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Porsche und die Geheimsache »Kirschkern«

Historiker erforschen NS-Zwangsarbeit im Volkswagenwerk Auch über der VW-Stadt Wolfsburg zieht die Vergangenheit auf. Eine Dokumentation belegt, daß im Volkswagenwerk einst ausländische Zwangsarbeiter und Häftlinge aus Konzentrationslagern geschunden wurden. Der Automobilkonzern ist um Aufklärung bemüht und läßt untersuchen, welchen Anteil VW-Konstrukteur und -Firmenchef Ferdinand Porsche an diesem dunklen Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte hatte. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

In Bronze gegossen steht seine Büste am Rathaus. Stadion, Schule und Hauptstraße heißen nach ihm. Wie andere Städte ihre Herrscher oder Heiligen ehren, durch die sie Geschichte machten, wird in Wolfsburg ehrfürchtig zu Professor Ferdinand Porsche aufgeblickt.

Denn, so steht es in einem Faltblatt für Besucher: »Die Stadt Wolfsburg verdankt ihre Existenz dem Auto, Professor Porsches Volkswagen.« Nächstes Jahr wird die »Volkswagenstadt«, wie sie sich nennt, fünfzig. Doch ist fraglich geworden, was es da zu feiern gibt.

Aus »Kraft durch Freude«, kurz »KdF«, der nationalsozialistischen Parole, unter der Adolf Hitler an Christi Himmelfahrt 1938 auf grüner Wiese den Grundstein der Autofabrik und damit der »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben« legte, wurde im Verlauf des Dritten Reichs »Vernichtung durch Arbeit« (NS-Sprachgebrauch für den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Rüstungsproduktion). Das ist nun aktenkundig, und keinen Zweifel kann es daran geben, daß es nicht zuletzt Porsche war, der daran mitwirkte.

Die Belege enthält eine Dokumentation, die Klaus-Jörg Siegfried, 46, Leiter des Wolfsburger Stadtarchivs, in dreijähriger Arbeit zusammenstellte _(Klaus-Jörg Siegfried: ) _("Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im ) _(Volkswagenwerk 1939 - 1945. Campus ) _(Verlag; 240 Seiten; 24 Mark. )

. Den Auftrag hatte der Rat der Volkswagenstadt erteilt, der damit, wie Siegfried findet, »einen Prozeß einleitete, der positiv ist«.

Jedenfalls keinen kurzen Prozeß des Verdrängens und Verschweigens, mit dem etwa die Daimler-Benz AG das Schicksal ihrer Zwangsarbeiter abtun wollte, als sie dem Thema in der zweibändigen Unternehmenschronik zum Hundert-Jahre-Jubiläum gerade 41 nichtssagende Zeilen einräumte (SPIEGEL 15/1986).

Anders in Wolfsburg, wo nach den Politikern auch das Werk initiativ wurde und unumwunden zugab, daß »Zwangsarbeiter _(Bei der Grundsteinlegung des ) _(VW-Werks am Himmelfahrtstag 1938. )

unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzt« worden seien: »Viele haben dabei ihr Leben verloren oder ihre Gesundheit eingebüßt.«

Auf Drängen des Betriebsrats, der beim Management zunächst eine »wahnsinnige Angst« um die Verkaufszahlen vor allem in Amerika registrierte, hielt man es bei VW schließlich »für erforderlich, diese Vorgänge so lückenlos und umfassend aufzuklären, wie dies aufgrund aller erhaltenen Dokumente möglich ist«. Mit der Arbeit wurde einer der führenden Köpfe der deutschen Geschichtswissenschaft betraut, der Historiker Hans Mommsen von der Ruhr-Universität Bochum.

Mommsen will herausbekommen, wie es möglich war, daß ausgerechnet VW »in einem außerordentlich hohen Umfang in den Zwangsarbeiter- und Häftlingseinsatz verstrickt« wurde. Vor allem geht es ihm auch darum, welche Rolle Ferdinand Porsche, dieses Wolfsburger Idol, bei alledem gespielt hat.

»Mit Sicherheit« glaubt Mommsen schon jetzt sagen zu können, »daß Männer wie Porsche keine fanatischen Nationalsozialisten waren«, daß sie aber »trotzdem zum Vollstrecker völlig widersinnig gewordener Rüstungsanstrengungen der letzten Stunde« wurden.

