Zur Ausgabe
Artikel 21 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Presse: Der eiserne Kollege wird gefeuert

Werden die Setzer und Drucker streiken, die Deutschen ohne Zeitung sein? Neuartige Elektronik verdrängt in den Pressehäusern die Bleisetzmaschinen -- und die Belegschaften schrumpfen um die Hälfte. Jedoch, was als Tarifkonflikt um Arbeitsplätze begonnen hat, kann letztlich zum medienpolitischen Streit um die Meinungsvielfalt werden.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Die Maschine, übermannshoch und handbedient, wird täglich noch gebraucht, und doch ist sic schon eine Art Mythos. Durch sie kam einst Gutenbergs Kunst ans Laufen, wurde die mühsame Handsetzerei, Buchstabe für Buchstabe, auf das Expreßtempo heutiger Zeitungstechnik beschleunigt.

Sie brachte das Weltgeschehen seit den glorreichen Tagen von Deutsch-Südwest, von Englands Empire und Amerikas Aufstieg auf das handliche Format der Tageblätter und Wochenjournale, in bleigegossenen Zeilen und glatten Spalten. Sie blieb, seit der Deutsch-Amerikaner Ottmar Mergenthaler seine Erfindung bei der »New York Tribune« 1886 erstmals etablierte, jahrzehntelang unersetzlich.

Nun, gut 90 Jahre nach der ersten Zeile, stoppte die deutsche Mergenthaler-Filiale im hessischen Eschborn, wie einige Jahre zuvor schon das US-Mutterhaus, die Produktion ihrer »Linotypes« -- so genannt nach den »lines of types«, den von der Setzmaschine druckfertig in Blei gegossenen Lettern. Das Bleizeitalter der Presse ist passe, spätestens in zehn Jahren werden die »eisernen Kollegen« bei den westdeutschen Verlagen sämtlich gefeuert sein -und mit ihnen geht jährlich tausend bis zweitausend Schriftsetzern der angestammte Arbeitsplatz verloren.

Deren Job läßt sich dann mit neuartigen Photosatzgeräten erledigen, die, kurz eingewiesen, jede Sekretärin bedienen kann. Die neue Technik, elektronisch gesteuert, kostet weniger und leistet mehr als die herkömmlichen Setzmaschinen. Sie zu bedienen, genügt die Hälfte der bisherigen Belegschaft. Kein Wunder wohl, daß die technische Revolution im Setzsaal die ganze Branche erschüttert.

Gerade anderthalb Jahre nach dem schweren Lohnkampf in der Druckindustrie wird bei Westdeutschlands Zeitungen, Zeitschriften und Akzidenzdruckereien wieder von Streik geredet. Sieben Verhandlungsrunden um einen »Tarifvertrag über die Einführung rechnergesteuerter Textsysteme« und das Schlichtungsverfahren sind gescheitert.

Schon gab es etwa 60 lokale Aktionen von Setzern und Druckern, zur Warnung der Verleger: Go-slow beim CDU-nahen Bielefelder »WestfalenBlatt« und Betriebsdiskussion mit Arbeitsniederlegung bei der SPD-eigenen »Hamburger Morgenpost«; Rotationsstopp bei Axel Springer in Hamburg und Maschinenstillstand bei Bauer ("Neue Revue") wie Gruner ± Jahr ("Stern"); weiße Flecken in Münchner Blättern und zeitweiligen Ausfall von Anzeigenseiten in anderen Zeitungen.

Mit solchem Fingerheben möchte die IG Druck und Papier, die für ein Lohnplus von einigen Zehntel Prozent letztes Jahr rund 33 Millionen Streik-Mark ausgab, ihren Wünschen Nachdruck verleihen: Sicherung der alten oder Schaffung neuer Arbeitsplätze für Schriftsetzer und Korrektoren, Einkommenssicherung und gewerkschaftliche Mitbestimmung bei Einführung wie Anwendung der neuen Techniken -- so sieht es ein Tarifvertragsentwurf der beteiligten Gewerkschaften vor. Gegenvorstellung der Unternehmerverbände: Obenan steht, neben der Lösung sozialer Fragen, die »Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit« ihrer Betriebe. Für Kompromisse scheint da vorerst wenig Raum zu sein.

