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NRW Positives Denken

Wolfgang Clement hat die jüngste Regierungssprecherin der Republik berufen. Die Frau ist Blitz-Erfolge gewohnt.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Der Anruf aus der Staatskanzlei erreichte Miriam Meckel vor wenigen Wochen auf dem Handy, bei der Rückfahrt vom Skiurlaub. Und offenbar rechnete der Mann am anderen Ende damit, dass er sie mächtig irritieren würde: »Fahren Sie mal rechts ran«, sagte er als Erstes.

Das war nicht nötig, weil Meckel nicht selbst lenkte, und so stellte der Anrufer die junge Frau direkt durch - zu Wolfgang Clement, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Der fragte Meckel, ob sie nicht Lust hätte, seine Regierungssprecherin zu werden: als derzeit einzige Frau auf einem solchen Posten bundesweit.

Zwischen »Wahnsinn« und »ach du Schande« schwankte Meckels Stimmung zunächst, schließlich sagte sie zu.

Damit hat Sozialdemokrat Clement einen PR-Coup gelandet, denn seine neue Wunderwaffe, seit Anfang März im Amt, ist nicht nur blond, blauäugig und mit ihren 33 Jahren verblüffend jung - sie ist auch noch ungemein gescheit. Und Meckel ist in ihrer schon bis dahin beängstigend steilen Karriere wieder einen Schritt nach oben gekommen.

Nach ihrem Abitur (Note 1,2) studierte sie Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Sinologie, Politikwissenschaft und Jura an den Universitäten von Münster und Taipei. Nach Taiwan ging sie für ein Semester, um ihr Mandarin aufzupolieren. Schließlich wollte sie später mal Auslandskorrespondentin in Hongkong oder China werden: »Die völlig andere Kultur hat mich immer schon fasziniert.«

Mit nur 26 Jahren schaffte sie die Promotion zum »Dr. phil.« - über das Thema »Fernsehen ohne Grenzen«. Nebenher jobbte sie schon bei verschiedenen Sendern. Nach der Promotion 1994 bewarb sie sich beim Regionalprogramm von RTL als Reporterin und wurde gleich als Chefin vom Dienst und Moderatorin eingestellt.

Ein gutes Jahr später, 1995, kam der nächste Aufstieg: Ein Professor an ihrer alten Uni starb, ihr wurde die Vertretungsprofessur am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft angetragen. Dort wurde sie im Mai 1999 schließlich ordentliche Professorin - mit 31 Jahren die damals jüngste in Deutschland. Eine richtige Habilitationsschrift wurde ihr erlassen, wegen der vielen Veröffentlichungen und der praktischen Erfahrung; in dem Fachbereich ist das inzwischen weit verbreitet.

Dass es Menschen gibt, die eine solche Blitzkarriere einer Frau verblüfft, ärgert Meckel. Es sei ein Trauerspiel, klagt sie nach einem tiefen Zug aus ihrer Gauloises, dass in Deutschland Frauen Aufmerksamkeit damit erzielen, dass sie mit Anfang 30 Erfolg haben. Für die Lehrertochter aus Hilden ist es die normalste Sache der Welt: Auch in den USA seien solche Karrieren weit verbreitet.

Dabei hat ihr sicher geholfen, dass sie überhaupt keine Scheu hat, Netzwerke und Kontakte gut zu pflegen, wenn die bei der Karriereplanung nützlich sind: »Männer tun das schließlich auch.«

Wolfgang Clement traf sie erstmals im vergangenen Mai auf einer Veranstaltung, später porträtierte sie dessen Ehefrau Karin für die »Welt am Sonntag« ("Nein, diese Frau ist nicht einfach First Lady, sie ist nicht nur die Frau des Landeschefs ..."). Die Fragen waren nicht übermäßig kritisch, und dabei fiel Meckel dem mächtigen Mann ihrer Interview-Partnerin angenehm auf. Inzwischen kümmert sich die neue Sprecherin auch um einen Herzenswunsch der Landesmutter: Sie versucht, in Düsseldorf einen prachtvollen Presseball zu organisieren.

Dass ihr neuer Chef als aufbrausend und cholerisch gilt, wusste die Professorin, bevor sie unterschrieb. Doch das lasse sie kalt, sagt sie: »Die Menschen neigen dazu, Negatives nach vorn zu stellen.« Sie sei jetzt dabei, sich ein eigenes Bild zu machen. Falls Clement wirklich einmal laut werden sollte, will sie einfach den Hörer weit weg halten. Die Frau hält viel von positivem Denken: »Ich lebe und arbeite lieber mit Menschen zusammen, die nicht einfach sind - weil das in der Regel viel interessanter ist.«

Auch die Clement häufig nachgesagte Beratungsresistenz ängstigt die frisch gebackene Sprecherin nicht: Wenn sie für ihre Meinung gute Argumente hat, dann will sie dabei bleiben, und wenn der Regierungschef das anders sieht, »dann müssen wir das aushandeln«.

Die Schnellsprecherin ("Gut, dass Sie ein Tonband dabei haben") ist nicht nur die erste Düsseldorfer Regierungssprecherin, sie hat nicht einmal ein Parteibuch. Das brachte ihr bei ihren Studenten Respekt ein, weil »sie wegen der Leistung genommen wurde und nicht auf Parteiticket fährt«, so ein Student aus ihrer Fachschaft.

Als Journalistin wäre ein Parteieintritt für sie nie in Frage gekommen, jetzt empfände sie das als »alberne, nachträgliche, opportunistische Legitimierung«. Immerhin wählt sie meistens SPD - aber auch schon mal die Grünen.

Während Clement, 60, kürzlich erklärt hat, er wolle auch bei der Landtagswahl 2005 wieder antreten, will sich Meckel lieber nicht festlegen. Schon gar nicht beim Thema Kinder, die sie sich allenfalls »virtuell vorstellen kann«. Seit fünf Jahren lebt sie in einer festen Partnerschaft, über die sie eisern schweigt: »Ich bin nicht der Typ für Homestorys mit Bildern am Esstisch.« Dort in ihrer Kölner Altbauwohnung geht es auch eher spartanisch zu: »Vor BSE gab es häufig Tütensuppen, heute mehr Butterbrote.«

In ihrem neuen Job ist es auch besser, nicht allzu langfristig zu planen. Seit Clement vor knapp drei Jahren antrat, sind bereits zwei Regierungssprecher gegangen. Der eine wurde geschasst, der andere hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Schön für Meckel, dass sie jederzeit an eine Universität zurückkehren könnte. BARBARA SCHMID

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