So habe, sagt Mommsen, Porsche »nicht gezögert, beträchtliche Häftlingszahlen anzufordern«, wann immer es ihm aus Produktionsgründen geraten erschien. An die 2800 Insassen von Konzentrationslagern wurden so ins VW-Werk geschleppt.

Dazu finden sich schon in der Dokumentation Siegfrieds eindeutige Hinweise, beispielsweise ein Führer-Erlaß, mit dem Hitler im Januar 1942 »den Vorschlag des Pg. Professor Dr. Porsche« genehmigte, Bau und Betrieb gewisser Werksanlagen »dem Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei zu übertragen, der dafür die Arbeitskräfte aus den Konzentrationslagern stellt«.

Und dem SS-Reichsführer Heinrich Himmler trug der Parteigenosse (Pg.) Porsche im März 1944 ein weiteres Anliegen vor. »Er bittet uns«, schrieb Himmler ("Geheime Reichssache! Dringend!") dem SS-Obertruppenführer Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts, das die Zuteilung von KZ-Insassen zu organisieren hatte, »ein Werk für die Fabrikation einer Geheimwaffe, die in einem Bergwerk unter Tag stattfindet und 3 1/2 Tausend Arbeitskräfte braucht, als KL-Betrieb zu übernehmen« - »KL« bedeutete Konzentrationslager, bei der Geheimwaffe handelte es sich um die V 1,

Tarnbezeichnung »Kirschkern«, die von VW gebaut wurde.

Da, wie Porsche damals im Reichsluftfahrtministerium vortrug, »bis jetzt die Feinde Fallersleben noch nicht zusammengehauen haben«, war ihm daran gelegen, »diese Fabrikation so schnell wie möglich in die Höhle zu bringen«. Und: »Wir wollen die ganze Höhle mit KZ-Häftlingen belegen.«

Von Porsches »Kraft durch Freude«-Auto war zu dieser Zeit längst nicht mehr die Rede. Schon ein Jahr vor Kriegsbeginn, im September 1938, stand als »Geheime Kommandosache« fest daß im Mobilisierungsfall das Werk ausschließlich für die Rüstung produzieren sollte. Statt Wagen für das Volk baute Porsche »Kübel«, die militärische Version des »Käfers«, für die Wehrmacht.

Wie die übrige Automobilindustrie wurde VW weitgehend zweckentfremdet und mußte sich mit der Herstellung von Bunkeröfen und Tellerminen, Torpedoteilen, hölzernen Abwurfbehältern für Bomben und der Reparatur von Flugzeugen des Typs Ju 88 beschäftigen.

Und wie in allen Rüstungsbetrieben wurden auch im Volkswagenwerk immer mehr deutsche Arbeiter, die als Soldaten an die Front zu marschieren hatten, durch ausländisches »Menschenmaterial« ersetzt - Zivilarbeiter, Kriegsgefangene, schließlich auch KZ-Häftlinge. Ihr Anteil war in dem Wolfsburger »Kriegsmusterbetrieb«, der das Kriegsverdienstkreuz auf der Firmenfahne tragen durfte, allerdings höher als irgendwo sonst- er wuchs 1943 auf 67 Prozent der 17000-Mann-Mannschaft.

Zwecks Beschaffung sogenannter Ostarbeiter veranstaltete das Werk in der Ukraine regelrechte Werbekampagnen, rekrutierte im Stammlager XI B Fallingbostel auf eigene Faust sowjetische Kriegsgefangene und sortierte im KZ Neuengamme aus, was da für VW noch zu gebrauchen war.

Des genialen »Porsches exponierte Position in der Kriegswirtschaft«, die ihm, so die Siegfried-Dokumentation, ungehinderte Kontakte zu den höchsten Entscheidungsträgern des Regimes verschaffte«, machte es möglich, daß es bei VW schließlich mehr Arbeiter als Arbeit gab. Das »Rüstungskommando Braunschweig« zählte »auf nur 20 Personen eine Küchenkraft« und monierte, es würden »zahlreiche Kräfte für gärtnerische Anlagen verwandt«.