Während die Unternehmer die neue Technik aus Kostengründen für unerläßlich halten, findet IG-Druck-Sprecher Detlef Hensche gerade »nicht notwendig«, was lediglich »aus Kostengründen von Unternehmern gerne gemacht wird«. Und während die Verleger und die Druckereibesitzer für die vereinfachte Tätigkeit an elektronischen Geräten nach und nach, mit dem natürlichen Abgang gelernter Setzer, lediglich angelernte und daher billigere Kräfte einsetzen wollen, fordert die IG Druck, diese Tätigkeit als Facharbeit für Leute mit »ausgereifter Ausbildung« zu bewerten -- wiewohl Detlef Hensche sie andererseits, in einem Funkinterview, als »primitive, monotone Arbeit« abtat.

Aus demselben Gespräch mit dem Westdeutschen Rundfunk hörten die Zeitungsverleger überdies heraus, daß es Hensche zuvörderst »gar nicht um die soziale Sicherung der betroffenen Arbeitnehmer« gehe, sondern um »organisationspolitische Ziele« seiner Gewerkschaft. Vorstandsmitglied Hensche hält es nämlich für »kein Problem«, daß Kollegen, denen der Arbeitsplatz am Blei verlorenging, auf Arbeitgeberkosten für eine angemessene Tätigkeit in anderen Betriebsbereichen umgeschult werden -- darüber sei man sich grundsätzlich einig.

Vielmehr -- und das sei »der Dollpunkt« -- wolle die IG Druck die Beschäftigung speziell am elektronischen Setzgerät »auch in Zukunft ... als Facharbeit eingestuft wissen«. Es gehe mithin, folgert Verleger-Geschäftsführer Rüdiger Niemann, prinzipiell um »perpetuierende Besetzungsordnungen«. Und das bestärkt den Verdacht der Unternehmer, die Gewerkschaft wolle mit tarifpolitischen Kampfmitteln lediglich ihren Mitgliederbestand und damit ihre Machtpositionen retten.

In der Tat läuft die ohnehin zahlenschwache Gewerkschaft Gefahr, beim Abbau ihrer 150 000 Mitglieder (IG Metall: 2,6 Millionen) im Zuge der Rationalisierungswelle personell auszubluten. Denn von den 80 000 organisierten Beschäftigten in der Druckindustrie -- der Rest zählt zur Papierverarbeitung -- sind ein gutes Drittel Setzer und Korrektoren. Gerade sie, eine Facharbeiterelite mit traditionellem Selbstbewußtein, mit der größten Zahlungsmoral und den höchsten Beitragssätzen aller Gewerkschaften (jährlich 169,71 Mark), sollen nun der Elektronik weichen.

Begreiflich mithin die gewerkschaftliche Erbitterung über de Verödung komplexer Arbeitsabläufe durch hochrationelle Maschinen. Unstreitig andererseits, daß die Druckbetriebe lediglich eine Entwicklung nachvollziehen. die ihnen andere Branchen schon vorgemacht haben und die unumgänglich scheint. Unternehmen, die sich dem Trend zur Elektronik widersetzten, wie etwa der Bielefelder Registrierkassenkonzern Anker oder Uhrenfabriken im Badischen, blieben gegen die Konkurrenz auf der Strecke.

»Spätestens seit den Weberaufständen des vergangenen Jahrhunderts«. mahnte immerhin auch der zweite Vorsitzende der IG Druck, Erwin Perlemann, müsse »jedem klar sein, daß der Versuch, technischen Fortschritt aufzuhalten oder gar zu verhindern, soziale Probleme nicht löst, sondern eher noch verstärkt«. Bei Anker sah das beispielsweise der Betriebsratsvorsitzende so: Er forderte, als es mit dem Betrieb rapide bergab ging, von der Geschäftsleitung schnellste Entlassung unausgelasteter Mitarbeiter im nichtelektronischen Bereich, »sonst geht das ganze Unternehmen kaputt« -- zu spät.

Parallelfälle in Zeitungsverlagen und Druckereien mit veralteter oder ungenügend ausgelasteter Technik kamen in den letzten Jahren dutzendweise vor. Bei kleineren Akzidenzbetrieben registrierte der Bundesverband Druck sogar »jährlich 50 bis 70 Konkurse«. Und daß es im Druckgewerbe soziale Härten wegen der neuen Verfahren »auf keinen Fall geben« solle, haben die Arbeitgeber-Vertreter im jüngsten Konflikt abermals beteuert. Worauf es ihnen ankommt, sagt ein Verlagschef so: »Wenn die Droschken veralten, sollen die Droschkenkutscher nicht arbeitslos werden. Aber man sollte auch keine neuen ausbilden.«

Die Droschke -- das ist die rasselnde, klickernde, immer mal wieder klemmende Mechanik der Linotype. Das Tippen auf der geräumigen Tastatur, die Wartung und Pflege der Maschine sind typische Männerarbeit, eine -- im Vergleich zur neuen Technik -- zwar körperlich anstrengendere, aber auch »menschlichere, nicht so eintönige Arbeitsweise«, sagt Hensches Sprecherkollege Hermann Zoller.

