Zur Ausgabe
Artikel 49 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NORDKOREA Prinzip Heimlichkeit

aus DER SPIEGEL 18/2004

Diktator Kim Jong Il, 62, erwies sich einmal mehr als überaus ängstlicher Medien-Stratege. Ähnlich wie bei seinen Staatsbesuchen setzt der Autor eines Lehrbuchs für schreibende Genossen ("Großer Führer für Journalisten") auch bei Katastrophen und Unfällen ganz auf das stalinistische Prinzip von Abschottung und Heimlichkeit. Zwar berichtete Nordkoreas staatliches Fernsehen vorigen Freitag mit fünftägiger Verspätung vom »herzlichen Empfang« beim Besuch des »lieben Führers« in Peking - doch über jene Zugkatastrophe, bei der durch die Explosion zweier mit Dynamit beladener Güterwaggons tags zuvor im Bahnhof von Ryongchon Hunderte Menschen getötet und zahllose weitere verletzt wurden, erfuhren Kims Untertanen zunächst kein Wort. Die Führung hatte zudem die internationalen Telefonleitungen zum Unglücksort gekappt. So wurde die übrige Welt durch die Medien Chinas wie des kapitalistischen Südkorea informiert - nachdem ein Spionagesatellit ein erstes Foto übermittelt hatte. Mehr als 24 Stunden später erst wandte sich Nordkorea an die Uno und internationale Hilfsorganisationen. In Zukunft könnte das Ausland Nordkoreas geheimniskrämerischen Herrscher noch seltener zu Gesicht bekommen als ohnehin: Denn Kim, der aus Angst vor dem Fliegen vornehmlich in gepanzerten Sonderzügen reist, dürfte nach dem jüngsten Unglück die Lust auf Bahnfahrten gründlich vergangen sein. Er hatte den Unglücksort, an dem die Güterwaggons in die Luft flogen, neun Stunden zuvor auf seiner Rückreise aus China passiert.

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.