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Preußisches Märchen

»Der Thronfolger«. Fernsehspiel von Helmut Pigge; ZDF, 10. August, 20.00 Uhr.
Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 32/1980

Mißtrauisch stapft der König in das Krankenzimmer seines Sohnes. Ein herrischer Wink, und der Leibarzt eilt an das Bett, um den fiebernden »Fritz«, den Kronprinzen Friedrich, zu untersuchen. Doch er kann das Rätsel des hohen Fiebers nicht lösen. Ratlos ziehen sich Arzt und König zurück.

Kaum aber ist hinter ihnen die Tür zugefallen, da ertönt fröhliches Gelächter im Krankenzimmer. Fritz schlägt die Bettdecke zurück und wickelt aus einem Tuch den heißen Ziegelstein, mit dem er sich das vermeintliche Fieber beigebracht hat.

Preußische Historie, wie sie sich das Zweite Deutsche Fernsehen vorstellt: Die Szene soll im Frühjahr 1728 spielen, kurze Zeit nach einem Abstecher Friedrichs zum Dresdner Karneval, bei dem der 16jährige Kronprinz sein erstes Liebesabenteuer bestanden hat.

Doch der Ziegelstein ist ebenso erfunden wie die ganze Krankenbettszene. Der historische Friedrich war tatsächlich krank: »Schwindsucht« attestierten ihm die Ärzte -- eine höfliche Umschreibung für die Geschlechtskrankheit, die er sich in Dresden zugezogen hatte und die dank einer unsachgemäßen Operation zu seiner späteren Abneigung gegen Frauen beitrug.

Das ZDF weiß es besser. Als Gräfin Orczelska, die Geliebte aus Dresden, S.145 das Schlafzimmer Friedrichs betritt, ist die Malaise des Kronprinzen verflogen. Friedrich ruft: »Gräfin, Sie sind die einzige Ursache meiner Krankheit.«

Mit solchen Klischees ist ein Fernsehspiel ausgestattet, das am nächsten Sonntag gesendet und den spektakulärsten Vater-Sohn-Konflikt deutscher Geschichte in TV-Heime bringen wird: den Zusammenstoß zwischen Preußens skurril-tyrannischem König Friedrich Wilhelm I. und seinem ältesten Sohn Friedrich, den die Nachwelt »den Großen« nannte.

»Der Thronfolger« (so der Titel des 140 Minuten langen TV-Streifens) wird fast termingerecht zu einem Jubiläum ausgestrahlt, dessen sich zumindest Preußen-Fans erinnern. 250 Jahre ist es her, daß Friedrich Wilhelms mühsam zusammengestoppeltes Königreich von einer schweren inneren Krise heimgesucht wurde.

Am 5. August 1730 versuchte Jung-Friedrich, jahrelang von seinem verständnislosen Vater kujoniert, auf einer Reise durch Süddeutschland, nach Frankreich zu entfliehen. Die Flucht scheiterte: Friedrichs Fluchthelfer, der Leutnant Hans Hermann von Katte, endete unter dem Schwert des Henkers, der Kronprinz entging knapp dem gleichen Schicksal.

Das TV-Stück kann nur aufwärmen, was schon die »Ufa« in den dreißiger Jahren inszenierte. »Der alte und der junge König« mit Emil Jannings und Werner Hinz in den Titelrollen blieb unvergessen -- trotz mancher patriotischen Legende, die die ganze Härte des Vater-Sohn-Konflikts verschleierte.

An den alten Film erinnerte sich der Hamburger Fernsehproduzent Wolfgang Venohr, Preußen-Kenner und Chefredakteur von »stern-tv«. Er bot 1977 der Hauptabteilung Dokumentarspiel im ZDF an, den Stoff noch einmal zu verarbeiten, diesmal aus der Perspektive des Fluchthelfers Katte.

Doch Hauptabteilungsleiter Friedrich Arnold Krummacher, kein Freund von Preußen-Themen, mochte nicht an das Projekt heran. Desto schneller griff Krummacher-Kollege Heinz Ungureit, Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel, zu. Ihm schwebte zunächst ein Katte-Film vor, doch dann entschied er sich fürs Althergebrachte: für eine -kritische -- Neufassung des Jannings-Hinz-Stücks.

Als Drehbuchautor verpflichtete Ungureit den Berliner Helmut Pigge, dessen historische Dokumentarspiele ("Operation Walküre«, »Die Affäre Eulenburg") zu den besten der Branche zählen.

Gründlich durchforschte er für sein »Fernsehspiel auf historischer Grundlage« (Pigge) die Quellen des Vater-Sohn-Dramas. Er las die Arbeiten wichtiger Historiker, sah zeitgenössische Gesandtenberichte und Chroniken durch. Am Ende war sich Pigge sicher: »Das wird ein Film mit einem gewandelten Preußenbild.«

Kaum aber hatte Regisseur Oswald Döpke in Süddeutschland mit den Dreharbeiten begonnen, da wollte nun auch Krummacher einen eigenen Friedrich-Film haben. Der unermüdliche Preußen-Fan Venohr offerierte ihm daraufhin einen Film über den alten, todesnahen Friedrich.