Ein Schriftsetzer bringt es auf etwa 5800 Buchstaben in der Stunde. Die Setzgeschwindigkeit vervierfachte sich bereits, nachdem die Texte seit den fünfziger Jahren zunehmend von Tasterinnen auf Lochbänder gestanzt und über einen Lochband-Leser in die Linotype eingegeben wurden.

Die neuesten Elektronik-Setzsysteme aber übertragen, je nach Typ, von betexteten Loch- oder Magnetbändern stündlich zwischen einer viertel und anderthalb Millionen Schriftzeichen auf Photopapier. Die Tasterinnen tippen die Texte -- anders als die Schriftsetzer -- sozusagen in einer Reihe (Fachwort: endlos) ab. Zeileneinteilung und Silbentrennung erledigt der elektronische Satzrechner selbsttätig.

Letzte Ausbaustufe des Systems ist -- bislang bei fünf westdeutschen Zeitungen -- der direkte Anschluß der Redaktionen an Datenspeicher und Photosatzgeräte. Auf Bildschirmen, statt wie bisher auf Papier, bearbeiten hier die Nachrichtenredakteure der Zeitungen die von Presseagenturen oder Korrespondenten einlaufenden Meldungen für den Satz, und die Reporter schreiben ihre Berichte am Bildschirm selbst oder diktieren sie den Redaktionssekretärinnen in die Bildschirmtastatur.

Ein Knopfdruck genügt, um die Texte direkt oder aus dem Vorrat des Datenspeichers ins Photosatzgerät zu schleusen. Heraus kommt, statt wie bisher ein Haufen Bleizeilen, ein Streifen schwarz auf weiß belichtetes Papier. Es wird durch Monteure nach einer Vorlage der Redaktion zur Zeitungsseite zusammengeklebt.

Die umbrochene Seite muß dann noch einmal, zur Verarbeitung für den Druck, im ganzen photographiert werden. Doch schon gibt es spezielle Umbruch-Bildschirme, die auch die Klebe-Montage erübrigen. Papier und Blei jedenfalls werden in vielen Pressehäusern künftig kaum noch vorkommen.

Den Gewerkschaften -- neben der IG Druck auch die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) -- erscheint das alles auf einmal etwas happig. Was den Setzern an Technik verlorengeht, wollen die organisierten Redakteure nämlich gar nicht erben. Sie möchten, schrieb der DJV in den gemeinsamen Tarifentwurf hinein, jedenfalls »nicht gezwungen werden, eigene Beiträge in elektronische Textverarbeitungsgeräte einzugeben«, von fremden nicht zu reden.

Die Arbeitgeber hingegen möchten sich die Unzumutbarkeit für Journalisten, die Geräte zu bedienen, im Einzelfall belegen lassen -- etwa durch »Gesundheits- oder Altersgründe«. Immerhin sollen Routinetexte -- zum Beispiel Börsenkurse oder Vereinsnachrichten -- am Bildschirm und auf Lochband von freigesetzten Setzern im eintönigen Endlosverfahren gefertigt werden.

Den Redakteuren freilich geht es nicht nur um das eintönige Technische. Sie möchten beispielsweise auch vermeiden, daß Agenturmeldungen »unter Umgehung der Redaktion direkt in die technische Herstellung übermittelt werden«. Möglich wäre dies von Anfang 1979 an, wenn die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihren Fernschreibdienst auf Groß- und Kleinschreibung -- statt der bisherigen reinen Kleinschreibung der Meldungen -- umrüstet. Der nächste Schritt könnte die Textübermittlung von der Agentur direkt in den Setzautomaten sein, gleich mit elektronischen Setzkommandos für Schriftart und -größe.