Das Heer der Fremden hatte von den VW-Sozialleistungen wenig. Unter »Heil Hitler« versicherte sich die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, daß es doch wohl »eine moralische Benachteiligung der deutschen Gefolgschaft« wäre, »wenn ausländische Arbeitskräfte in jeder Beziehung den deutschen Arbeitskameraden gleichgestellt würden«, und bekam vom Arbeitsamt Braunschweig bestätigt, daß Sozialleistungen allein den Zweck haben, »die Arbeitsbedingungen der deutschen Volksgenossen zu heben« - »deutschen« unterstrichen. »Also«, lautete der Bescheid, »Polen, Ostarbeiter Juden, Zigeuner gehören nicht zur Gefolgschaft.«

Ohrfeigen und Prügel teilten die deutschen Meister und Vorarbeiter gleichmäßig an die Fremden aus, unterschiedslos

kontrolliert und drangsaliert wurden alle von der Geheimen Staatspolizei, von einem »Abwehrbeauftragten« der Wehrmacht und vom Werkschutz, der auf Porsches »ergebene Bitte« hin anfangs von einer SS-Formation ausgeübt wurde.

Die Behandlung war abgestuft, je nach »rassischer Eigenart«; da standen die »Ostarbeiter« tief unten. Die aus Polen bekamen ein »P« an den Rock geheftet, »für uns das Stoppzeichen für jeden persönlichen Verkehr«, wie »Die Neue Zeit«, die parteiamtliche Tageszeitung, erläuterte, »und für alles Mitleid«.

Wie sie so litten nach Berichten von Augenzeugen auch die russischen Kriegsgefangenen in ihrem Werkslager »unter Hunger, Kälte und Brutalität ihrer Bewacher«. Es gab »zahlreiche Tote, so daß sie die Leichen möglichst lange versteckten, um weiterhin deren Brotration zu bekommen«.

Das Rüstungskommando protokollierte den »Ernährungszustand« der Russen als »erschreckend": »Abmagerung bis auf 60 u. 70 Pfund. Todesfälle wegen Entkräftung. Täglich brechen Leute an den Maschinen ermattet zusammen.« Der VW-Werksarzt Hans Körbel zählte »täglich ungefähr zehn« Tote.

Die VW-Betriebsführung hielt es immerhin für »zweckmäßig«, die Ausgezehrten »aufzupäppeln«, wie sie formulierte - nicht aus Nächstenliebe, sondern »um den Gesundheitszustand so zu bekommen, daß sie den Anforderungen der Arbeit auch in etwa standhalten«.

Ob aus ähnlichen oder doch aus menschlichen Motiven - auch Professor Porsche sorgte sich. Da er, wie Werksarzt Körbel wußte, »in seiner führenden Position unter den Rüstungsleuten häufig ins Führerhauptquartier ging«, ließ Körbel ihm Photos und Untersuchungsberichte zukommen, die Porsche »zwischen zwei Konferenzen« Hitler zeigte.

Der Führer war, wie Körbel erfuhr, »sehr schockiert« und wurde »ziemlich grob«, daß die Sache »von außerhalb« aufgedeckt worden sei, erließ aber Weisung, die Russen-Rationen zu erhöhen.

Was davon in Wolfsburg ankam, ist ungeklärt. Die KZ-Arbeiter in ihrem Lager am Westrand der Stadt hatten jedenfalls nichts davon. Da ihre Körperkraft, so der Jargon, »erschöpft« werden sollte, bekamen sie im letzten Kriegswinter nur noch mittags einen Liter Rübensuppe, abends einen halben, dazu 200 Gramm Brot. Dazu gab es Schläge und, wie Buchautor Siegfried recherchierte, »stundenlanges nächtliches Appellstehen bei Kälte«. Wer sich Fetzen von Zementtüten unter den Kittel schob und erwischt wurde, erhielt 25 Schläge auf dem Bock.

Ein Trupp ungarischer Jüdinnen wurde im Keller der Halle 1 bei VW zusammengepfercht, wo das Wasser von der Decke tropfte. »Die Mädchen, die draußen arbeiteten, waren«, laut Aussage einer Häftlingsärztin, »gezwungen, ohne Mäntel, Strümpfe und Schutz vor der Kälte zu arbeiten, und kamen zu mir wegen Papier für die Sohlen ihrer Schuhe.«

In der »vorbildlichen deutschen Arbeiterstadt«, die Hitler zu errichten gedachte, gingen auch Kinder zugrunde, deren Mütter als »Ostarbeiterinnen« bei VW eingesetzt waren. Die Werksleitung hatte sie befehlsgemäß in »Kleinkinderbetreuungseinrichtungen einfachster Art« verfrachtet, erst im »Ostlager«, später nahebei in der Ortschaft Rühen, wo drei alte Baracken gerade leerstanden.

