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VATIKAN / IMPORTE Priester im Tank

aus DER SPIEGEL 52/1970

Brüssels Bürokraten wurden gefragt: »Warum ißt der Papst so viel Butter?« Roms Prälaten bangten um ihren Ruf -- und um ihr tägliches billiges Butterbrot. Sogar die päpstliche Hauspostille »Osservatore Romano« ereiferte sich über das Kuh-Produkt -- und das kam so:

Der holländische Sozialist Henk Vredeling, Abgeordneter im Europaparlament, hatte Anfang Dezember die Brüsseler EWG-Kommission aufgefordert, umfangreiche Agrar-Exporte in den Vatikan zu überprüfen. Allein 1969 seien aus Frankreich und der Bundesrepublik 1,3 Millionen Kilogramm Butter und Zucker in den Papst-Staat verschickt worden.

Um diese Menge zu verbrauchen, hätte jeder der rund 900 Vatikan-Einwohner pro Tag vier Kilo Butter und Zucker vertilgen müssen. Volksvertreter Vredeling witterte daher Betrug. Er vermutete einen neuen Fall jenes Im- und Exportschwindels, den die komplizierte Agrar-Marktordnung der EWG seit Jahren begünstigt. Geschätzter Gesamtschaden pro Jahr: zwischen 50 und 100 Millionen Mark.

Für die Mitgliedstaaten der Sechsergemeinschaft nämlich ist der Vatikan ein Drittland. EWG-Händler, die dem Heiligen Stuhl Landwirtschaftsprodukte liefern, dürfen somit Zuschüsse aus dem Agrarfonds des Gemeinsamen Marktes kassieren*.

Indes, häufig landen die an den Vatikan deklarierten Waren im EWG-Land Italien -- sie dürften also gar nicht subventioniert werden.

Im vorliegenden Agrar-Fall strichen die deutschen und französischen Kaufleute insgesamt 265 214 Dollar an Zuschüssen ein. Was und wieviel sie tatsächlich schickten, blieb unklar. Der Heilige Stuhl jedenfalls, von Vredelings Vorstoß und von respektlosen Brüsseler Fragen aufgeschreckt, beteuerte zunächst, »niemals« Butter aus EWG-Ländern importiert zu haben.

Wenig später räumten die Katholiken-Chefs ein, daß doch Butter aus deutschen Landen gekauft worden sei. Am vergangenen Dienstag schließlich griff des Papstes Leibblatt in die Fett-Fehde ein. Auf die Vatikan-Bürger, versicherte der »Osservatore Romano«, entfielen pro Tag bloß 200 Gramm Butter.

Und diese Ration verringert sich noch weiter, denn der Heilige Stuhl hat das vertragliche Recht, auch für seine Angestellten -- zumeist Römer mit Familienanhang -- Waren zu importieren.

Den Verdacht der Butterschlemmerei oder gar der Butterschiebung in vatikanischen Zirkeln wies der »Osservatore« entrüstet zurück: »Es ist verwerflich, daß man, unter dem Vor-

* Die Ernährungebehörden erstatten bei Ausfuhr In Drittländer die Differenz zwischen dem (niedrigeren) weitmarktpreis und dem nationalen Preis.

wand, Gerechtigkeit und Sittlichkeit verteidigen zu wollen, unter Verkennung der Tatsachen und mit ... verleumderischer Absicht leider immer häufiger nach einem Skandal in der Kirche sucht.«

Wie immer die Butter-Bataille endet -- der Vatikan dürfte auch künftig sowohl ein Dorado für EWG-Agrarschmuggler als auch für gewiefte römische Konsumenten bleiben. Das einzige Kaufhaus ·der Papst-Stadt macht gute Umsätze. Tausende von Römern nutzen ihre Beziehungen zu Vatikan-Angestellten und leihen sich deren heligrünen Ausweis, um billig einkaufen zu können.

Preisbeispiel: Ein Pfund Butter kostet in der Stadt Rom 1000 Lire (5,90 Mark), im Vatikan hingegen nur 3,60 Mark. Die meisten gängigen Konsumgüter sind in der Città del Vaticano um ein Drittel billiger.

Auch beim Sprit können die Vatikaner sparen. Römer, die in der Katholiken-Enklave tanken, witzeln gern, sie führen den »guten Hirten« -- den »Bon Pastore« (BP). Und sie wandeln den Tiger-im-Tank-Slogan ah: »Pack den Priester in den Tank.«

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