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PALÄSTE Prächtiger Kitsch

Indiens reiche Maharadschas verloren vor zehn Jahren ihre Privilegien. Was aus ihren monumentalen Palästen wurde, beschreibt einer von ihnen, der Maharadscha von Baroda, jetzt in einem Bildband.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Die Vorsehung habe wohl die Maharadschas geschaffen, um der Menschheit ein blendendes Schauspiel zu bieten, ein Traumbild von Tigern, Elefanten, Juwelen und Palästen -- so Rudyard Kipling, Chronist der britischen Kolonialherrlichkeit, zu Beginn des Jahrhunderts.

Spätestens 1971 war es mit der Traumwelt der Aberhundert indischer Fürsten -- Radschas, Maharadschas, Maharawals, Nisams, Nawabs und welch andere exotische Titel sie auch krönten -- vorbei.

In jenem Jahr schaffte Indira Gandhis Kongreß-Regierung die letzten Privilegien der einstigen Märchenprinzen, die sich 1947 bei der Unabhängigkeit Indiens nur widerwillig integrieren ließen, endgültig ab: Staatspensionen in Höhe von bis zu 600 000 Mark jährlich etwa, Zollfreiheit für ausländische Luxusimporte oder auch die Erlaubnis, im Ausland Konten zu unterhalten.

Angesichts magerer Budgets sahen sich etliche Maharadschas gezwungen, ihre pompösen Paläste der Regierung und anderen Institutionen zu überlassen, die Geschäftstüchtigen unter ihnen funktionierten sie um zu Hotels, andere ließen sie verfallen.

Mit sachkundigem Rat seiner »fürstlichen Brüder« hat nun der Maharadscha von Baroda einen prächtigen Bildband der adligen Monumentalbauten an 30 Orten des heutigen Indien herausgegeben, als »stillen Tribut« an den »ästhetischen Sinn« jener Fürsten, die »endgültig von der indischen Bühne abgetreten sind«.

( Maharaja of Baroda: »The Palaces of ) ( India«. The Vendome Press; New York, ) ( Paris, Lausanne; 245 Seiten; 257 ) ( Illustrationen; 50 Dollar. )

Das Buch huldigt fast ausschließlich den Ergebnissen indisch-fürstlicher Palast-Bauwut aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

In dieser Phase, dem Höhepunkt des britischen Radsch, pflegten die Maharadschas ihre Sprößlinge von Europäern oder an europäischen S.179 S.180 Universitäten ausbilden zu lassen und sie zwecks weiterer Allgemeinbildung auf ausgedehnte Europa-Trips zu schicken. So kam es, daß manch einer der reichen Söhne mit für seine traditionelle Hindu- oder Moslem-Umwelt sehr eigenwilligen Vorstellungen von Prachtentfaltung, gesellschaftlichem Treiben und noblen Hobbys heimkam.

Um den britischen Vizekönig, die Gouverneure und Botschafter würdig zu empfangen, mußten riesige Audienzhallen, sogenannte Durbar halls, und Gästesuiten gebaut, für die Unterhaltung der Geladenen Tanz-, Billard- und Speisesäle eingerichtet, Tennis-, Golf- und Poloplätze, Jagdhütten und Swimmingpools angelegt werden. Und der Rambagh Palast in Dschaipur verfügte sogar über einen der ersten Flugplätze des Subkontinents, weil der Fürst, durch einen gebrochenen Arm am Polospiel gehindert, sich aufs Fliegen verlegt hatte.

Heute ist der Palast ein Hotel. Ein Doppelzimmer von wahrhaft fürstlichen Ausmaßen -- 120 qm Grundfläche, so groß wie ein stattlicher Bungalow -kostet 200 Mark pro Nacht. Aufgenommen wird nicht nur reisender Geldadel, auch Neckermann-Touristen logieren in dem Prachtbau und nehmen ihren Nachmittagstee, neben dem Schlangenbeschwörer, auf des Maharadschas englischem Rasen ein.

Einige der Maharadschas beschäftigten europäische Architekten, und die bauten dann, wie es daheim gerade oder schon mal en vogue war. So ist die Durbar hall im nordostindischen Palast Kutsch Bihar, der sich noch in Privatbesitz befindet, eine getreue Kopie des Petersdoms zu Rom. Das Innere der Halle zieren raphaeleske Malereien, während der Rest des Palastes eher noblen etruskischen Landsitzen gleicht.

Neoklassizismus hat Pate gestanden beim 347-Zimmer-Feudalsitz des Maharadschas Umaid Singh im nordwestindischen Dschodhpur, vom britischen Profan-Architekten H. V. Lanchester von 1923 an geplant und dann in 15 Jahren gebaut -- als eine Art Arbeitsbeschaffungsprogramm für des Maharadschas Volk, das im dritten Jahr einer verheerenden Dürre darbte.

Umaid Bhawan ist heute Palasthotel; Doppelzimmer-Preis: 65 Mark pro Nacht.

Doch hat es auch Architekten gegeben, die mit islamischen Stil-Elementen aus der Zeit der Moguln und indischen Merkmalen und Materialien eine »indo-sarazenische« Bauweise schufen, wie etwa Anfang des 20. Jahrhunderts der britische Baumeister Irwin mit dem Ambas Vilas Palast in Mysore, heute noch in Privatbesitz.

Dieser kurios-opulente Palast konnte, so der Autor, »nur aus dem Bemühen S.181 von Menschen einer Kultur entstehen, die versuchten, eine andere zu begreifen und sie mit dem Vermächtnis einer noch anderen zu verbinden«.

So birgt Ambas Vilas Säulen und Kapitelle nach dem Muster des Roten Forts von Delhi, Zwiebeltürme nach Tadsch-Mahal-Art, bedeckt mit 18karätigem Gold, und zuoberst prangt ein fabelhafter Campanile indo-italienischer Provenienz. Der vor Prächtigkeit nachgerade überschwappende Thronsaal in Mysore hat so manchen Besucher in Erstaunen versetzt: »Allein für sich betrachtet«, notierte vor langer Zeit ein europäischer Besucher, »wäre diese Halle unerträglich« -- aber »richtig passend und schön« sei sie in ihrer Gesamtumgebung.

»Man kann noch leben wie ein Fürst in Indien«, schreibt der Maharadscha von Baroda über den Seepalast der Maharadschas von Udaipur: als zahlender Gast für 80 Mark die Nacht im Doppelzimmer.

Mitten in einem See gelegen, rund um lilienbepflanzte Wasserbecken gebaut, ist das »Lake Palace Hotel« Udaipur wohl eines der schönsten Hotels der Welt. Selbst die stilistische Kakophonie im Interieur aus indischem Kunsthandwerk, vergoldeten Tapisserien, chinesischen Kacheln, belgischen Möbeln aus Kristall vermochte schon frühere Chronisten nicht abzuschrecken.

Von architektonischen Puristen, soviel wurde auch dem Baroda-Maharadscha während seiner Palast-Recherchen klar, könnten die indischen Prachtbauten lediglich als »prächtiger Kitsch« eingestuft werden. Aber: »Für ihre Architekten und ihre fürstlichen Bauherren waren sie nicht mehr und nicht weniger als eine Huldigung an die wechselvolle und bunte Geschichte« des Indien der Maharadschas.

S.178Maharaja of Baroda: »The Palaces of India«. The Vendome Press; NewYork, Paris, Lausanne; 245 Seiten; 257 Illustrationen; 50 Dollar.*

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