Zur Ausgabe
Artikel 53 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CHINA Prickelnde Weltfabrik

Seit Jahren meldet Peking enorme Wachstumszahlen, doch nun macht der ungebremste Aufschwung selbst den KP-Führern Angst. Von der Konjunktur im Reich der Mitte aber hängt mittlerweile das Schicksal vieler Nationen ab.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Leise im Ton, verbindlich in der Sache, stets lächelnd und immer einen Vers klassischer Dichter parat: Chinas Premierminister Wen Jiabao, 61, seit einem Jahr im Amt, gibt sich völlig anders als sein Vorgänger Zhu Rongji. Der fuhr öfter aus der Haut und rief die Genossen mit schneidender Stimme zur Ordnung.

Die Europäer können den freundlichen Herrn bald aus der Nähe kennen lernen: Im Mai reist Wen in die Bundesrepublik. Außerdem wird er Großbritannien, Italien, Irland und die EU-Zentrale in Brüssel besuchen. Die Tour kommt zu günstiger Stunde: Durch Europa spült eine Welle der China-Euphorie. Im Unterschied zu Pekings früheren Staatslenkern gelten die neuen KP-Führer als Sympathieträger, die ein Land im Aufbruch regieren.

Westliche Politiker, zu Hause in endlose Reformdebatten verstrickt, bewundern unverhohlen die Entscheidungskraft der KP - und vergessen dabei, dass Pekings Herrscher Kritiker wegen »Subversion« oder »Verrats von Staatsgeheimnissen« in Lager und Gefängnisse sperren. Manager beneiden die fernöstlichen Funktionäre darum, dass sie blitzschnell Investitionen durchdrücken können - ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung, Umweltschutz oder rechtliche Auflagen.

»Unglaublich prickelnd« sei es, zu sehen, »wie die Leute nach vorn wollen«, schwärmte der Vorstandsvorsitzende von Schwäbisch Hall, Alexander Erdland, im Februar bei der Einweihung einer deutschchinesischen Bausparkasse in der Hafenstadt Tianjin. Auch der Ex-Vorstandschef der Chip-Firma Infineon, Ulrich Schumacher, ist voller Lob: Hier werde »in 30 Sekunden entschieden«, was in Deutschland »drei Wochen diskutiert wird«. China, so scheint es, ist die Macht der Stunde. Kaum jemand kann es sich leisten, das einst abgeschottete Rote Reich zu ignorieren - trotz eines Geschäftsklimas, das von Korruption und Rechtsunsicherheit geprägt ist. Dafür locken niedrige Löhne, gefügige Arbeiter und die Aussicht auf Millionen Kunden. Nur vor Ort, so das Kalkül der Investoren, können sie mit der billigen Konkurrenz mithalten.

»China ist unsere Weltfabrik«, sagt Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer. Ihn beeindruckt vor allem, dass Chinas Hochschulen Jahr für Jahr über 325 000 Ingenieure ausbilden.

Um sich die Gunst der Chinesen zu erhalten, sind Wen-Gastgeber Bundeskanzler Gerhard Schröder, aber auch die französische und italienische Regierung zu tiefen Kotaus vor dem Drachenthron bereit. Ganz im Sinne Pekings sprach sich Berlin gegen das von Taiwan ins Auge gefasste Unabhängigkeitsreferendum aus. Zudem will sich Schröder dafür einsetzen, das nach dem Tiananmen-Massaker 1989 verhängte Waffenembargo der EU zu kippen.

Kein deutliches Wort davon, als Gegenleistung wenigstens die Freilassung der seit damals inhaftierten Demonstranten zu verlangen. Schließlich sei China, so befand Schröder im Dezember, in den letzten 14 Jahren »ein anderes Land« geworden.

Für die Wirtschaft gilt das durchaus. Sie wuchs vergangenes Jahr um 9,1 Prozent und erreichte damit eine neue historische Höchstmarke: Im Durchschnitt schuf jeder einzelne Chinese Produkte und Dienstleistungen für über 1000 Dollar im Jahr.

