Zur Ausgabe
Artikel 56 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GROSSBRITANNIEN Prinzessin Zuverlässig

Kate Middleton macht sich auf, das Haus Windsor zu schmücken: Sie ist gut erzogen, gebildet, hat sich unter Kontrolle - und eifert nicht dem Modell Diana nach.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Es war eine Szene, die so typisch ist für das moderne London, wie es Nebel und Tee mit Gurkensandwiches für das alte einmal waren: Jemand hatte mal wieder über Nacht die Parkordnung geändert, und als Kate Middleton morgens zur Arbeit fahren wollte, fand sie einen Strafzettel über umgerechnet 150 Euro an der Frontscheibe ihres blauen VW Golf.

Praktischerweise stand der Ordnungshüter nicht weit, aber als Middleton versuchte, den Irrtum zu erklären, erreichte sie lediglich, dass der Mann in der blauen Regenjacke ihr eine Abfuhr erteilte, den Kugelschreiber durch die Luft schwingend, als hielte er ein Zepter in der Hand.

Es gibt Leute, die würden in solchen Augenblicken der Demütigung ausrasten. Middleton dagegen zeigte keine Gefühlsregung, sie zog lediglich die steife Oberlippe, das Kennzeichen englischer Aristokratie in schweren Zeiten, ein wenig straffer. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand samt ihrem Golf.

Als die Fotos am nächsten Morgen in den großen Zeitungen gedruckt wurden, waren Middletons Landsleute überaus zufrieden. Dies war der Beweis, dass niemand im Vereinigten Königreich vor den verhassten Parkplatzwächtern sicher ist. Nicht nur die Untertanen Ihrer Majestät müssen sich mit ihnen herumschlagen, auch eine junge Dame kann es treffen, die bereits mit der Queen Tee getrunken hat und sich wohl mit deren Lieblingsenkel und potentiellen Thronfolger verloben wird.

Dieses Ereignis scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Darin sind sich die

zahlreichen professionellen Beobachter des Königshauses derart einig, dass sich ein Gang ins Wettbüro kaum noch lohnt. Bei Großbritanniens größtem Anbieter, William Hill, sind die Quoten in den letzten Wochen stark gesunken. Bei einer Verlobung in diesem Jahr steht der Kurs 4:5, bei einer Hochzeit 1:2. »Kate ist die neue Diana«, sagt William-Hill-Sprecher Rupert Adams. Trotz der geringen Gewinnchancen gingen die Wetten in Mengen ein.

Der Verfall der Kurse wurde ausgelöst durch Begebenheiten, die Windsor-Beobachter als untrügliche Zeichen deuten. So gab es Mitte Dezember große Aufregung, als Kate Middleton bei der Verabschiedung von Prinz William in der Militär-Akademie Sandhurst unweit der Queen Platz nehmen durfte. Sie wagte es sogar, einen roten Mantel samt schwarzem Hut zu tragen, beides Farben der Königin.

Groß war das öffentliche Interesse an diesem eigentlich drögen Truppenumzug. Das Privatfernsehen bestellte einen professionellen Lippenleser. Als der Prinz vorbeizog, fischte der Oralspezialist aus dem Mund von Middleton die Worte: »Ich liebe diese Uniform. Sie ist so sexy.«

Als Weihnachten nahte, überraschte die Queen die Freundin ihres Enkels mit einer Einladung auf Schloss Sandringham. Wieder hob Geschnatter an bei den Profi-Royalisten. Weder Diana noch Fergie, hieß es, sei ein ähnliches Privileg zuteil geworden. Als dann noch zehn Polizisten, gerufen von Williams Leibwächtern, die Blaublut-Aspirantin aus einem Nachtclub namens »Boujis« nach Hause begleiteten, sahen sich die Royal-Watcher vollends bestätigt. Wenn die Windsors die junge Dame derart intensiv an sich binden, muss ihr eine große Zukunft bevorstehen.

62 Prozent der Briten teilen inzwischen diese Auffassung, darunter die Grossisten des Kaufhauses Woolworth, die bereits Teller und Küchentücher produzieren lassen, auf denen die »Royal Marriage of William and Kate« gefeiert wird. Das Jahr 2007 steht schon drauf, nur das genaue Datum fehlt noch.

Nicht erstaunlich also, dass sich ganze Horden von Paparazzi an die dezent hohen Stiefelabsätze der Prinzessin in spe geheftet haben. Als Kate Middleton an ihrem 25. Geburtstag ihr Haus verlassen wollte, versperrten ihr 23 brüllende Fotoreporter und 4 Fernsehteams den Weg. Mit strahlender Contenance bahnte sie sich ihre Spur.

