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Prediger in der Wüste

aus DER SPIEGEL 41/1949

Ein recht unangenehmer Mensch,« resümiert Stuttgarts Dekan Spohn. Vier Druckseiten lang hat das bischöfliche Ordinariat in Rottenburg alle Pfarrämter der Diözese über den sudetendeutschen katholischen Pfarrer Dr. theol. Franz Ott orientiert. Zur Aufklärung der Gläubigen. Rottenburgs Diözesanenaugen sollen Pfarrer Ott auch einmal in kirchenamtlicher Sicht betrachten können. »Wir haben bisher ... geschwiegen ..., um die für ihn zum Teil fanatisch Eingenommenen nicht noch mehr zu beunruhigen.«

Fanatisch eingenommen sind Flüchtlinge und Ausgebombte. Die haben Pfarrer Ott bisher vornehmlich als Mann der »Notgemeinschaft« - bei der Bundeswahl einer »Wählervereinigung«, seit dem vorsonntäglichen Parteitag einer »politischen Vereinigung« - kennengelernt. Pfarrer Ott sitzt als einziger Repräsentant der Notgemeinschaft in Bonn. »Ich habe rund eine Million Wähler hinter mir,« sagte er. In seinem Wahlkreis Esslingen haben zwar nur 27026 Wähler von 132204 für ihn gestimmt. Aber die Amerikaner hatten der Notgemeinschaft keine Parteien-Lizenz gegeben, die Kandidaten mußten einzeln auftreten und kamen so zu keiner Landesliste. Für die durchgefallenen Wähler fühlt sich Franz Ott nun mitverantwortlich. Der Notgemeinschafts-Parteitag attestierte ihm ausdrücklich »volles Vertrauen.«

Das Rottenburger bischöfliche Ordinariat hingegen hat mit dem Geweihten Ott endgültig gebrochen, seit er sich - gegen ein ausdrückliches päpstliches Verbot politischer Betätigung für Geistliche - auf seinem Bonner Parlamentssessel placiert hat. Ursprünglich, in Notgemeinschafts-Anfängen, hatte der Generalvikar von Rottenburg keine Bedenken gegen Ott'sche Politik gehabt. »Aber nur, wenn Flüchtlingsparteien lizenziert werden.«

Als aus der Lizenz nichts wurde und der Heilige Stuhl sein Verbot bekanntgab, zog man die Erlaubnis zurück. »Die Kirche ist keine Wehrmacht,« trotzte Ott. Auf eigene Faust kandidierte er und rutschte mit 2600 Stimmen Vorsprung vor dem bärtigen Esslinger SPD-Kandidaten Albert Pflüger nach Bonn. Er wurde von seinen seelsorgerischen Aemtern suspendiert.

»Ich bin nach wie vor mit Leib und Seele Priester,« sagt von Gemeinplätzen unangefochten Franz Ott, 39 Jahre alt. »Alles, was ich getan habe, würde ich heute genau so wieder tun.« Gerade das aber, was er getan hat, die 12 Jahre vor allem, wird ihm vom bischöflichen Ordinariat rundschriftlich übel vermerkt: daß er 1938 beim Freikorps Henlein gewesen sei, 1940 bei der SA und 1941 beim NS-Studentenbund; wenn er auch simple Erklärungen bei der Hand hat:

Franz Ott, 1,60 groß, war an einem Herbsttag 1937 gerade beim Holzspalten zu Hause in Rothau im Sudetenland, einem 4500-Seelen-Industrieort, da kam der Wachtmeister und flüsterte ihm zu, die Kommunisten seien hinter ihm her. In kurzen Hosen ging Pfarrer Ott über die Grenze ins Reich. Der katholische Pfarrer in Klingenthal hatte keine Verwendung. Zwei Bekannte rieten ihm, sich doch beim sudetendeutschen Freikorps einschreiben zu lassen. Bei der Sanitätsabteilung fand er Essen, Unterkunft und Uniform.

Nach dem 38er-Sudeteneinmarsch ging er wieder nach Rothau. Ueber die braunen Hosen und die Schaftstiefel streifte Franz Ott das Meßgewand. Schließlich wurde er hauptamtlicher Lehrer in Rothau.

Aber solcherlei Schulmeister wurden bald vom Erziehungsminister Rust verboten. Franz Ott bewarb sich bei der Diözese Prag um die Pfarre in Plan. Sein Gesuch wurde nicht bearbeitet. Wütend packte er ("Ich bin etwas hitzig") und ließ sich an der philosophischen Fakultät in Prag immatrikulieren: Deutsch, Geographie und Geschichte.

Bei der Studentenkameradschaft »Prinz Eugen« fand Ott eine 150-Mark-Stellung als Berufsberater. »Man mußte ja schließlich leben.« Nach einem halben Jahr wurde er Soldat, Sanitäter. Kurz vor Kriegsende wurde Obergefreiter Ott entlassen, sein linkes Bein war 6S cm kürzer als das rechte (Rußland).

Nach dem Zusammenbruch holten die Amerikaner Franz Ott aus einem Tschechenlager nach Bayern. Die Diözese Regensburg setzte ihn nach Erbendorf. »Ich wollte in Grenznähe sein, um meinen Eltern helfen zu können.« Bald wurde der junge Prediger zum zweiten Male in die Wüste geschickt. Grund: er sei ein Apostat*).

Zu Fuß wanderte Franz Ott nach Regensburg, um sich nach den Suspendierungsgründen umzuhören. Dort nahm man die Sache »nicht allzu tragisch« und schickte ihn wieder nach Erbendorf.

1947 war Franz Ott am Ende. Er reiste zu seinem Bruder im Württembergischen. »Laß die Finger von der Kirche,« sagte der. Trotzdem ließ Franz Ott nicht locker, bis er in Esslingen wieder untergekommen war Sudetendeutsche haben Esslingen in Württembergs Städtegrößenliste von den dritten auf den zweiten Platz gebracht. Pfarrer Ott brach von der Kanzel

*) Abtrünnig vom Glauben. Lanzen für seine Vertriebenen. Seine »Notgemeinschaft« wählte ihn in den Bundestag. Das brachte die dritte Suspendierung.

In Bonn hat sich Franz Ott bisher mit drei Anträgen bemerkbar gemacht: für sozialen Wohnungsbau, für Abschaffung der Begriffe Alt- und Neubürger und der Zuzugsgenehmigung, und für die Einführung des Deutschlandliedes als Bundeshymne »In seiner ursprünglichen Form.« MdB. Dr. Fritz Dorls von der frisch braungebackenen »Deutschen Sozialistischen Reichspartei« will denn auch parlamentarisch mit Franz Ott zusammenarbeiten.

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