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SATELLITEN Prägnante Schatten

Die Explosion einer Titan-Rakete stürzt Amerikas Satellitenaufklärung in eine Krise. Trotz »Challenger«-Katastrophe wird sogar ein Shuttle-Notstart erwogen. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Gerade 90 Meter hoch stieg die riesige Rakete vom Typ »Titan« 34 D über dem kalifornischen Luftwaffenstützpunkt Vandenberg hoch. Dann zerriß eine gewaltige Explosion das über 30 Meter lange Projektil.

Binnen acht Monaten war der Fehlstart vom 18. April - nach sieben geglückten Flügen - der zweite Titan-Unfall in Folge: Am 28. August vergangenen Jahres mußte eine außer Kontrolle

geratene Rakete vier Minuten nach dem Start gesprengt werden. Nach dem Ausfall der bemannten Weltraumfähren funktioniert nun offensichtlich auch das einzige unbemannte Trägersystem für schwere Nutzlasten nicht mehr.

Die Unglücksserie bringt vor allem Amerikas Photoaufklärung in akute Gefahr. Der Feuerball über Vandenberg löste Alarmstimmung aus in der am strengsten abgeschirmten Behörde Washingtons, dem National Reconnaissance Office (NRO). Dessen wichtigstes Spionageinstrument sind Photosatelliten vom Typ KH-11. KH steht für »Keyhole«, Schlüsselloch. Nur noch einer dieser sechs Stockwerke hohen Supersatelliten späht derzeit aus einer polaren Umlaufbahn in die Sowjet-Union, stets auf der Suche nach Details, die neuen Aufschluß über Moskaus militärische Leistungskraft oder etwaige Verstöße gegen die Rüstungskontrollvereinbarungen liefern.

Normalerweise lassen Washingtons Schlüssellochgucker immer zwei KH-11 gleichzeitig um die Erde kreisen. Der eine überfliegt sein Zielgebiet im Glanz der Morgensonne, der andere am späten Nachmittag, wenn die tiefstehende Sonne besonders prägnante Schatten wirft. Denn Schatten geben den Auswertern die besten Hinweise auf Veränderungen im Beobachtungsausschnitt.

Derzeit haben die Amerikaner nur noch ihren am 4. Dezember 1984 gestarteten Vormittagssatelliten im Umlauf. Die Explosion der Titan 34 D im vergangenen August hatte einen 500 Millionen Dollar teuren KH-11 zerfetzt, der Startzeit nach ein Nachmittagssatellit. Der sollte einen 14 Tage zuvor routinemäßig abgeschalteten Vorgänger ersetzen.

Möglicherweise ist auch der verbliebene Morgensatellit nicht mehr voll einsatzbereit. Er sollte, glauben Experten trotz eines Pentagon-Dementis, schon jetzt, lange vor Ende seiner rund 1100tägigen Funktions-Dauer, ersetzt werden. Der neue KH-11, letztes Exemplar dieser Baureihe, sei vorletzte Woche in der Titan-Explosion verglüht.

Die Zoomobjektive der Spionagesatelliten können aus 245 Kilometern Höhe zehn Zentimeter große Objekte präzise abbilden. Bedeutsamer noch ist eine zweite Eigenschaft des Satelliten, der seine Flughöhe zwischen 245 und 500 Kilometern verändern kann: Fast ohne Zeitverzögerung funkt KH-11 seine Beobachtungen abhörsicher über Relaissatelliten zur Mission Ground Site in Fort Belvoir bei Washington.

Binnen einer Stunde kann so der Präsident im Lageraum des Weißen Hauses hochaktuelle Aufnahmen von Krisenzentren dieser Welt betrachten, die der KH-11 gerade überflogen hat.

Fällt auch der letzte KH-11 aus, fehlt Washington ein ganz entscheidendes Mittel für Krisenmanagement und Rüstungskontrolle. Zwar verfügt das NRO noch über zwei weitere Himmelsspäher, KH-9 »Big Bird« und KH-8. Beide sind aber ältere Modelle, denen wichtige Eigenschaften des KH-11 fehlen. Der »Große Vogel«, drei Meter kürzer, aber genauso schwer wie der 15-Tonner KH-11, bleibt höchstens neun Monate funktionsfähig. Er photographiert mit Spezialfilmen größere Areale. Die Filme werden ausgestoßen, von Flugzeugen aufgefangen und nach Washington geflogen. Mit Entwicklung und Einzelauswertung durch Experten vergeht kostbare Zeit; die - allerdings viel schärferen - Bilder kommen für aktuelles Krisenmanagement zu spät.

Noch schärfer sind die Photoaugen des KH-8. Der kann sich bis auf 100 Kilometer der Erde nähern, um besonders wichtige Details abzulichten. Wie KH-9 wirft Nummer 8 seine Filme ab. Zudem bedarf die Nahaufklärung detaillierter Vorabinformationen über Zielkoordinaten, Objekte und Zeitpunkt der gewünschten Aufnahme. Die aber liefert während der nur dreimonatigen Lebensdauer des KH-8 in erster Linie der Blick durch die schnellen KH-11.

Kostenüberschreitungen bei der Elfer-Produktion haben vor Jahren schon das gesamte Photosatellitenprogramm in Verzug gebracht. Geplante Stückzahlen wurden drastisch reduziert, die KH-11-Herstellung ist inzwischen eingestellt.

Die Amerikaner verließen sich dabei auf das im vergangenen Herbst fertiggestellte erste Exemplar des Nachfolgemodells KH-12. Anders als der Schönwettersatellit KH-11 kann das neue Wunderding seine ungleich schärferen Aufnahmen mit Infrarothilfe nun auch bei Nacht machen. Vier KH-12 sollten so stationiert werden, daß jeder Punkt auf der Erde in kürzester Zeit von einem der hochmanövrierfähigen Photospione abgelichtet werden kann.

Doch KH-12 geriet nicht nur leistungsfähiger, sondern - im Vertrauen auf die Space Shuttle - auch erheblich schwerer als KH-11. Eine Titan 34 D könnte, selbst wenn sie störungsfrei funktionierte, den Späh-Koloß gar nicht mehr ins All hieven. Und die für 2,1 Milliarden Dollar bestellten zehn Nachfolgeraketen Titan 34 D-7 werden frühestens Ende 1988 einsatzbereit sein; Störungsfälle vorbehalten.

Wenn der letzte KH-11 ausfallen sollte, gerieten die USA nach Meinung des Washingtoner Satellitenexperten Jeffrey Richelson »in einen echten Notstand«. Aus Gründen der nationalen Sicherheit aber, so räumte der amtierende Nasa-Direktor William R. Graham ein, sei gär ein Notstart der bemannten Shuttle denkbar - obwohl die Ursachen der »Challenger« - Katastrophe noch längst nicht behoben sind.

[Grafiktext]

Der KH-11 Satellit macht Aufnahmen besonderer Zielgebiete, die anhand einer Gesamtaufnahme der Region ausgewählt wurden

[GrafiktextEnde]

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