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Terrorismus Post vom Kanzler

Fehler des Kohl-Gehilfen Schmidbauer hätten beinahe die Freilassung der deutschen Geiseln im Libanon vereitelt.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Bernd Schmidbauer, Staatsminister im Kanzleramt, tat so, als habe er von den beiden Männern auf dem Flug aus Beirut nur Beruhigendes erfahren. Es gebe keinerlei Hinweise, verkündete er nach der Landung des Luftwaffen-Jets in Köln, daß Heinrich Strübig, 51, und Thomas Kemptner, 31, während ihrer mehr als dreijährigen Geiselhaft im Libanon gefoltert worden seien.

Die Wahrheit sieht anders aus. 1128 Tage lang durchlitten der Hamburger Krankenpfleger Kemptner und Strübig, gelernter Bergmann und Küster aus dem fränkischen Stadtsteinach, in den Verliesen des Hamadi-Clans ein Martyrium.

Die Entführer ketteten ihre Geiseln Tag für Tag mit Händen oder Füßen an die Wand. Sie schlugen sie mit Fäusten, spuckten ihnen ins Gesicht und zwangen sie, ihren eigenen Urin zu trinken.

Fürsorglich wurden die Folterknechte erst, wenn ihre Opfer ernsthaft erkrankten - wie Strübig an einer diphtherieähnlichen Entzündung. Dann ließen sie libanesische Ärzte, deren Augen verbunden waren, in die Verstecke. Die Entführer brauchten die Geiseln ja zu einem Gegengeschäft: Sie wollten damit die in deutschen Gefängnissen inhaftierten Hamadi-Brüder Mohammed Ali, 27, und Abbas Ali, 33, freipressen.

Die längste Zeit waren die Deutschen in einem Kerker im Niemandsland zwischen der von Israel überwachten »Sicherheitszone« und den von syrischen und libanesischen Truppen kontrollierten Gebieten eingesperrt. Später wurden sie ins Südbeiruter Arme-Leute-Viertel »Bir el-Abd« verschleppt und zuletzt, vor der Freilassung am vorigen Mittwoch, nahe Baalbek in die von Syrien kontrollierte Bekaa-Hochebene.

Die Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation Asme-Humanitas lägen wohl immer noch in Ketten, wenn nicht Anfang Mai im Iran ein neues Parlament gewählt worden wäre. Der auf pragmatische Zusammenarbeit mit dem Westen bedachte Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani siegte - und plötzlich kam, auf Druck aus Teheran, Bewegung in das seit Jahren erstarrte Geiseldrama.

Das Kalkül Rafsandschanis: Die Bundesregierung werde sich nach der Geisel-Befreiung erkenntlich zeigen und den Iranern Zugang zu westlichen Märkten erleichtern.

Fast täglich wurde der iranische Botschafter Seyed Hossein Mousavian bei Außenminister Klaus Kinkel vorstellig. Diskret ließ der Diplomat das Kanzleramt wissen, daß Post von Kohl an Rafsandschani einer Lösung des Geiselproblems nützlich wäre. Kohl tat, wie ihm geheißen, und stellte in drei Briefen ein »deutsch-iranisches Spezialverhältnis« in Aussicht.

Plötzlich suchten auch die Hamadis Kontakt mit deutschen Unterhändlern. Doch das Auswärtige Amt, das sich seit Jahren unauffällig um die Freilassung Kemptners und Strübigs bemüht hatte, blieb dabei: keine direkten Verhandlungen mit den Entführern, kein Austausch gegen die Hamadi-Brüder, noch nicht einmal eine Zusage auf Haftverkürzung.

Mohammed Ali Hamadi war am 17. Mai 1989 in Frankfurt wegen der Entführung eines US-Verkehrsflugzeuges und der Ermordung eines US-Bürgers zu lebenslanger Haft, sein Bruder Abbas Ali im Jahr zuvor wegen Entführung zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Seit Monaten kümmerte sich der Uno-Sonderbeauftragte Giandomenico Picco, der die Freilassung aller anderen im Libanon festgehaltenen Geiseln erreicht hatte, um das Schicksal der beiden Deutschen. Sie waren nicht so sehr Opfer der internationalen Politik als Faustpfand einer Familie, die im libanesischen Machtvakuum ihre eigenen Geschäfte betreibt.

Anfang Juni standen die Verhandlungen auf der Kippe. Auf Bonner Druck hatten einerseits die Brüsseler EG-Behörden Mitte März 130 Millionen Mark gesperrt, die dem Libanon für den Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg zugesagt worden waren. Die im Streit um den wahren Weg zum islamischen Fundamentalismus gespaltene Hisb Allah folgte, andererseits, dem Rat aus Teheran, die Zusammenarbeit mit den Hamadis aufzukündigen - für Geld aus Brüssel.

Doch den Hamadis gelang es, einen Teil der Hisb Allah hinter sich zu scharen. Hisb-Allah-Sicherheitschef Abd el-Hadi Hamadi verlangte wieder schriftliche Bonner Garantien für die Freilassung seiner inhaftierten jüngeren Brüder.

Dem harten Kurs mochte wiederum Syrien nicht folgen. Um den Ernst ihres Willens zur Lösung der Geiselfrage zu demonstrieren, verpaßten die Syrer den Hamadis einen Denkzettel. »Unbekannte Elemente« zerstörten mit Bulldozern eine Landepiste für einmotorige Propellerflugzeuge - die von dem Clan für deren einträglichen Haschisch-Export genutzt wurde.

Als die Modalitäten der Freilassung im Nahen Osten schon fast geregelt waren, hätte Kanzleramtsminister Schmidbauer die Sache fast noch verpatzt. Er plauderte am 4. Juni vor laufenden Fernsehkameras aus, die Regierung in Teheran habe von ihm einen Brief des Kanzlers erhalten - und innerhalb von zehn Tagen sei mit dem Ende der Geiselhaft zu rechnen.

Beim Umweltgipfel in Rio beging der »Amateur des Nervenkriegs« (Süddeutsche Zeitung) dann seinen zweiten Fehler: Stolz gab der Kohl-Gehilfe preis, er selbst werde in den Nahen Osten fliegen und die Geiseln heimholen. Die Hamadis hielten ihn prompt hin. Erst sollte nur eine Geisel freigelassen werden, dann wurde der Freilassungstermin immer wieder verschoben.

Der älteste Bruder der Hamadi-Familie, Abd el-Hadi Hamadi, übergab die Geiseln am vorigen Mittwoch dem syrischen Geheimdienst. Der reichte sie an Uno-Unterhändler Picco weiter. Das Auswärtige Amt dementierte heftig einen Bericht der angesehenen israelischen Tageszeitung Haaretz, Bonn habe sich verpflichtet, »mehrere zehn Millionen Mark« an schiitische Hilfsorganisationen im Libanon zu zahlen.

Die Bonner behaupten, das Auswärtige Amt habe dem Hamadi-Clan nur eine einzige Zusage gemacht - die beiden Brüder in deutschen Gefängnissen bekämen Hafterleichterung. Aber niemand widerspricht der Vermutung, im Laufe der nächsten Monate könnten die Brüder begnadigt werden.

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