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ISRAEL Preußische Junker

Mit der Rückgabe des Sinai an Ägypten braucht Israel im Kernland Platz für Militäranlagen. Beduinen, die dort seit Menschengedenken lebten, werden zwangsumgesiedelt.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Drunten im Tale stehen ihre Zelte -schwarzbraun anzusehen, aus Tierfellen und dichtgewebtem Stoff gefertigt. Dazwischen einige mürbe Lehmhütten und baufällige Blechbaracken.

Kamele lagern zwischen den primitiven Behausungen, Scharen halbnackter, dunkeläugiger Kinder tollen im Staub umher: Nomadenromantik, die das Morgen nicht erleben wird.

Denn das Lager der El-Assad-Beduinen in einer Sandmulde östlich von Beerscheba, unweit der Straße nach Hebron, wird es nicht mehr lange geben. Ebensowenig werden die anderen der rund 40 000 Beduinen Israels auf ihren seit Jahrhunderten angestammten Weideplätzen bleiben können.

Das ist die direkte Folge des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel: Nach den Bestimmungen des Abkommens muß Israel bis April 1982 die gesamte Sinai-Halbinsel räumen und an die Ägypter zurückgeben.

Viel militärische Infrastruktur geht den Israelis damit verloren. Und dafür wollen sie Ersatz schaffen -- im Negev, der traditionellen Heimat der Beduinen ihres Staates.

Schon jetzt werden neue Flugplätze gebaut, und das bedeutet, daß in dem Dreieck Beerscheba, Dimona, Arad zunächst 6000 Beduinen von vier Stämmen ihre Heimat aufgeben müssen. S.181

In erster Lesung schon passierte ein »Gesetz für den Bodenerwerb im Negev (Friedensvertrag mit Ägypten)« die Knesset. Demnächst soll es ratifiziert werden. Danach sollen zunächst 85 000 Hektar Negev-Boden bei El-Mahatta verstaatlicht werden, damit dort ein ultramoderner Militär-Flughafen und andere Verteidigungsanlagen gebaut werden können.

Das Gesetz erwähnt zwar mit keinem Wort die Beduinen, aber in Israels Öffentlichkeit wird es trotzdem als »Beduinen-Enteignungsgesetz« bezeichnet. Nuri el-Okbi, Vorsitzender eines Verbandes zur Verteidigung der Beduinen-Rechte, klagt: »Wenn wir Juden wären, hätte die Regierung niemals ein solches Gesetz gemacht.«

Ja, wenn. Bitterkeit macht sich breit unter den Beduinen. Abu Rahbia etwa, ein alter Nomade in zerschlissener Galabia, der ein Leben lang mit seinen Tieren von einem Weideplatz zum anderen zog, erwartet »gerade vom jüdischen Volk, das seit Urzeiten immer von überall vertrieben wurde«, Verständnis für den Wunsch der Nomaden, in ihrem Gebiet bleiben zu können.

Mit dem Verständnis ist es nicht weit her, auch nicht mit der Entschädigung, die zwangsevakuierte Beduinen vom jüdischen Staat erwarten dürfen. Jüdische Siedler etwa, die ebenfalls ihre Dörfer bei Jamit und im Südsinai aufgeben müssen, werden mit relativ hohen Summen entschädigt, sie erhalten pro Familie im Durchschnitt über 200 000 Mark.

Die Beduinen aber, die seit vielen Generationen auf ihrem Land leben, S.182 dürfen im günstigsten Fall mit 30 000 Mark pro Familie rechnen.

Viele der »Bedus« (wie sie von den Juden genannt werden) haben sich zwar mit einer Evakuierung abgefunden, aber sie verlangen die gleiche Entschädigung wie die Juden.

Doch da gibt es rechtliche Probleme. Denn nur selten sind Beduinen in der Lage, ihre formalen Besitzrechte zu beweisen. Im Gegenteil, bisher hatten sie immer sorgfältig vermieden, ihre Rechte durch Eintragung ins Grundbuch zu sichern -- unter anderem, um die Grundsteuer zu sparen.

Die Beduinen hatten ihre eigenen Methoden, etwa das System Hadschar. Danach erstieg der Scheich eines Stammes einen Hügel und erklärte alles Land, das sein Auge erfaßte, zum Stammeseigentum. Wurde er nach seinem Recht aufs Land gefragt, pflegte er auf sein Gewehr zu deuten, mit der Bemerkung: »Hier steckt unser Rechtstitel.«

Dieser Auffassung waren die Beduinen auch noch, als die Israelis 1952 ein Gesetz erließen, nach dem alles nicht im Grundbuch eingetragene Land »totes Land«, also Staatseigentum, sei.

Für Israels nomadisierende Araber wird nichts anderes übrigbleiben, als in die für sie vorbereiteten festen Behausungen im Raum Beerscheba umzusiedeln, wo ihnen lediglich kleine Anbauflächen zur Verfügung gestellt werden.

Die stolzen Söhne der Wüste, für die Ungebundenheit und Unabhängigkeit das Wichtigste im Leben sind, müssen sich als Tagelöhner in den Städten der Juden verdingen. Auch auf ihre Viehherden müssen sie verzichten, denn für ihre rund 200 000 Tiere, hauptsächlich Schafe und Ziegen, gibt es nicht mehr genug Weideland. »Ohne Boden werden wir brotlos«, klagt der 90jährige Scheich Hadschi Chalil Suleiman.

Wer aber brotlos ist, wird leicht radikal. Bisher galten Israels Beduinen, gemessen an der übrigen arabischen Bevölkerung, immer als beispielhaft staatstreu. Obwohl sie wie alle Araber vom Militärdienst befreit sind, dienten viele Beduinen freiwillig, und viele starben in Israels Kriegen unter der blau-weißen Fahne des jüdischen Staats.

Doch seit ihr Land im Negev bedroht ist, macht sich Unzufriedenheit vor allem bei den jungen Beduinen breit. Ihr Slogan: »Wir wollen nicht zum Status der Bewohner besetzter Gebiete degradiert werden.«

Beduine Mohammed Wahad, der als Traktorfahrer arbeitet, meint: »Wir haben uns immer loyal zum Staat der Juden verhalten. Doch wenn Jerusalems jetzige brutale, rassistische Politik anhält, wird sich auch unsere Haltung sehr bald ändern.« So wie er denken die meisten, die unter keinen Umständen »Flüchtlinge des Friedens« werden wollen.

Jetzt regt sich auch die Besorgnis der jüdischen Öffentlichkeit Israels. Häufig wird mehr Verständnis für die Probleme und Bedürfnisse der Beduinen gefordert. So mahnte die liberale Morgenzeitung »Haaretz«, eine Wandlung in den Traditionen der Beduinen sei unaufhaltsam, und Israel müsse alles tun, um einen solchen Wandel zu erleichtern »im Geiste eines humanen Zionismus und nicht wie preußische Junker«.

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