Die Welt ist beeindruckt - ähnlich, wie sie es vor 30 Jahren von Japan war, das damals als Modell für modernes Management gepriesen wurde. Folgt China jetzt der japanischen Spur?

Für übertriebenen Optimismus ist es zu früh, denn die Daten verdecken die Kehrseite des Wirtschaftsbooms. Allzu gern frisieren Chinas Funktionäre die Statistiken. Die 53,5 Milliarden Dollar Auslandsinvestitionen beispielsweise, die Peking voriges Jahr ins Land lockte, stammen, so Experten, mindestens zu einem Drittel von inländischen Betrieben - die gründen Scheinfirmen in Hongkong oder der Karibik, um als vermeintliche »internationale Investoren« satte Steuervorteile zu nutzen.

Selbst den KP-Führern bereitet der Aufschwung mittlerweile mehr Sorge als Freude. Weil die Kraftwerke den dramatisch steigenden Energiebedarf nicht decken können, fällt in vielen Städten der Strom aus. In Shanghai müssen Fabriken, darunter VW, stundenweise ihre Fließbänder abstellen. Peking droht der Verkehrskollaps.

In den vergangenen drei Monaten zog die Konjunktur nochmals an (9,7 Prozent). Kocht sie über, droht eine Implosion - mit Firmenpleiten und Massenentlassungen. »Dieser Augenblick ist äußerst kritisch für unsere Wirtschaft«, mahnt Premier Wen, der »in einigen Bereichen eine blindwütige Expansion« ausgemacht hat.

Beispiel Immobiliensektor: In Pekings Ostbezirk etwa errichtete eine staatliche Rüstungsfirma einen grauen Büroklotz, doch bis auf eine Bankfiliale und ein Restaurant haben sich keine Mieter gefunden. Für Manager Wu ist das Grund zur Sorge: »Die meisten Bürohäuser Pekings sind nur zur Hälfte vermietet.«

Mittlerweile schmücken sich selbst kleine Provinzgemeinden mit riesigen Plätzen, breiten Straßen, Verwaltungsgebäuden und Kongresszentren. Die Investitionsruinen haben indes zwei Vorteile: Bei der Auftragsvergabe warfen sie enorme Bestechungsgelder für die Funktionäre ab - und sie blähen Chinas Bruttosozialprodukt.

Die Regierung will das überdrehte Tempo jetzt vorsichtig auf rund sieben Prozent herabbremsen. Sie wies die Staatsbanker an, strengere Maßstäbe bei Immobilienprojekten anzulegen. Fortan sollen auch weniger Stahl-, Aluminium- und Zementfabriken gebaut werden.

Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premier Wen stecken in der Zwickmühle: Sie sind auf hohes Wachstum angewiesen; 12 bis 15 Millionen Arbeitskräfte sowie rund 2,8 Millionen Hochschulabsolventen drängen jedes Jahr zusätzlich auf den Markt - nur wenn Chinas Ökonomie brummt, haben sie Chancen auf einen Job. Und nur so auch können soziale Unruhen vermieden werden.

Denn statt auf die klassenlose Gesellschaft zuzusteuern, wie es die Partei einst ihren Untertanen verhieß, haben sich zwischen Arm und Reich Abgründe wie zu vorrevolutionären Zeiten aufgetan. Shanghai erreicht mittlerweile die Wirtschaftskraft Portugals, Provinzen im Westen des Riesenreichs können sich gerade mal mit Senegal oder Uganda vergleichen.

Zu den Gewinnern der Reformen zählen vor allem die Bewohner der Großstädte, deren Einkommen in den letzten Jahren ständig stiegen. Während sie sich Handys, Autos, Wohnungen und Auslandsreisen leisten können, zog das Wirtschaftswunder am einst verklärten Proletariat - Arbeitern und Bauern - fast spurlos vorbei. Die Chinesen, die in den Elektronikfabriken und Textilwerkstätten des südchinesischen Perlflussdeltas malochen, verdienen heute genauso viel wie 1993 - rund 600 Yuan im Monat, umgerechnet 61 Euro.

