählte mit Jan Simonis, der Ende vergangenen Monats als Erzbischof von Utrecht sogar zum Kardinal ernannt wurde, erstmals wieder einen konservativen Kirchenfürsten. Ein Jahr später übernahm Bischof Gijsen das Bistum Roermond - er wurde vom Papst gegen den Wunsch der Gemeinden, der Dekane und des Episkopats eingesetzt.

Der Bischof von Roermond gilt als Wellenbrecher des Papstes in der »Kirche in Bewegung« und zwingt die Abweichler mit drakonischer Härte in die römische Lehre zurück.

Dann wurde noch Gijsen-Intimus Jan ter Schure zum Herrn des größten Bistums, Herzogenbusch, ernannt, so daß Rom seinen Brückenkopf im niederländischen Episkopat noch verstärkte. 31 Dekane des Bistums machten Front gegen ihren neuen Oberen, von dem der

Spruch überliefert ist: »Ich bin Jan ter Schure, ich liebe die Kirche und auch ein bißchen die Menschen.«

Zu seiner Amtseinführung in der Kathedrale von Herzogenbusch Mitte März mußte sich der neue Oberhirte seinen Weg durch einen Wald von Transparenten bahnen, auf denen es hieß »Herzogenbusch 800 Jahre zurück« oder »Wir stehen in der Kälte, glauben aber doch an Gott auch ohne Dich!«

Nur die Polizei konnte eine Massenkeilerei zwischen progressiven und konservativen Katholiken verhindern. Das universale Protest-Lied »We shall overcome« klang bis zum Hochaltar.

Die Dekane des Bistums riefen Gruppen ins Leben, die jene Priester betreuen sollen, denen die Politik des Vatikans Gewissensprobleme bereitet. Als »Freiplatz« für alle, die sich durch den Kurs der Oberhirten belastet fühlen, stellte der Abt der Norbertiner in Heeswijk bei Herzogenbusch seine Abtei zur Verfügung.

»Besteht nicht bereits ein moralisches Schisma?« fragt Professor Frans Haarsma von der katholischen Universität Nimwegen und gab selbst die Antwort: »Ich denke, daß in keiner Kirchenprovinz der Welt die Spitze und die Basis so auseinanderklaffen wie bei uns. Es ist die schlimmste Krise seit der Reformation.«

Jeder Debatte geht der Papst bei seinem Besuch aus dem Wege. Erzbischof Simonis will keine abweichenden Meinungen zu Wort kommen lassen, wenn Johannes Paul II. in der Utrechter Messehalle »gesellschaftliche und kirchliche Gruppierungen« trifft. Die feministische Theologin »Tine« Halkes sollte ihren Beitrag vorher zur Zensur vorlegen und verzichtete deshalb auf ihren Auftritt. Auch die Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft sagten ab, weil ihre Forderung nach einem »offenen Gespräch« nicht erfüllt wurde.

Schon seit Monaten bereitet die sozialistische Funk- und Fernsehgesellschaft Vara ihre Zuschauer auf die Begegnung mit dem Herrn des Vatikans vor. Unter dem Titel »Popie Jopie« strahlt sie allwöchentlich ein viertelstündiges Juxprogramm aus, das den Papst, dargestellt vom Schauspieler Henk Spaans, mit dem kugelsicheren weißen Papstmobil auf Abenteuer in Holland zeigt.

Da war Popie Jopie auf Schlittschuhen zu sehen, wie er mit Hilfe eines Küchenstuhls die ersten Schritte auf dem Eis wagte. Man erlebte ihn auf dem Käsemarkt in Alkmaar oder beim Kuhhandel, wo er nach dem traditionellen Händedruck mit einem Bauern zu seinem großen Erstaunen plötzlich eine Kuh erstanden hatte. Mehr als fünf Millionen, das ist über ein Drittel der niederländischen Bevölkerung, schauten jeweils zu, wenn Popie Jopie auf dem Programm stand.

Der wirkliche Papst freilich ließ nicht mit sich spaßen. Zur Strafe verweigerte Johannes Paul II. den Vara-Leuten ein Interview.

Mit Harry Vermeegen als Chauffeur.

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