Im Land bildete sich seither eine Koalition der Empörten, die vom früheren konservativen Premier John Major bis zum linken Londoner Bürgermeister Ken Livingstone reicht. Major sprach vielen Briten aus der Seele: »Der Anblick der Fotografen erinnert mich auf unheimliche Weise an diejenigen, die nach dem Leben von Williams Mutter Diana trachteten.«

Ausgerechnet Großbritanniens wüstestes Boulevardblatt »The Sun« reihte sich daraufhin direkt in die Moralfront ein und gelobte, keine Paparazzi-Bilder mehr von Middleton zu drucken. Den Preisen scheint dies nichts anhaben zu können. Sie gehen steil himmelwärts. »Ein Foto von Miss Middleton - wie das beim Falschparken - ist jetzt 30 000 Euro wert«, sagt Trevor Adams von der Agentur Matrix.

Middleton verweigert weiterhin jede öffentliche Äußerung. Wenn es aber stimmt, was ihre Bekannten sagen, dann will sie vor allem eines - auf keinen Fall Diana beerben. Ihr Auftreten ist eher der herrschaftlichen Resolutheit einer Jackie Kennedy angelehnt, deren Maxime lautete: »Never explain, never complain« - »erklär dich nie, beschwer dich nie«.

Für die romantische Unsicherheit der Königin der Herzen hat Middleton offenbar nicht viel übrig - das zarte Erröten oder der berühmt schüchterne Augenaufschlag ist von ihr nicht zu bekommen.

Sie kennt das Spiel. Ihr robustes Selbstbewusstsein ist das Produkt zielstrebigen »Breedings« - eines Erziehungsprogramms, mit dem die obere britische Mittelschicht Rennpferde ebenso wie menschliche Nachkommen veredelt.

Die Eltern Middleton sind eine Ex-Stewardess und ein Airline-Angestellter, die es mit einem Partybedarf für Kinder zu millionenschwerem Wohlstand brachten. Im exquisiten Marlborough College soll Kate ein Bild von Prinz William zu ihren wichtigsten Schätzen gezählt haben.

Auf der St. Andrews Universität begegnete sie der Majestät im Wartestand dann vor vier Jahren persönlich. Als William zweifelte, ob er nach einem Jahr Kunstgeschichte das Studium hinwerfen sollte, überredete sie ihn, mit Geografie weiterzumachen. Ergebnis: Mit einer Note von 2,0 erzielte er den besten Familienabschluss aller Zeiten.

Auch Kate entpuppte sich nicht gerade als akademische Leuchte, aber sie war exzellent in Hockey und im Tennis, und ansonsten bestach sie, wenn es galt, anderen gute Ratschläge zu erteilen. »Du könntest dein Hemd ebenso gut in die Hose stecken«, soll sie gern gemahnt haben. Wenn am Jahresende die Zeugnisse verteilt wurden, kam sie manchmal gar nicht von der Bühne herunter - so viele Preise galt es einzusammeln für ihre Lieblingsdisziplin »exzellentes menschliches Betragen«.

Ein vorbildlicher Lebenswandel. Es schmückt sie auch ungemein, dass sie unter einer Art Alkohol-Allergie leiden soll und an einem langen Abend mit einem Glas Whisky-Cola bestens bedient ist.

Man kann die Direktoren an Großbritanniens privaten Bildungsinstituten regelrecht aufatmen hören, dass endlich wieder ein Vorbild in Mode kommt, das Werte wie Diskretion, Zuverlässigkeit und unkomplizierten Frohsinn verkörpert. Eine Lichtgestalt, weit weg von der teuren Vulgarität der Fußballerfrauen um Victoria Beckham und der anderen Kate (Moss), die vorige Woche ihren 33. Geburtstag, wenn man dem Boulevard glauben darf, ohne Unterwäsche im Dorchester Hotel feierte.

Es läuft also alles nach Plan für Prinzessin Zuverlässig, selbst wenn der Prinz einmal einen Reporter angeblafft hatte, er denke nicht daran, so schnell zu heiraten, frühestens mit 28 sei es so weit. Auch er wird sich fügen müssen, jenem ehernen britischen Gesetz, welches Dianas Schwester einmal formulierte, als Diana kurz vor der Trauung Zweifel kamen: »Pech gehabt, dein Gesicht ist schon auf den Geschirrtüchern.« THOMAS HÜETLIN

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.