Wanderarbeiter, die auf den Baustellen des Landes Zement mischen und Ziegel schleppen, werden schamlos ausgebeutet. Bis Ende 2003 blieben ihnen private und staatliche Unternehmer Löhne in Höhe von umgerechnet zehn Milliarden Euro schuldig. Pro Arbeiter sind dies, errechnete der staatliche Gewerkschaftsverband, etwa 1000 Euro - fast eineinhalb Jahresgehälter.

»Früher musste man in Büchern nachlesen, was Manchester-Kapitalismus ist«, sagt ein Pekinger Professor, »heute braucht man nur quer durch China zu fahren.«

Ein ähnliches Schicksal trifft den Großteil der 800 Millionen Bauern, deren Einkommen sich in den vergangenen Jahren teilweise sogar verringerten. Nun will die Regierung die Agrarsteuern senken und 15 Milliarden Euro in die Landwirtschaft pumpen. Um einen Erfolg zu erreichen, so KP-Finanzfunktionär Chen Xiwen, dürfe man nicht aufs Bruttosozialprodukt und große Projekte schielen, sondern müsse prüfen, »wie diese zu einem beständigen Einkommensanstieg der Bauern beitragen«.

Aufs Gemüt der Spitzenkader drücken auch die Schwierigkeiten der vier großen Staatsbanken. Die sitzen auf faulen Krediten in Höhe von mindestens 420 Milliarden Dollar (rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts) und sind eigentlich längst bankrott. Doch die Geldhäuser müssen die maroden Staatsbetriebe mit immer neuen Überweisungen am Leben halten.

Zwar hat das Finanzministerium an zwei der Institute 45 Milliarden Dollar aus den Devisenreserven überwiesen, um sie so zu stabilisieren. Doch mit Kapitalspritzen allein ist den Staatsbanken nicht zu helfen. Durch Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation müssen sie ab 2007 mit ausländischen Instituten konkurrieren, haben aber meist noch unfähige Manager und beschäftigen zu viel Personal. »Wir können es uns nicht leisten, diese Reformschlacht zu verlieren«, warnte Premier Wen.

Schließlich hängt nicht nur das Schicksal der 1,3 Milliarden Chinesen, sondern das Wohl und Wehe vieler Nationen von der Konjunktur im Reich der Mitte ab. Gerät das Wachstum ins Trudeln, dürften etliche Länder unter den Folgen zu leiden haben: »Bremst China ab, wird Japan eine Bruchlandung machen«, prophezeit Jesper Koll von der Investmentbank Merrill Lynch.

Für die Nachbarn ist China daher Segen und Bedrohung zugleich. Viele Investoren haben sich in Peking oder Shanghai etabliert. Länder wie Malaysia, Indonesien und Japan versorgen den Wachstumsmarkt mit Kautschuk, Palmöl, Holz oder Computern. Südkoreas Werften haben so dicke Auftragsbücher wie selten: Chinas Bedarf an Schiffen scheint unbegrenzt.

Selbst die Supermacht USA ist wirtschaftlich an die Volksrepublik gebunden: Sie ist ihr drittgrößter Handelspartner. Rund 100 Milliarden Dollar hat Peking in den letzten Monaten in US-Staatsanleihen investiert. Die Chinesen finanzieren damit das amerikanische Haushaltsdefizit - und indirekt auch Washingtons Irak-Krieg mit.

Am politischen System allerdings will die wirtschaftlich so experimentierfreudige Partei nicht rütteln. Dies beweist der Fall des populären Militärarztes Jiang Yanyong, der im vorigen Jahr die Öffentlichkeit über das wahre Ausmaß der Sars-Epidemie alarmierte. In einem Brief an die Partei bat der Mediziner jüngst, das Tiananmen-Massaker von 1989 als Fehler einzustufen und dessen Opfer zu rehabilitieren.

Da war es auch für den verbindlichen Wen mit der Geduld vorbei. Knallhart verteidigte der Premier die blutige Unterdrückung der damaligen Demokratiebewegung und sah bereits wieder das Machtmonopol der KP in Gefahr. »Einheit und Stabilität« von Staat und Partei, so befand er, sind und bleiben »wichtiger als alles andere«. ANDREAS LORENZ

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.