Der Münchner Romancier Manfred Bieler hatte bereits ein Drehbuch geschrieben, das Krummacher akzeptierte. Als Döpke, der auch das Bieler-Stück verfilmen soll, das Skript gelesen hatte, wußte er auf einmal, was er in den vergangenen Wochen abgedreht hatte: »Eine grandiose Kitschoper.«

Selbst dem Nicht-Historiker Döpke mußte auffallen, daß sich »Der Thronfolger« zusehends von der ursprünglich beabsichtigten historischen Authentizität entfernt hatte und immer mehr zu einem historischen Kostümfilm geworden war. Denn: Allzu groß sind die Konzessionen, die Pigge der Dramaturgie und dem vermeintlichen Publikumsgeschmack gemacht hat.

So konnte es kommen, daß der Film-Friedrich die Geliebte Orczelska erhält, die dem historischen verwehrt blieb, und Katte zum Kronprinzen-Erzieher aufsteigt, der er nie gewesen ist. Der längst aus dem Dienst ausgeschiedene Erzieher Duhan muß bis zum bitteren Ende die »geheime« Bibliothek Friedrichs leiten, der er nicht vorstand, und auch in der Fluchtstory sind Abläufe und Akteure mutwillig verändert.

Nicht einmal Katte darf dem zum Zuschauen der Hinrichtung gezwungenen Friedrich die klassischen Worte vom »Tod mit tausend Freuden« zurufen, die noch manchem Deutschen vertraut sind. Auch hier dichtet der Geschichtsverbesserer S.146 Pigge um: »Mein Tod ist ein Akt von Gottes Gerechtigkeit]«

Ärgerlicher als solche Detailveränderungen ist, daß der Film das politischhistorische Umfeld dunkel läßt, in dem der Konflikt zwischen Friedrich und seinem Vater spielt. Keine Karte illustriert die Lage Preußens im Kraftfeld der europäischen Großmächte, kein Text informiert über die innere Entwicklung des Landes.

Der Endkampf zwischen den Hohenzollern und dem Adel, der Vormarsch des preußischen Pietismus, die Schaffung eines effektiven Staatsdienertums, der Ausbau einer stehenden Armee als Klammer der weit über Deutschland verstreuten Gebiete Preußens, die Entwicklung einer herrischen Staatsidee, der zuliebe sich sogar ein König den eigenen, eher auf Gutmütigkeit und Fürsorglichkeit angelegten Charakter deformieren läßt -- nichts davon vermittelt dieses preußische Märchen.

Der uneingeweihte Zuschauer muß annehmen, das Preußen Friedrich Wilhelms, des »Soldatenkönigs«, sei bereits ein perfekter Staat gewesen. Das wäre ein naheliegender Irrtum, der auch verriete, daß Helmut Pigge aus den Fehlern seiner »Wallenstein«-Serie nicht gelernt hat, deren mangelnde Verständlichkeit noch im März dieses Jahres Gegenstand einer Debatte auf dem Würzburger Historikertag war.

Aber auch die Großmachtpolitik der Zeit, die den Vater-Sohn-Konflikt beeinflußte und verschärfte, bleibt im Film verschwommen. Gäbe es nicht die fremden Gesandten am Berliner Hof mit ihren Intrigen, so würde das TV-Melodram vollends ins Private abgleiten.

Der Film läßt Friedrich Wilhelms Wechsel in das Lager der österreichischspanisch-russischen Allianz unerwähnt und interpretiert damit seinen Verzicht auf eine preußisch-britische Prinzenhochzeit eher privat: als Ranküne gegen Friedrich und dessen ehrgeizig-intrigante Mutter (gespielt von Maria Schell), die das Hochzeitsprojekt besonders eifrig gefördert hatte.

Ähnlich verzeichnet sind die beiden Kontrahenten: Günter Strack muß als Friedrich Wilhelm I. fast den ganzen Film hindurch prügeln, schnauzen und saufen, ohne den großen Reformer, den tiefgreifenden Veränderer anzudeuten, der dieser König auch war.

Ebenso wird in der Friedrich-Figur von Jan Kollwitz (das Kind Friedrich spielt Christoph Weber) nur die eine Seite des Kronprinzen deutlich: der Intellektuelle, der Musenfreund, der Verehrer französischer Literatur und Philosophie, der sich den Anforderungen des ungeduldigen, nur auf die Staatsräson ausgerichteten Vaters entzieht.

Keine Szene aber verrät, daß es damals auch schon den Soldaten Friedrich gab, der seine Truppe sehr wohl in Ordnung zu halten wußte und erste Führungsfähigkeiten zeigte. Der kartenspielende Oberstleutnant, der Zecher, der mit seinen Offizierskameraden nächtens durch die Straßen zog und Bürgerfenster einwarf -- er bleibt dem Zuschauer vorenthalten.

So sehr ist der Film auf den spöttischen Preußen-Verächter (Friedrich: »Ein Land ohne Kultur") festgelegt, daß es am Ende eines holzhammerartigen Nachspanns bedarf, um das Publikum zu belehren, dies sei der gleiche Mann, der schon wenige Jahre später an der Spitze seiner Armeen Europa mit Krieg überzog und die Großmacht Preußen begründete.

Wie das? Der Film schweigt sich darüber aus, er endet mit der Hinrichtung Kattes. Er wird ein recht ratloses Publikum hinterlassen.

Heinz Höhne

S.144Links: Günter Strack. Mitte: Christoph Weber.*S.145Oben: Jan Kollwitz als junger Friedrich, Dietlinde Turban alsKantorstochter.*Rechts: Niklas als Katte.*

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