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WAHLEN RHEINLAND-PFALZ Preise hoch

aus DER SPIEGEL 12/1971

Der jüngste (40), größte (1,93 Meter) und gewichtigste (214 Pfund) deutsche Regierende steht zur Wahl: 2,575 Millionen Bundesbürger entscheiden am kommenden Sonntag, ob »der Kohl« -- so ein FDP-Slogan -- »noch länger ins Kraut schießen« soll.

Für die Jungwähler mit Cola und Collagen« für die Alten mit Kolumnen in der Heimatpresse oder auf Weinreisen durch die Dorfgasthäuser verteidigt Helmut Kohl, seit 1969 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, seine Macht am Rhein. Der große Herr in Mainz, ausgestattet mit kolossalem Selbstbewußtsein, möchte sich bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl selbst bestätigt sehen.

Daß die Christen-Union in Hunsrück und Pfalz, Eifel und Westerwald wieder mal die stärkste Partei wird (1967: 46,7 Prozent, 49 von 100 Sitzen) und Kohl Regierungschef bleibt, steht außer Zweifel. In fast allen Landtagswahlen nach dem Bonner Regierungswechsel vergrößerte die CDU ihren Wählerstamm. In Mainz, wo eine blasse SPD bislang keine Alternative bot, kann Kohl am 21. März sogar auf die absolute Mehrheit hoffen.

Von der Presse verhätschelt und von der eigenen Partei bewundert, regierte der »schwarze Riese« ("Bild") bislang das Ländchen. Doch was Vorgänger Peter Altmeier in 22 Regierungsjahren versäumt hatte, kaschierte der Nachfolger in 22 Monaten Regierungszeit nur mit Reformgehabe: mit einer halbherzigen Schulreform, die zu spät kam, einer Verwaltungsreform, die nicht weit genug ging, und mit Sprüchen von »Bürgernähe« und »Transparenz«, die er selber dann nicht mehr ernst nahm.

Kohls Politik, so befand die »Süddeutsche Zeitung«, sei »fortschrittlich-liberale Attitüde, vordergründiger Modernismus und joviale Optik mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstüberheblichkeit«. Und seit er auf dem CDU-Bundesparteitag in Düsseldorf seine reformwilligen Anhänger im Stich ließ, steht Kohl unter dem Zwang, wenigstens noch in Dudeldorf und Dickendorf seinen Ruf als Reformer zu retten. Das Votum der Rheinland-Pfälzer entscheidet mit über seine weitere Karriere.

Angeschlagen und entzaubert ("ich habe Fehler gemacht") stellt sich der Provinzpolitiker seinen Gegnern: > einer bislang profillosen SPD (1967: 36,8 Prozent, 39 Sitze), die unter ihrem neuen, betont linken Landesvorsitzenden Wilhelm Dröscher, 50, aus dem Städtchen Kirn vom »großen Schritt nach vorn« und vom »Machtwechsel« im Rebenland träumt« aber allenfalls die absolute CDU-Mehrheit verhindern kann;

* einer matten FDP der Mitte (1967: 8,3 Prozent, acht Sitze), die zwar »dafür sorgen« will, »daß die Schwarzen in Mainz nicht noch schwärzer werden« (Landesvorsitzender und Finanzminister Hermann Eicher, 59), sich aber dem schwarzen Kohl wieder als Koalitionspartner angedient hat. einer abgewirtschafteten NPD (1967: 6,9 Prozent, vier Sitze), die mit Parolen gegen »den Marxisten Mansholt« allenfalls noch ein paar verprellte Bauern in Westpfalz und Hochwald mobilisieren kann Entschieden wird die Herrschaftsfehde im »Deutsch-Herren-Haus«, dem Mainzer Landtag, von sechs Prozent Bundesbürgern, die zu vier Fünfteln in Dörfern und kleineren Städten leben: von Rhein- und Moselfranken in den Flußtälern, meist wortkargen Bauern zwischen Maar und Saar, deren Bruttoinlandsprodukt, Steuern, Löhne und Spareinlagen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Rheinland-Pfalz, wo von tausend Einwohnern nur 106 in der Industrie arbeiten (Bundesdurchschnitt: 137), liegt im toten Winkel der Volkswirtschaft -- reich nur an Wäldern (38 Prozent der Landesfläche) und Weinbergen (68 Prozent der westdeutschen Rebfläche).