Im Ostlager starben etwa 35 Kinder an Krätze und Furunkulose, in Rühen mindestens 300 an Brechdurchfall, präzise Zahlen gibt es nicht. Der auch für diese Kinder zuständige Werksarzt Körbel, offensichtlich »von den biologistisch-rassistischen Denkmustern der ''Neuen Deutschen Heilkunde'' beeinflußt«, wie Buchautor Siegfried anmerkt, wollte nicht wahrhaben, daß unter seinen Händen _(Bei der Auszeichnung des VW-Werks ) _(zum NS-»Musterbetrieb« am 1. Mai 1944. )

in der verlausten und verwanzten Unterkunft eine Epidemie ausgebrochen war, diagnostizierte »allgemeine« und »angeborene Lebensschwäche« und begnügte sich damit, einmal wöchentlich Todesbescheinigungen auszustellen - in einem Kriegsverbrecherprozeß im Sommer 1946 wurde Körbel seinerseits zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Seine Opfer, die vielen Kinder, wurden in Rühen oder, wie die »rassisch minderwertigen« Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjet-Union und die KZ-Häftlinge, die aus der KdF-Stadt nicht lebend herauskamen, neben der städtischen Müllkippe verscharrt.

Dieser »Russenfriedhof«, wie er noch lange genannt wurde, war alles, was im aufblühenden Wolfsburg an Erinnerung übrigblieb. Das Schicksal der Toten interessierte nicht. Als 1972 endlich eine Gedenktafel angebracht wurde, hieß es darauf lediglich: »Hier ruhen russische und polnische Männer, Frauen und Kinder. Sie wurden zwischen 1941 und 1945 - fern ihrer Heimat - Opfer des Krieges«.

Und als vor allem Wolfsburger Kirchenleute und Gewerkschafter vierzig Jahre nach Kriegsende in der Stadt eine Diskussion über das böse Kapitel in Gang brachten, warnten Kommunalpolitiker davor, »Wolfsburgs guten Ruf in der Welt leichtsinnig aufs Spiel zu setzen«, zumindest »Übertreibungen müßten unbedingt vermieden werden«.

Unter der Überschrift »Die Dimension eines Gerüchts« ließ das Lokalblatt »Wolfsburger Nachrichten« einen Heimatgeographen in einer vierteiligen Serie »Scheinwerfer« einsetzen, »um Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen«. Ferdinand Porsche, gestorben 1951, erhielt Absolution: »Der Genius und seine Welt sind für eine Anwendung unserer normalen Werkkategorien und Maßstäbe unerreichbar.«

Kein Wunder, daß Stadtarchivar Siegfried auf Mißtrauen stieß, als er öffentlich über die Ergebnisse seiner Nachforschungen berichtete. »Und glauben Sie das, was Sie uns hier erzählt haben?« rief es aus dem Saal. Siegfried: »Da gibt es nichts zu glauben, ich weiß es.«

Da die »Quellenlage schlimm« war und die Belege, die Siegfried zusammensuchte, »sehr fragmentarisch« blieben, kann es sein, daß der Historiker Mommsen, der nun im VW-Auftrag darangeht, noch weitere Scheußlichkeiten zutage fordert, auch wenn ihm vorschwebt, »Schwarzweiß-Klischees zu vermeiden«, was Person und Rolle Porsches anbetrifft.

So glaubt Mommsen darlegen zu können, daß Porsche trotz Krieg und Nationalsozialismus nur ein Ziel vor Augen hatte: in großer Serie seinen Volkswagen bauen zu können und das Werk, das nur darauf auch konzipiert war, »möglichst unbeschadet in die Zeit der Friedensproduktion hinüberzuretten«.

Aber, räumt der Historiker ein: »Über Porsche wissen wir bisher ganz wenig.«

Klaus-Jörg Siegfried: »Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit imVolkswagenwerk 1939 - 1945. Campus Verlag; 240 Seiten; 24 Mark.Bei der Grundsteinlegung des VW-Werks am Himmelfahrtstag 1938.Bei der Auszeichnung des VW-Werks zum NS-»Musterbetrieb« am 1. Mai1944.

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