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Nachruf Prawda

aus DER SPIEGEL 32/1996

Sie ist wohl dahin, falls KP-Chef Sjuganow sie nicht noch wiedererstehen läßt, die Wahrheit, auf russisch Prawda, 84.

Mit zwei Lenin-Orden und zum 60. Geburtstag 1972 mit dem »Orden der Oktoberrevolution« dekoriert, überlebte sie um fünf Jahre ihren Arbeitgeber, die KPdSU, welche ihre Untertanen mit dieser Zeitung (Auflage 1991: drei Millionen) bei der Stange hielt, das übrige besorgte die Polizei.

Die Prawda zeigte als »kollektiver Organisator« (Lenin), wo es langging und wie schön die heile Sowjetwelt anzusehen war. Wichtige Texte lieferte das ZK am Moskauer Alten Platz, das abends auch die ersten Abzüge kontrollierte. Die Seite eins strotzte von Erfolgsmeldungen aus der Volkswirtschaft. Flugzeugabstürze und Kriminalität blieben Prawda-Lesern verborgen - es sei denn, sie geschahen beim Klassenfeind.

Für Funktionäre wichtig waren der anonyme Leitartikel, Detailkritik an Genossen, welche Wohnungen verschoben oder Lohnlisten gefälscht hatten, und die Rubrik »Chronik« auf der sechsten, letzten Seite unten: Da erfuhren sie 1957 in vier Zeilen die Ablösung des Marschalls Schukow als Verteidigungsminister oder 1967 in 15 Zeilen die Emigration der Stalin-Tochter Swetlana.

Kenner aber fanden auch Nachrichten, wenn etwa die Rangfolge der Spitzengenossen auf einem Foto geändert war, in einer Resolution das Wörtchen »einmütig« fehlte oder die Überschrift »Zur Einheit der Partei« erschien, was auf Machtkampf hindeutete.

Darunter stand etwa im Juni 1953, »Organe der Staatssicherheit versuchten, sich über die Partei zu stellen«, woraus im Lager Workuta inhaftierte KP-Veteranen den Sturz ihres - namentlich nicht erwähnten - obersten Bewachers Berija ablasen. Zwei Wochen später wurde es offiziell bekanntgegeben.

Einmal erschien ein bis heute ungelöstes Rätsel: Im Bericht über den Moskau-Besuch des SED-Funktionärs Sorgenicht tauchte eine Zeile mit offenbar sinnlos aneinandergereihten Versalien auf: »KZMLD PLKDSZ PLKDSZ PLKD SSLP«. Verschlüsselter Eil-Rückruf für einen Agenten?

Wie die Partei arbeitete auch die Prawda unermüdlich an ihrem eigenen Untergang: Die Wahrheit der Wahrheit war nichts als Lüge. Nach Chruschtschows Sturz im Jahr 1964 verbesserte sie ihre Papierqualität, woraufhin das Blatt kaum noch zum Selbstdrehen einer Zigarette taugte. Bis Gorbatschow kam, druckte es keine Anzeigen. Am Geldmangel ging das Organ denn jetzt auch ein.

Ein Genosse aus Griechenland hatte es nach dem Ende der UdSSR wiederbelebt und noch einmal nach dem Duma-Putsch und Prawda-Verbot 1993. Weil die Zeitung einst für den in Athen zum Tode verurteilten Kommunisten Jannis Jannikos eine Solidaritätskampagne organisiert hatte, dankte der inzwischen zum Kaufmann Gewandelte mit Subventionen für die Prawda, die mit dem Ende von Partei und Staat der Sowjets zum Oppositionsblatt geworden war - so wie sie angefangen hatte, am 5. Mai 1912 in St. Petersburg.

Als Startkapital war damals eine Sammlung für ein Arbeitererholungsheim zweckentfremdet worden, als Verleger diente das ZK-Mitglied Roman Malinowski, ein Polizeispitzel. Redakteure waren Stalin und Molotow, Kolumnist der Emigrant Lenin in Krakau, der abends seine Artikel rasch noch zum Nachtzug nach St. Petersburg brachte.

Nach 356 Nummern wurde die Zeitung verboten, bis zur Februar-Revolution 1917. Nächster Finanzier war die deutsche kaiserliche Regierung, bis Lenin an die Macht und an die Steuergelder kam.

Stalin ließ 1938 den Ex-Chefredakteur Nikolai Bucharin erschießen, Jelzin aber machte den früheren Wirtschaftsredakteur Jegor Gaidar 1992 zum ersten nachkommunistischen Premier Rußlands. Der heutige Duma-Vorsitzende Selesnjow war vor vier Jahren Prawda-Chefredakteur.

Im Präsidentenwahlkampf 1996 versuchte die Prawda (Auflage: 200 000, zum »freien Verkaufspreis« laut Zeitungskopf) als einziges Medium unbeirrt, die Wähler für den KP-Kandidaten Sjuganow kollektiv zu organisieren. Drei Wochen nach dessen Niederlage befanden die beiden Jannikos-Söhne Theodoros und Christos, die Prawda sei zu konservativ, zuwenig sozialdemokratisch-modern.

Die Wochenendbeilage am Freitag, Prawda-Fünf, ließen sie schon von einem jungen Team herausbringen - mit Sex, Kriminalgeschichten und Anzeigen, derweil das Mutterblatt den 90. Geburtstag von Alexej Stachanow feierte, des sowjetischen Akkordbrechers.

Und die Prawda-Redakteure seien zu faul, »sie schreiben nur alle vier Monate einen Artikel«, erläuterte Theodoros Jannikos dem SPIEGEL. Sie brächten ihre Zeit mit Saufen zu - dabei reicht das Monatsgehalt gerade mal für eine Flasche. Auf der Suche nach den Original-Orden, deren Abbild noch immer den Zeitungskopf schmückte, ließen die Redakteure den Jannikos-Safe öffnen, und der war leer.

Am 24. Juli druckten sie im Faksimile den Brief der Geldgeber an einen Vize-Chefredakteur über das »zeitweilige Nichterscheinen« der Prawda. Darunter der Kommentar der Redaktion: »Nichts ist beständiger als das Zeitweilige.«

Jetzt erscheint täglich Prawda-Fünf als Boulevardblatt, ein besseres Ende allemal, als es dem ersten Kolumnisten - einer Mumie - widerfuhr. Ruhe in Frieden, Prawda.

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