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ZEITGESCHICHTE Potemkins Atombomber

Die 1948 von den Amerikanern nach Europa verlegten B-29 waren, anders als bisher angenommen, für einen Atomschlag ungeeignet.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Im Sommer 1948 schien der Kalte Krieg zu einem heißen Krieg zu eskalieren. Denn als Antwort auf die sowjetische Blockade West-Berlins verlegte der amerikanische Generalstab drei Staffeln B-29-Bomber von den USA nach Europa. Die »Bombardement Groups« 28 und 307 landeten Mitte Juli in Lakenheath in Ost-England, 30 Maschinen gingen in Fürstenfeldbruck bei München nieder.

Der Aktionsradius der »fliegenden Festungen« weitete sich damit bis zum Ural aus -- Moskau, Leningrad und das im Zweiten Weltkrieg hart umkämpfte südukrainische Industriegebiet lagen nun in Reichweite der amerikanischen Superbomber.

Und schlimmer: Die B-29 waren seit Hiroschima und Nagasaki als Atomwaffenträger gefürchtet. Die Bomberverlegung konnte damit auch als Atomwarnung gesehen werden. Atomkrieg um Berlin? Historiker haben sich seit Jahren mit dieser Frage beschäftigt. Der Berliner Professor Ernst Nolte schreibt in »Deutschland und der Kalte Krieg«, erst die Verlegung eines Atomgeschwaders habe »so etwas wie ein militärisches Gleichgewicht geschaffen«.

Nolte irrte. Der Kölner Nachwuchshistoriker Axel Frohn fand jetzt bei Studien im Washingtoner Nationalarchiv heraus, daß die 1948 nach Europa verlegten B-29 zu einem Atomschlag ungeeignet waren.

Wie neuerdings freigegebene Dokumente belegen, war 1948 nur die 509th »Bombardement Group« der B-29-Streitmacht für den Transport und Abwurf von Atombomben ausgerüstet -- und die blieb während der Berlin-Krise in ihren Hangars in Amerika.

Nach Europa flogen B-29-Standardflugzeuge, die schon äußerlich erkennbar waren. Sie verfügten über je zwei Geschützstände mit Zwillingskanonen an Rücken- und Bauchseite. Bei den Atomwaffenträgern, wie der »Enola Gay«, von der aus die Bombe über Hiroschima abgeworfen worden war, hatte man aus aerodynamischen Gründen auf diese Bewaffnung verzichten müssen.

Für den amerikanischen Bluff beim Poker um Berlin gibt es zwei Erklärungen:

* US-Militärs fürchteten, daß die wenigen wertvollen Atomträger unter den B-29 so nahe an der europäischen Demarkationslinie Ziel eines Schlages sowjetischer Luftverbände werden könnten.

* US-Politiker deuteten die Berlin-Blockade als teilweise defensiven Zug der Russen, welcher nicht die ernstesten Gegenmaßnahmen erfordere.

»Die derzeitigen Spannungen um Berlin«, so der damalige Außenminister George Marshall am 23. Juli 1948, »sind auf den Gesichtsverlust der Russen zurückzuführen. Sie sind eine Manifestation des Erfolges unserer Politik.«

Die Erfolge der Amerikaner: In Italien und Finnland hatten die Kommunisten bei Wahlen erheblich an Boden verloren, in Jugoslawien begann Tito, einen von Moskau unabhängigen Kurs einzuschlagen. Der Kongreß in Washington hatte die Gelder für den Marshall-Plan bewilligt.

Die wirtschaftlich-politischen US-Maßnahmen zur Eindämmung des Kommunismus begannen -- da reichte wegen Berlin das Potemkinsche Atomgeschwader.

S.170Der Kreis mit dem Pfeil auf Heck und Seitenruder war dasMarkierungszeichen der Atombomber-Gruppe.*

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