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Bulgarien Preußen des Balkans

Der einst treueste Verbündete der Sowjets schaffte die Wende: Sofia blüht auf.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Die Jünger des Kapitalismus sind ungeduldig. Sie drängen und schubsen, doch die Wartenden kommen kaum voran. Das einzige Notariat der bulgarischen Hauptstadt hat Hochkonjunktur: Es registriert Firmen, die jeden Tag in Sofia reihenweise gegründet werden.

Vor dem Gebäude hämmert Swetla Gjerowa auf den Tasten einer uralten Schreibmaschine, die sie auf einem Klapptisch aufgebaut hat. Die Rentnerin entdeckte eine Marktlücke: Für 5 Lewa, etwa 30 Pfennig, füllt sie den Antragstellern säuberlich die Formulare aus.

Gjerowa hat über 30 Jahre bei der Stadtverwaltung gearbeitet. Nun bezieht sie eine Rente von umgerechnet 40 Mark im Monat. »Das haben wir den Kommunisten zu verdanken«, schimpft sie, »sie haben das Land heruntergewirtschaftet, da müssen auch Rentner noch mal die Ärmel hochkrempeln.«

Bulgarien, einst der treueste Vasall Moskaus und deshalb spöttisch die 16. Sowjetrepublik genannt, hat als eines der letzten Ostblockländer den Weg in die postkommunistische Zukunft eingeschlagen. Erst nach dem Wahlsieg der demokratischen Kräfte im Oktober vorigen Jahres packte die Regierung die notwendigen Wirtschaftsreformen an. Still, ohne große soziale Konflikte und vor allem ohne Blutvergießen macht das Balkanland seitdem einen radikalen Systemwandel durch - und genießt bereits dessen erste Früchte.

Bulgarien sei das »am besten gehütete Geheimnis« in Osteuropa, lobte der amtierende US-Außenminister Lawrence Eagleburger. Das Land, einst Vorbild für Eric Amblers düsteren Politthriller »Der Fall Deltschew«, könnte bald die Reformstaaten Ungarn, Polen und Tschechoslowakei überflügeln.

Sofia, früher eine der trostlosesten Hauptstädte im Weltreich des Kommunismus, blüht auf. Die Cafes stellen bunte Sonnenschirme, Stühle und Tische auf die Trottoirs. In den Parks flanieren modisch gekleidete Frauen. Auf zahlreichen Plätzen herrscht Basar-Atmosphäre. Vor der Banja-Baschi-Moschee preisen Händler duftende Tschewaptscheta und zartgekochte Maiskolben an. Neben prächtigen Blumenständen stapeln sich Zeitungen aller Art, darunter hausgemachte Sex-Postillen. Die Bulgaren haben Nachholbedarf.

Überall entstehen neue Geschäfte. Die grauen, bröckelnden Fassaden der stalinistischen Wohnkasernen kontrastieren mit den farbenfrohen Leuchtreklamen und großen Vitrinen. Wer sich einen teuren Umbau nicht leisten kann, verkauft die Ware direkt aus dem Wohnzimmerfenster der Parterre-Wohnung. »Garagenwirtschaft« wird diese Art des Kommerzes in Sofia genannt.

Auch Emil Petrow, einst Barmann in einem staatlichen Restaurant, mietete im März eine Garage in der Zar-Assen-Straße, dekorierte den Raum mit Hilfe von Freunden und stellte zwei Tische samt Sonnenschirm vor die Tür. 35 000 Lewa (rund 2000 Mark) investierte er dafür; nun bedient Freundin Albena Iwanei die Gäste: »Die Lage ist nicht sehr gut, aber wir kommen über die Runden.«

Der Aufbruch in den Kapitalismus hat ein selbst für Experten überraschendes Tempo erreicht: 200 000 Bulgaren haben schon eigene Firmen registriert; auch wenn zwei Drittel vorerst nur formell bestehen, sind 30 Prozent des Handels in privater Hand.

»Die Lawine wurde durch die Rückgabe des von den Kommunisten konfiszierten Eigentums ausgelöst«, erklärt Ilko Eskenasi, stellvertretender Premier und zuständig für Wirtschaftsfragen. Zwei Drittel der Geschäfte und Wohnungen seien bereits an ihre früheren Besitzer zurückgegeben worden.

Einst gehörte chronischer Mangel zum bulgarischen Alltag, heute herrscht auf Sofias prächtigen Gemüsemärkten Überfluß, in Metzgereien stapeln sich Fleisch und Wurst. Auf dem Witoscha Boulevard, schon immer die Vorzeigestraße der Hauptstadt, reiht sich eine elegante Boutique an die andere. »Zuerst haben wir nur Billigware aus der Türkei verkauft«, erzählt ein Verkäufer. »Nun stellen wir uns auf Markenprodukte um.« Ein Zigeuner, der vor den Schaufenstern seinen Bären tanzen läßt, mutet an wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit.

