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DDR / GEBÜHREN Postalische Einheit

aus DER SPIEGEL 24/1968

Deutschlands Postminister verkehren miteinander streng postalisch: »Einschreiben gegen Rückschein.

Ordnungsgemäß ausgefertigt unter der Einschreibnummer »Berlin 66 R 0073 dB 93« und mit handschriftlich nachgetragener Postleitzahl »0« (DDR-Kode für Bonn), ging das jüngste Stück gesamtdeutschen Postdialogs am Tag nach Himmelfahrt in Bonns Adenauerallee 81, dem Sitz von Bundespostminister Werner Dollinger, ein.

Ostkollege Rudolph Schulze mahnte darin die »Gesamtschulden der westdeutschen Bundespost gegenüber der Deutschen Post der Deutschen Demokratischen Republik« per 31. Dezember 1967 in Höhe von 1 046 894 993,55 Mark an.

Der gesamtdeutsche Dialog, erklärtes Regierungsziel des schwarz-roten Kabinetts Kiesinger, ist damit vorläufig den Postlern übertragen. Und die haben längst zu erkennen gegeben, wie sie dabei zu verfahren gedenken: nach den Vorschriften der Postordnung.

Brief-Absender Schulze legt diese Ordnung seit nunmehr anderthalb Jahren so aus, daß Bundesrepublik und DDR seit 1948 zwei getrennte Staaten seien die Postgebühren mithin nach den Statuten des Westpostvereins abgerechnet werden müßten. Und da die Westdeutschen eben mehr Pakete nach drüben schickten und öfter drüben anriefen als ihre Vettern in umgekehrter Richtung, habe sich der Milliarden-Betrag aufgesummt.

Bonns Postminister Dr. Werner Dollinger versuchte seinen Adressaten ebensooft wie vergeblich davon zu überzeugen, DDR und Bundesrepublik seien »nach den Verträgen und Protokollen des Weltpostvereins und der Internationalen Fernmeldeunion als eine Einheit« anzusehen, ein Kostenausgleich mithin postalisch unüblich. Gleichwohl erklärte sich der Westpostler bereit, aus gesamtdeutschen Billigkeitsgründen dennoch darüber »verhandeln zu lassen«. Dollingers Vorbedingungen:

* Besprechungen über einen Ausgleich dürften sich nur auf den Zeitraum nach dem 31. Dezember 1966 erstrecken; bis dahin nämlich habe die DDR in der alliierten Arbeitsgruppe »Allied Working Party« an der Aufteilung der Gebühren mitgearbeitet und damit die postalische Einheit Deutschlands anerkannt.

* Wegen der Gefahr staatsrechtlicher Anerkennung der DDR dürfe nicht nach den Regeln des Weltpostvereins verfahren werden Der Gebührenausgleich dürfe sich daher nicht nur auf Pakete, Telegramme, Telex und Telephon -- wie im internationalen Verkehr üblich beschränken, sondern müsse auch auf Briefe und Päckchen ausgedehnt werden. Als westdeutschen Verhandlungspartner benannte Dollinger im November 1967 durch Einschreiben den Abteilungspräsidenten Johann Staab vom Posttechnischen Zentralamt Darmstadt. Doch Johann Staab wartete vergeblich auf seinen Auftritt.

Auch als auf Drängen des Gesamtdeutschen Ministers Herbert Wehner Dollinger zwei Tage vor dem letzten Weihnachtsfest als vorläufige Pauschalabgelturig 20 Millionen Mark anbot, blieb die Ost-Post stur Wie bei einem notorisch säumigen Schuldner schrieben DDR-Postminister Schulzes Zentralbuchhalter am 11. Januar, die fällige Gesamtsumme möge nun endlich überwiesen werden.

Da bot sich am 9. Mai Dollinger schließlich selbst zu einem Gebühren-Handel mit dem Kollegen Schulze an. Zuvor freilich müßten die Postler von jenseits der Mauer spezifizieren, welche »Methoden zur zahlenmäßigen Erfassung der Verkehrsströme« sie ihrer Rechnung zugrunde gelegt hätten.

Mit dem jüngsten Schulze-Brief endlich trafen solche Details aus der Zentralbuchhaltung der Deutschen Post in Ost-Berlin ein. So machten die Ostrechner geltend, das Durchschnittsgewicht eines von West nach Ost geschickten Paketes betrage 3,8 Kilopond (physikalisch korrekt für das umgangssprachliche Kilogramm), Westpostboten dagegen brauchten lediglich Ostpakete mit 2,9 Kilopond Durchschnittsgewicht zu schleppen.

Die Buchhalter-Kollegen des Posttechnischen Zentralamtes in Darmstadt rechnen jetzt die Zahlen nach. Werner Dollinger aber ist auf weiteren Briefwechsel zum Thema postalische Rechenakrobatik gefaßt. Er meint: »Das kann ein interessantes Spiel werden.

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