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PHILIPPINEN Präsident Estrada auf der Kippe

aus DER SPIEGEL 44/2000

Neue Skandalgerüchte um den seit 28 Monaten amtierenden Präsidenten Joseph Estrada, 63. Das philippinische Repräsentantenhaus leitete vergangenen Montag bereits ein Verfahren zur Amtsenthebung ein, weil sich der volkstümliche Ex-Schauspieler mit 8,9 Millionen Dollar aus Einnahmen der illegalen Lotterie Jueteng persönlich bereichert haben soll. Weitere 2,8 Millionen, heißt es, seien an »Erap« (Kumpel) Estrada aus Steuereinnahmen geflossen. Nun werden, im Nachklapp zu »Juetengate«, weitere Vorwürfe laut, die im überwiegend katholischen Inselreich pikanten Zündstoff bieten: Provinzgouverneur Luis Singson, Hauptzeuge der Anklage, will dabei gewesen sein, als Gästen auf der Luxusyacht des Staatschefs die Dienste von »sexy Schauspielerinnen« angeboten worden seien. Das »Philippinische Zentrum für Investigativen Journalismus« behauptet, Estrada besitze Häuser und Apartments im Wert von mehreren Millionen Dollar, wo er seine zahlreichen Mätressen untergebracht habe. Die Opposition wirft ihm ferner vor, fünf Dutzend Firmen begünstigt zu haben.

Doch Estrada ist nicht leicht zu kippen. Der zuständige Justizausschuss hat 60 Sitzungstage Zeit für seine Entscheidung, und die Regierungskoalition verfügt in diesem Gremium über 35 von 44 Sitzen. Zwar erklärte sich der auf seine Unschuld pochende Präsident zum Rücktritt bereit, falls ihm Verfehlungen nachgewiesen werden sollten, doch für eventuelle Neuwahlen beugt er bereits vor. Medienwirksam verschenkte er vorige Woche in den Elendsvierteln Manilas, wo er als ehemaliger Wohltäter der Armen traditionell viele Anhänger hat, auf Staatskosten Land an besitzlose Slumbewohner.

Laut Verfassung wäre, im Falle einer Amtsenthebung, Vizepräsidentin Gloria Macapagal Arroyo die rechtmäßige Nachfolgerin Estradas; sie ging bereits zu ihm auf Distanz und verließ das Kabinett. Doch ihr Familienname weckt ungute Erinnerungen. Arroyos Vater Diosdado Macapagal war von 1962 bis 1965 Präsident und entschied damals, den Peso auf den Währungsmarkt zu bringen - der Wert verfiel rapide. Derzeit ist der Peso, infolge der jüngsten Affären um Estrada, gegenüber dem Dollar auf einem historischen Tiefstand.

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