»Die Bulgaren sind die Preußen des Balkans«, sagt Virginia Weltschewa, eine junge Abgeordnete der regierenden Union der Demokratischen Kräfte. »Vielleicht ist es gut, daß wir keinen reichen Onkel haben wie die Ostdeutschen. Wir müssen selbst Initiative entwickeln.« Weltschewa besuchte vor einigen Wochen Magdeburg. Nun meint sie stolz: Im Stadtbild von Sofia habe sich viel mehr verändert als in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt.

Der Vorsitzende der Budgetkommission, Wenzislaw Dimitrow, zitiert die Statistik. Während die Inflation voriges Jahr bei 480 Prozent lag, sank sie in den ersten acht Monaten dieses Jahres auf 45 Prozent; im August stiegen die Preise im Vergleich zum Vormonat lediglich um 1,8 Prozent. Der Wechselkurs ist stabil, und die Währungsreserven der Staatsbank stiegen auf 1,2 Milliarden Dollar.

»Noch 1990 war ein Rubel ein Lewa wert«, rechnet Dimitrow stolz vor. »Nun zahlt man für einen Dollar 22 Lewa, aber bis zu 350 Rubel.« Zunächst hatte der Zusammenbruch der Sowjetunion Bulgarien in große Schwierigkeiten gestürzt. Denn das kleine Land (neun Millionen Einwohner) bezog die meisten seiner Rohstoffe aus der Sowjetunion - und setzte dort zwei Drittel seiner Exporte ab. Viele bulgarische Industriebetriebe produzierten ausschließlich für den Bedarf des großen Nachbarn.

Die monetaristische Schocktherapie der Regierung vertiefte die Rezession: Die Industrieproduktion schrumpfte seit 1989 um 40 Prozent, über 500 000 Menschen (14 Prozent) sind arbeitslos. Doch soziale Erschütterungen blieben aus.

»Wir Bulgaren sind keine Revolutionäre«, meint Jordan Wenedikow, Professor für Soziologie an der Sofioter Universität. »Auch waren die Erwartungen nicht so hoch wie in der DDR, in Ungarn oder der Tschechoslowakei.«

Und obwohl 40 Prozent der Bevölkerung nach offiziellen Angaben am Rande des Existenzminimums leben, kaum einer muß in Bulgarien hungern. Städter werden von ihren Verwandten auf dem Land versorgt, die schon unter den Kommunisten in ihren kleinen privaten Gärten ein Viertel der Agrarproduktion erwirtschafteten.

Damals gehörten 90 Prozent des Bodens den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Nun werden 5,1 Millionen Hektar Land an die früheren Besitzer zurückgegeben; dafür liegen 1,6 Millionen Anträge vor. Bis zum Frühjahr will die Regierung die Bodenreform beenden. Schon im nächsten Jahr rechnen die Experten mit 15 Prozent höheren Erträgen.

Schwieriger ist die Privatisierung der Großindustrie. Alexander Boschkow, Direktor der Privatisierungsagentur, setzt auf die Erfahrungen der deutschen Treuhand. »Wir werden unsere Mitarbeiter von der Treuhand schulen lassen.«

Zögerlich - bisher sind nur 100 Millionen Dollar investiert worden - fließt auch privates ausländisches Kapital nach Bulgarien. Siemens plant ein Joint-venture im Medizinbereich; Asko, der deutsche Einzelhandelsriese, erweitert seine Möbelaktivitäten in Bulgarien. Noch in diesem Jahr, so hofft Sofia, werde Bulgarien ein Assoziierungsabkommen mit der EG unterzeichnen.

Als besonders einträglich gelten Investitionen im Fremdenverkehr. In diesem Jahr nahm Bulgarien 400 Millionen Dollar von den Touristen ein. »Wir bieten nicht nur feine Sandstrände und billige Arbeitskräfte, sondern auch politische Stabilität«, sagt Boschkow. »Bulgarien hält sich aus dem Balkan-Konflikt heraus«, bekräftigt Ministerpräsident Filip Dimitrow.

Nur der Streit über die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit spaltet die Bulgaren. In keinem anderen Land des Ostblocks war der Prozentsatz der KP-Mitglieder höher. Präsident Schelju Schelew setzt sich deswegen für eine Aussöhnung ein, Premier Dimitrow strebt eine schnelle und radikale Abrechnung mit dem Kommunismus an. Kürzlich wurde, als erster Staatschef des alten Ostblocks, Todor Schiwkow wegen Unterschlagung zu sieben Jahren Haft verurteilt; weitere Prozesse gegen die einstige Nomenklatura sind angekündigt.

Das Eigentum der KP fiel kurz nach der Wende an den Staat. In der alten Parteizentrale sind jetzt ein Kino und ein Cafe untergebracht. Radikalen Antikommunisten reicht das nicht: Sie möchten alle kommunistischen Denkmäler in Bulgarien stürzen - zuallererst das Monument der Sowjetarmee im Zentrum von Sofia.

Noch sind die Bronzeskulpturen der Soldaten ein beliebter Kletterplatz für Kinder und eine Herausforderung für Graffiti-Künstler. »Make love, not money«, sprühte jemand an die Wand - eine einsame Mahnung im hektischen Aufbruch zur Marktwirtschaft.

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