Damit aber würden zumindest bei kleineren Zeitungen Nachrichtenredakteure entbehrlich. Und die Blätter wären von inhaltlicher »Uniformierung« bedroht, wie auch dpa-Chefredakteur Hans Benirschke meint. Die Geschäftsleitung der Hamburger Agentur versicherte daher den dpa-Gesellschaftern, darunter mehrere Gewerkschaften, sie wolle auf Fernsatz verzichten. Benirschke: »Unsere Adressaten sind und bleiben die Redaktionen, nicht irgendwelche Setzautomaten.«

Gleichwohl kam es Anfang Oktober zur Spaltung im Gewerkschaftslager: IG Metall, IG Chemie und IG Bau, Steine, Erden stimmten auf der Gesellschafterversammlung, im Interesse der technischen Weiterentwicklung bei dpa, für die Neuerung; die IG Druck und Papier hingegen mißtraute dem Verzicht und votierte gegen die fernschriftlichen Versahen. Der DGB schließlich, samt einigen anderen Einzelgewerkschaften, verwies auf die laufenden Tarifverhandlungen um die neue Drucktechnik und enthielt sich der Stimme.

Der Zwiespalt macht deutlich, daß medienpolitische Probleme den Tarifkonflikt überlagern -- und daß der Ausgang der Sache nicht nur die Sozialpartner angeht. Denn in Gefahr ist -- längst durch die Monopolisierung, nun durch die Elektronik -- wieder einmal die Meinungsvielfalt der Presse. Und die wiederum ist, auch nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts, für den Bestand der Demokratie unabdingbar.

Der Gesetzgeber, so scheint's, muß her. Und bei der IG Druck und Papier gibt es schon Vorstellungen davon, was er zu tun hätte. »Die privatwirtschaftliche Presse«, heißt es etwa in einem Beschluß des Augsburger Gewerkschaftstages vom letzten Oktober, orientierte sich »weit mehr an den wirtschaftlichen Interessen ihrer Eigentümer« als an ihrer »öffentlichen Aufgabe«. Die Gewerkschaft solle daher »die Gründung öffentlich-rechtlicher Konkurrenzunternehmen« anstreben.

Zugleich favorisiert der Beschluß eine genossenschaftliche Teilhabe aller Blätter an einem gemeinsamen Anzeigen-pool sowie ein öffentlich-rechtliches Vertriebssystem für sämtliche Zeitungen und Zeitschriften.

Immer vorneweg bei den systemkritischen Appellen seiner Gewerkschaft ist Vorstandssprecher Hensche, 39, zugleich Redakteur des Organs »Druck und Papier«. Er, der seine Vorstellungen »sehr wohl als sozialistisch« begreift. hat ständig neue Rezepte parat: von der »aktiven Gegenwehr in den Betrieben gegen unternehmerische Willkür« bis zum Streik gegen Bonner Vorgaben für die gewerkschaftliche Lohnpolitik, von der Überprüfung der privatwirtschaftlichen Pressestruktur bis zum wirtschaftspolitischen »Dreiklang« von Mitbestimmung, staatlicher Wirtschaftsplanung und Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien.

Bei den Tarifauseinandersetzungen verschärfte er den Umgangston mit den Unternehmern derart, daß einige von denen ihn glatt für einen »Verfassungsfeind« halten. Und in einer Debatte auf den diesjährigen Hamburger Medientagen unterstellte Gruner + Jahr-Chef Manfred Fischer, er, Hensche, wolle statt des pluralistischen Konzepts viele Meinungen in einer Zeitung -- in Wahrheit das Gegenteil: eine Meinung in vielen Zeitungen.

Wie sehr das rauher gewordene Klima in der Gewerkschaft auch besonnene Hensche-Kollegen verändert hat, läßt sich beim IG-Druck-Vize Perlemann ausmachen. Vor zwei Jahren, als Hensche vom Düsseldorfer DGB in den Stuttgarter Gewerkschaftsvorstand überwechselte, schrieb Ferlemann in eine solide Untersuchung (Titel: »Druckindustrie und Elektronik") die Bemerkung hinein, die Kollegen sollten sich »daran gewöhnen, »mit der Elektronik zu leben. Das ist wesentlich ungefährlicher, als »mit der Bombe zu leben«.

Zwei Jahre später las sich Ferlemann in dem von Hensche redigierten Gewerkschaftsorgan so: »Die Neutronenbombe vernichtet Leben und hinterläßt die Sachwerte nahezu unbeschädigt den Siegern. Die moderne Technologie vernichtet berufliche Existenzen und hinterläßt die Sachwerte den Besitzern der Produktionsmittel.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel