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Wahlkampf Positiv, positiv

Mit einem Feldzug des Frohsinns macht ein Verein Stimmung für den Kanzler. Beste Adressen aus der Wirtschaft sind dabei.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Bisher galt: Der größte Optimist im Land heißt Helmut Kohl. Keiner redet die Probleme so konsequent klein wie er.

Jetzt bekommt der Kanzler Konkurrenz. Ein Verein »Wir für Deutschland« will mit einer Optimismus-Kampagne gegen »Mißmut und Pessimismus« anwerben. Vereinschef Jens Odewald, Vorstandsvorsitzender der Kaufhof AG und seit 35 Jahren CDU-Mitglied, ist vor Zuversicht wie benommen.

Der Kohl-Freund will mit Hilfe der »positiven Wirkung von Vorbildern« eine »positive Bilanz der Einheit« ziehen, ein »positives nationales Selbstwertgefühl« fördern. »Unsere Bewegung«, tönt er, »wird der negativen Stimmung im Land entgegensteuern.«

Der Mann hält Wort. In den ersten Print-Anzeigen, die in den vergangenen Wochen geschaltet wurden, treten unbekannte Normalbürger auf. Sie künden von rosaroten Zeiten: »Wir haben bis jetzt noch jede Krise gemeistert. Da kriegen wir die Probleme heute wohl auch in den Griff«, meint die OP-Schwester Andrea Eibach.

Der Gärtner Hans-Josef Brauwers sagt: »Miesmacher kann unser Land jetzt nicht gebrauchen. Sondern Leute, die kräftig mit anpacken.« Der Drucker Holger Krull sieht das genauso: »Ich sehe, was in diesem Land gut ist. Und das andere bekommen wir auch noch hin.«

Die ganzseitigen Muntermacher-Inserate, bei denen auch Kohls Medienberater Andreas Fritzenkötter sofort »eine Ähnlichkeit zu den Gedankengängen des Kanzlers« bemerkte, sind nur der Anfang. Mitten im Wahlkampf steht den Deutschen ein Feldzug des Frohsinns bevor.

»Wir für Deutschland« will Millionenspenden aus der Industrie- und Bankenwelt mobilisieren. Springer-Presse (Welt) und Burda-Verlag (Bunte) haben nach Aussagen der Organisatoren kostenlose Anzeigenseiten zugesagt. Auf Pro 7 und Sat 1 laufen bereits die ersten Spots.

Geplant sind Künstlertreffen und Journalistenwettbewerbe. Am »Tag der Deutschen Einheit«, knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl, soll vor dem Brandenburger Tor ein großes Volksfest steigen, Autokorso und Trachtenumzug inklusive.

»Unser Vorbild ist die Steuben-Parade in New York«, jubelt Odewald. »Uns geht es um die Seelen der Menschen«, bekennt Adolf Kracht, Kassenwart des Vereins und im Hauptberuf Chef des Gerling-Konzerns.

So schamlos hat die deutsche Wirtschaft, die dem Kanzler-Troß schon den Flug zur Fußballweltmeisterschaft finanziert, selten in einen Wahlkampf eingegriffen. Die Kohl-Freunde in Banken, Versicherungen und Industriezentralen werfen sich für die Regierung in die Propagandaschlacht.

Promotor und Ideengeber für den Seeleneinkauf ist Deutschlands Wunderwerber Willi Schalk, Ex-Springer-Vorstand, Ex-Geschäftsführer des Verlagshauses DuMont Schauberg, Ex-Chef der New Yorker Werbeagentur BBDO. Der quirlige Selfmademan, 54, der es in den siebziger Jahren vom einfachen Industriekaufmann zum internationalen Top-Werber brachte, verließ im Januar den Springer-Konzern. Seither kümmert er sich als freier Unternehmensberater um die Vereinsarbeit.

Schalks Vorbild ist die Wiederwahlkampagne für Ronald Reagan im Jahr 1984. In einem Wahlkampf ohne Thema hatte der amerikanische Präsident die nationalen Gefühle für sich mobilisiert.

Die Fernsehspots zeigten verträumte Landschaften, flatternde Flaggen und glückliche Hochzeitspaare, unterlegt mit einem optimistischen »It's morning again in America«. Für Reagan-Biograph Lou Cannon war diese TV-Kampagne das »emotionale Glanzlicht« einer Ära.

Als damaliger Chef der New Yorker BBDO-Zentrale war Schalk an der »Sei stolz«-Kampagne beteiligt. Sein Kreativ-Direktor Philip Dusenberry saß dem legendären Tuesday-Team vor, einer Werberunde, die sich jeden Dienstag im Weißen Haus um Reagan versammelte. »Ich war sein Sparringspartner«, sagt Schalk voller Stolz.

Die aktuellen TV-Spots seines »Wir für Deutschland«-Vereins eifern dem Vorbild erkennbar nach. Zu sehen sind schöne Landschaftsbilder, lachende Kinder, glückliche Arbeiter. Beendet wird der musikuntermalte Spot mit dem Slogan »Das Land sind wir«.

War der Reagan-Film deutlich als Wahlwerbung erkennbar, kommt »Wir für Deutschland« als parteilose Bürgerinitiative daher. Neben Wirtschaftsmanagern, Sportlern und Künstlern sind auch IG-Chemie-Chef Hermann Rappe, Textil-Gewerkschaftsboß Willi Arens und der ehemalige SPD-Minister Georg Leber mit von der Partie.

In kurzen Telefonaten wurden alle drei Sozialdemokraten von Odewald geworben. Über Parteigrenzen hinweg, schwärmte der Kaufhof-Chef, müsse man sich jetzt engagieren: »Wir wollen uns um das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland kümmern.«

Auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, mache mit, lockte Odewald die Sozialdemokraten. Mitgliedsbeiträge, da könne er sie beruhigen, würden nicht anfallen.

Rappe und Leber sagten spontan ihre Unterstützung zu. Doch der Verein informierte sie über sein Tun und Treiben nur spärlich. Die komplette Serie der annoncierten Positiv-Slogans haben beide bislang nur in den Zeitungen gesehen.

Gewerkschaftschef Arens, mißtrauisch aus Prinzip, bat vorab um schriftliches Info-Material - doch sein Briefkasten blieb leer. Ihn ärgert, daß er dennoch in den Werbeprospekten des Vereins als Mitglied auftaucht. »Ich fühle mich mißbraucht«, schrieb er am vergangenen Donnerstag an Odewald.

Die Drähte zum anderen politischen Lager sind erkennbar enger gezogen. Zweimal hat Willi Schalk den Kanzler getroffen, im Dezember und im Januar. Mit Kohls Beratern ist der Werbemanager in Dauerkontakt.

Mehrere Treffen mit Medienberater Fritzenkötter und Kampagnenlenker Peter Boenisch, der zur Zeit im Adenauerhaus residiert, fanden statt. Der Medienmanager Schalk habe »vorab mal seine Idee geäußert«, sagt Fritzenkötter. Später sei man »ausführlich informiert« worden.

Der gute Draht zu den Regierenden glühte in der vergangenen Woche besonders heftig. Im Bundesrat stand eine Verwaltungsvorschrift zum Einkommensteuergesetz auf der Tagesordnung, mit der Spenden für den Optimismus-Verein steuerlich begünstigt werden sollten.

Die CDU-regierten Länder wollten alle Vereine, die sich »der Förderung des Zusammenwachsens beider Teile Deutschlands« verschrieben haben, als gemeinnützig und damit steuermindernd anerkennen - eine Vorschrift, wie gemacht für den Deutschland-Verein: Die Mehrheit der SPD-Länder sorgte für Vertagung.

»Wir sind kein Kanzler-Wahlverein«, sucht sich Odewald nun zu wehren. Ein scheinheiliger Schalk will die Aufregung der Genossen nicht verstehen: »Alles ist doch so schön ausgewogen.« Y

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