Und wo im Herbst zum Winzerfest der Federweiße gärt, Spießbraten auf Reisigfeuern grillt und in einsamen Waldtälern noch der Meiler glimmt, sind auch Schule und Kirche im Dorf geblieben. Kohl und Kiesinger siegen dort von jeher mit dem Beistand von Küche und Kanzel: 57,8 Prozent der über 60jährigen weiblichen Wähler (und 52 Prozent der 45- bis 60jährigen Frauen) votierten bei der Bundestagswahl 1969 für die CDU; in der Region Trier (bis zu 95 Prozent Katholiken) erreichten die Christdemokraten Stimmenanteile von nahezu 70 Prozent.

Doch die schwarzen Bastionen bröckeln ab. 1969 erzielte die CDU mit 47,8 Prozent das niedrigste Bundestagswahlergebnis seit 20 Jahren; in allen Landkreisen, wo sie die Mehrheit hat, sank ihr Stimmenanteil; zum erstenmal wählten mehr Männer SPD (43,9 Prozent) als CDU (41,2 Prozent).

Und weil die Sozialdemokraten bei Bundestagswahlen in Rheinland-Pfalz seit 1953 (27,2 Prozent) konstant zugenommen (1969: 40,1 Prozent) und bei allen Landtagswahlen besser abgeschnitten haben als bei der jeweils voraufgegangenen Bundestagswahl, rechnet SPD-Führer Dröscher auch für den 21. März mit einem Punktestand über der 40-Prozent-Marke.

Unsicher ist, wie sich die Konkursmasse der Nationaldemokraten, die 1967 insgesamt 127 680 Rechtsgestimmte oder Unzufriedene mobilisiert hatten, diesmal auf die übrigen Parteien verteilen wird: ob die Protestwähler, die vor allem in krisenanfälligen Wirtschaftsräumen wie Pirmasens, Worms und Zweibrücken die SPD geschwächt hatten, zur linken Dröscher-Partei zurückkehren oder ob sie heute -- vielleicht aus Protest gegen Ostpolitik und Geldentwertung -- der Kohl-Mannschaft ihre Stimme geben.

Wenn freilich die FDP (Bundestagswahl 1969: 6,3 Prozent) diesmal an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern sollte, weil sie als konservatives Kohl-Anhängsel keine SPD-Leibstimmen nach hessischem Vorbild erwarten kann, wären -- wie letztes Jahr im Saarland -- die Christdemokraten allemal die Nutznießer.

Noch am Rosenmontag, bei einem »Micky-Maus«-Ball im Hause des Weinhändlers Elmar Pieroth, trank Kohls Narrenschar auf den Sieg: »Wenn gestern die Wahl gewesen wäre, hätten wir dicke gewonnen.« Am Aschermittwoch aber, als die Strauß-Tiraden aus Vilshofen in Mainz publik wurden, waren zumindest liberale Kohlisten wieder nüchtern: »Wenn solche Figuren wie Strauß und Kiesinger jetzt hier durchs Land reisen, verhageln sie uns mit ihren Blut-und-Boden-Reden die ganze Ernte.«

Ernten aber muß der Mainzer Parteiführer rechts wie links, denn »die Preise« -- mahnt Kohls Kultusminister Bernhard Vogel -- »sind in der CDU derzeit sehr hoch«. Westdeutschlands Unions-Christen erwarten von dem Pfälzer reiche Stimmenlese, zumal sein Nachbar, der Hesse Alfred Dregger. im November ein Landtags-Plus von 13,3 Prozent-Punkten buchte und Franz Josef Strauß, Kreuz des Südens, einen Gewinn von 8,3 CSU-Stimmen-Punkten erzielte. »Kohl und nur zwei Prozent Zunahme«, erkannte Junge-Union-Präses Georg Gölter, »damit ist es jetzt nicht mehr getan.« Allein ein triumphaler Wahlsieg könnte wachsende innerparteiliche Zweifel an Kohls Qualitäten dämpfen.

In den Weinbergen, wo einer oft schon links ist, wenn er Gin-Tonic trinkt, kommt Helmut Kohl noch immer als Künder des Fortschritts an. Der Reformer vom Lande, der sich bei der CDU-Mitbestimmungsdebatte in Düsseldorf in die Riege der Reaktionäre reihte und seine Anhänger vom linken Parteiflügel enttäuschte, tut daheim so, als sei er noch Immer der alte. Mit Familienphotos im Sex-Blatt »Jasmin«, »Richmond Medium Navy Cut« in der Pfeife und flotten Sprüchen ("Sie kenne de Kohl net") auf der Zunge demonstriert er dem Wein-Volk, wie progressiv er doch ist: die »Swingle Singers« auf dem Plattenteller, ein Pizza-Imbiß Im »Ristorante Como-Lario«, ein Kopf-Sprung vom Drei-Meter-Brett -- da kommen Eicher und Dröscher nicht mit.

Während der Ministerpräsident Jungwählerinnen in der Trierer Discothek »Dudelsack« über die Tanzfläche schob, zockelte der FDP-Obere Eicher ("Schon als 15jähriger wollte ich Reichsbahnrat werden") mit einem Wahlkampf-Sonderzug durch die Landschaft und schüttelte Schaffner-Hände. SPD-Spitzenmann Dröscher, der mit Verdiensten von gestern ("Man sagt, ich sei der gute Mensch von Kirn") und Visionen von morgen ("Das Prinzip Hoffnung steht über dem kommenden Jahr") um Stimmen wirbt« versteht seinen Wahlkampf »als Flächenbrand« -- die Gegner belächeln ihn als einen Pyromanen.

Und ob Dröscher ausreichend Wähler befeuern kann, bezweifeln selbst die Genossen. Der gute Mensch, der für Christdemokraten wie den Mainzer Fraktionsvorsitzenden Johann Wilhelm Gaddum »ganz klar ein Sozialist« ist, hatte sich im letzten Frühjahr nur deshalb zum SPD-Spitzenmann küren lassen, »weil es sonst keiner machen wollte« (Dröscher). Noch im Juni kannte -- laut »Infas« -Umfrage -- nur jeder vierte Rheinländer seinen Namen. Doch der kinderreiche Familienvater (zwei Töchter, vier Söhne) aus Kirn, der als volksnaher Bundestagsabgeordneter in seinem Nahe-Wahlkreis »fast schon messianische Verehrung« ("Süddeutsche Zeitung") genießt, schätzt Polarität noch mehr als Popularität.

Dröscher, der in seiner Region der SPD stets zu hohen Stimmenprozenten verhalf, verspricht den Wählern »mehr soziale Gerechtigkeit« und »eine Struktur-Politik, die allen nützt«. Gegen Kohls »Bollwerk einer konservativen Politik« geht er frontal an, denn: »Die CDU will die Leute hier weiter dumm halten.« Dröschers Helfer gegen Kohl: eine »Sozialdemokratische Wählerinitiative« mit den Literaten Graß, Lenz und Böll, dem Fernsehpublizisten Rüdiger Proske und der katholischen Schriftstellerin Luise Rinser ("Kann man Christ sein, ohne Sozialist zu sein?").

Der Sozialist aus Kirn -- für Willy Brandt »kein Blender, sondern ein solider, hart arbeitender Mann, der mit dem Herzen bei den breiten Schichten unseres Volkes ist« -- macht kein Hehl daraus, daß sein Herz links schlägt. Ungeniert verprellt er etwa amerikanische Generäle, wenn er -- aus Protest gegen US-Aggressionen in Indochina -- ihre Einladungen zu Cocktailpartys ausschlägt.

Für Kohl ist der Einzelkämpfer von der Nahe »die größte politische Potenz der SPD im Lande«, und die Christen-Union suggeriert dem Wählervolk denn auch »Angst vor dem Bürgerschreck« ("Publik"). Und weil Dröscher sich stets mit einem Schwarm Jusos umgibt, kommt er selbst etablierten Genossen verdächtig vor. »Der Wilhelm«, mäkelte Fraktionschef Jockel Fuchs, Dröschers Vorgänger als SPD-Landesvorsitzender, »hat e bissje die falschen Berater.«

Fraglich ist, ob er auch sonst die richtigen Leute hat. Denn während die SPD mit einer im Lande -- außer Fuchs -- wenig populären Truppe aus Gewerkschaftlern, Oberbürgermeistern und Bundestagsabgeordneten (Klaus von Dohnanyi, Adolf Müller-Emmert, Karl Haehser) an die Macht will ("Diese Mannschaft muß regieren"), präsentiert die Christen-Union laut Wahlreklame »bewährte Köpfe": Kultusminister Bernhard Vogel, ehemals Präsident des Katholikentages, sowie Ministerialdirigentin Hanna-Renate Launen, Vizepräsidentin der Würzburger Synode, »decken«, so Vogel-Referent Hans-Heiner Boelte, »den katholischen Bereich ab«. Der hellblonde Sozialminister Heinrich Geissler, dem die Zeitschrift »Für Sie« jüngst das »hohe Tier«, eine Stoff-Giraffe, verlieh, soll die Frauen anziehen.

Die CDU-Mannschaft verspricht eine »Politik auf klaren Wegen« -- was für eine Politik das sein soll, können die Wähler freilich nur mutmaßen. Denn die CDU-Aussagen (Beispiel: »Jeder soll mehr aus seinem Leben machen können") gerieten zu verschwommenen Gemeinplätzen. So kündigt Kohl »die Förderung des Willens zur Gesundheit« an oder verspricht: »Wir werden der Frau den Alltag erleichtern.« Die »in unserem Lande so zahlreichen geschichtlichen Denkmäler« sollen »nicht nur erhalten, sondern für die Menschen zugänglich gemacht werden«.

Derlei Sentenzen lieferten den Sozialdemokraten Stoff, »Denkmäler einer verfehlten Schulpolitik« (SPD-Fraktionsgeschäftsführer Karl Thorwirth) zu verspotten, die in der Landschaft stehen blieben, als die Kohl-Partei letzthin die staatlichen Konfessionsschulen (und damit die Zwergschulen) abschaffte. Bis in die sechziger Jahre hatten CDU-Kultusminister für mehr als 14 Millionen Mark 143 überflüssige Zwergschulen bauen und erweitern lassen, von denen heute -- nach der Schulreform -- 83 ungenutzt leerstehen.

Von 40 integrierten Gesamtschulen, die es in der Bundesrepublik gibt, befindet sich keine einzige in Rheinland-Pfalz. Kultusminister Vogel stimmte mit seinen vier CDU/CSU-Kollegen dagegen, als sich die Bildungsplanungs-Kommission von Bund und Ländern Anfang März in Bonn für die integrierte Gesamtschule als Regelschule entschied. »Politik im Schneckentempo« nennen die Mainzer Sozialdemokraten im Wahlkampf eine solche CDU-Politik, die nur »Reformen auf Raten« gestattet und »den Fortschritt verbummelt« (Dröscher).

Kohls Fortschritt am Wahltag scheint durch derlei Wortgefechte nicht gefährdet. Allenfalls eine unerwartete Verbindung zwischen Sozial- und Freidemokraten könnte -- falls beide Parteien genug Stimmen gewinnen -- das Mainzer Regime in Bedrängnis bringen. Besorgt registriert immerhin CDU-Millionär Pieroth »eine Seelenverwandtschaft« zwischen SPD-Dröscher und dem Mainzer FDP-Staatssekretär Hans Friderichs, 39. Den Christdemokraten bekümmert es, wenn der Kohl-Staatssekretär, einst Bundesgeschäftsführer der FDP, bis lange nach Mitternacht im Hohen Rech 38 zu Kirn mit Hausherr Dröscher Gedanken austauscht. Pieroth: »Ich beobachte die Kameraden schon seit Jahren -- wenn die zwei zusammen können, dann machen die es.«

Und als Regent Kohl vor CDU-Delegierten bekanntgab, »auf Grund des jetzigen Sachverhalts« werde Rheinland-Pfalz im Bundesrat gegen die Verträge von Moskau und Warschau votieren, rückte selbst der rechte FDP-Chef Eicher nach links: »Dann gibt es eben keine Koalition mit der CDU.«

Auch Helmut Kohl, der mittlerweile selbst für Mainzer Kohlisten »kein junger Gott mehr«, sondern ein »Mann in Unterhosen« ist (so ein Kohl-Gehilfe), erging sich letzte Woche in Anspielungen auf die möglichen Folgen inniger Kontakte zwischen SPD und FDP. Schadenfroh registrierte Koalitionspartner Eicher, »daß die CDU und der Ministerpräsident plötzlich so unsicher geworden sind«.

Doch Sozialdemokrat Fuchs deutet Kohls Depressionen anders: »Das ist ein übler Trick der CDU, die letzte Stimme für sich herauszuholen.«

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