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LEBENSMITTEL Prinzip Verdünnung

Bonns Gesundheitsminister Geißler hat eine Verordnung über Industrie-Schadstoffe in Lebensmitteln entwerfen lassen. Doch die vorgesehenen Grenzwerte schützen die Verbraucher nicht. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Die Aale kamen aus dem Ontariosee und wurden von westdeutschen Importeuren als Leckerbissen angepriesen. In den USA freilich hatten die Fische nicht verkauft, sondern lediglich für den Export gefangen werden dürfen - sie waren zu stark mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) verseucht, einem gefährlichen Umweltgift.

Für die Bundesrepublik hingegen, wo noch keine Grenzwerte für Industriechemikalien wie PCB festgelegt sind, wären die Fische gut genug gewesen. Daß die Aale schließlich doch vom Markt genommen wurden, lag allein daran, daß sie zufällig auch noch zu hohe Rückstände des Insektenvernichtungsmittels Mirex enthielten - und dafür war ein Höchstwert festgelegt.

Der Aal-Skandal erhellte 1982 schlaglichtartig eine Schwachstelle des westdeutschen Lebensmittelrechts: Es begrenzt nur die Rückstände von Insektengiften, Unkrautvertilgern oder Tierarzneien. Für die ebenso gefährlichen Industriechemikalien in Lebensmitteln aber fehlen Vorschriften über Höchstmengen - eine »erschreckende Lücke«, wie Hannelore und Henning Friege vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisieren; das Lebensmittelrecht, so die beiden Chemiker, sei »löchrig wie ein Schweizer Käse«.

Eine der Lücken will Gesundheitsminister Heiner Geißler jetzt schließen: Sein Ministerium hat eine »Schadstoff-Höchstmengenverordnung« erarbeitet, die eine »gesundheitliche Gefährdung« des Verbrauchers ausschließen soll. Begrenzen will das Ministerium vor allem den Gehalt an PCB in der Nahrung - einer Gruppe von 209 Verbindungen.

PCB werden als Kühlflüssigkeit und in Transformatoren verwendet. Sie dienen als Hydraulik-Öl im Bergbau und als Weichmacher in Kunststoffen. Sie sind in Lacken enthalten und auch im Altöl. Da bei Temperaturen zwischen 400 und 800 Grad Dioxine entstehen, darf dieses Öl nur in Spezialanlagen verbrannt werden - keinesfalls aber, wie kürzlich in Berlin aufgedeckt, mit normalem Heizöl gepanscht in einfachen Ölbrennern.

Im Jahre 1968 wurde offenbar, was die schwer brennbaren, wasserunlöslichen und außerordentlich dauerhaften Polychlorierten Biphenyle anrichten können. In Japan waren PCB aus einem durchgerosteten Kühlmantel in einen Reisöltank gesickert, mit verheerenden Folgen. Nach dem Verzehr des verseuchten Öls erlitten mehr als tausend Menschen Chlorakne, eine schmerzhafte Hautkrankheit. Mütter gebaren »schwarze Babys«, Kinder mit dunkler Hautfarbe. Später registrierten Mediziner bei PCB-Opfern schwere Schäden an Leber, Milz und Nieren sowie Krebserkrankungen.

Seit dem Jahre 1929, dem Beginn der kommerziellen Nutzung, ist rund eine Million Tonnen PCB produziert worden - und ein Großteil davon geistert noch immer durch die Umwelt. Lacke und Farben dunsten das Zeug aus; unter Tage gehen jährlich in der Bundesrepublik tausend Tonnen PCB-haltiges Hydraulik-Öl verloren, die über die Abluft, die Entwässerung oder die Kohle wieder in die Umwelt geraten.

Mitunter gelangen PCB auch durch Unfälle in den Boden, wie kürzlich auf der Autobahn bei Singen. Aus einem undichten Transformator waren 100 Liter PCB ausgeflossen; Stück für Stück wurde der Boden abgetragen. Oft landen alte Trafos auf ungeeigneten Müllkippen, und das PCB kann ungehindert ins Grundwasser sickern.

Vor allem Fische nehmen die ins Wasser ausgeschwemmten PCB auf, hochgradig belastet sind auch Hummer und Langusten. Nachgewiesen wurden PCB sogar in Margarine und in Milch. Da sich der Stoff, weil dauerhaft und gut fettlöslich, in den zum Menschen führenden Nahrungsketten anreichert, sind die PCB-Gehalte im Milchfett stillender Mütter besorgniserregend hoch - einer der Gründe dafür, daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1983 empfahl, nicht länger als drei Monate zu stillen.

Schon heute ist das Milchfett westdeutscher Mütter mit durchschnittlich 2,1 Milligramm PCB pro Kilogramm belastet, es wurden auch bereits Spitzenwerte von 15 Milligramm gemessen. Experimente an Rhesusaffen haben gezeigt, daß bereits bei 0,5 bis fünf Milligramm PCB im Milchfett das Immunsystem von Affenbabys gestört war.

Solche Studien, beanstandet der BUND, habe das Bundesgesundheitsamt »nicht berücksichtigt«, als es die Grenzwerte für die Geißler-Verordnung vorschlug. Die vorgesehenen Limits, meint Henning Friege, seien daher viel zu hoch: »Sie werden die Vergiftung der Muttermilch nicht stoppen und die Belastung der Nahrung nicht verringern.«

Eher dürfte die noch steigen. Denn das Amt hat mit der Verordnung frühere strengere Positionen aufgegeben.

Während die Behörde noch im Februar in einem gemeinsam mit dem Umweltbundesamt vorgelegten PCB-Bericht als höchste duldbare Tagesaufnahme ein millionstel Gramm PCB pro Kilogramm Körpergewicht vorgeschlagen hatte, bezeichnete sie im April die dreifache Menge als akzeptabel.

Nunmehr sind die Werte so gewählt, daß die Lebensmittelbranchen wenig Sorge haben müssen. Der Grenzwert für Milch liegt nahe an den höchsten gefundenen Werten, ähnlich dem für Fleisch und Eier. Das Amt erwartet denn auch lediglich eine »Beanstandungsquote« von »unter einem Prozent«.

Probleme, schreiben die Gesundheitsbürokraten, könnten allenfalls »bei Süßwasserfischen auftreten": »Möglicherweise werden damit auch Fische bestimmter Fanggebiete von der Vermarktung ausgeschlossen.«

Vermarktungsverbote würden jedoch nur den direkten Verzehr begrenzen. Denn die Verordnung enthält eine Vermischungsklausel, nach der belastete Nahrungsmittel so lange mit unbelasteten vermischt werden dürfen, bis die Höchstwerte unterschritten werden.

Konsequenz: Verseuchte Fische werden, zusammen mit weniger gifthaltigen, zu Fischmehl verarbeitet, das als Futtermittel verkauft werden darf: Die PCB-Belastung der Nahrung wird nicht abgebaut, sondern nur umverteilt - das Prinzip Verdünnung als umweltpolitische Scheinlösung.

Geißlers Verordnung, räumt denn auch ein beamteter PCB-Experte ein, diene »eher der Vermarktung als dem Schutz des Verbrauchers«.

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