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PRIVILEGIEN WIE IN EINEM FÜRSTENTUM

Seit acht Jahren beobachtet und beschreibt Joachim Nawrocki, 33, Wirtschaftskorrespondent der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« in Berlin, die wirtschaftliche und politische Entwicklung in der DDR. Seine Erfahrungen im Umgang mit Bürgern und Funktionären im Osten Deutschlands hat er jetzt unter dem Titel »Das geplante Wunder-Leben und Wirtschatten im anderen Deutschland« (Christian Wegner Verlag, Hamburg; 292 Seiten; 22 Mark) in einem Buch zusammengefaßt. Nawrockis Bericht ist folgender Auszug entnommen.
aus DER SPIEGEL 40/1967

»Es gibt eine neue Schicht von reichen Leuten in der »DDR«. Manfred von Ardenne hat ein »offenes Konto«, Karl-Eduard von Schnitzler fährt mit Vorliebe teuere westliche Autos, der Ost-Berliner Generalmusikdirektor Suitner hat ein Monatseinkommen von etwa 30 000 Ostmark, der SED-Professor Albert Norden kaufte wertvolle Briefmarken bei dem aus der »DDR« nach Frankfurt am Main abgewanderten Auktionator Hartmut Schwenn, Walter Ulbricht und seine engsten Mitarbeiter haben sich ein kostspieliges Villenviertel in Wandlitz errichtet, umzäunt und bewacht.

Das ist die neue Oberschicht in Ostdeutschland; nicht unbedingt eine neue Klasse, dazu ist sie zu heterogen, aber eine Gruppe, die von der übrigen Bevölkerung abgesondert lebt, in besonderen, exklusiven Wohnvierteln oder Appartementhäusern, mit eigenen Klubs und Einkaufsmöglichkeiten und einer Reihe von anderen Privilegien. Wissenschaftler gehören zu dieser Gruppe, einzelne Ärzte, Künstler, einige wenige Spitzenjournalisten und die oberste Schicht der Funktionärshierarchie ...

Wer heute ein gutes Leben führt in der »DDR«, wer auch nach westlichen Begriffen wohlhabend ist, der kann sich meist nicht auf ein großes Vermögen, sondern auf ein hohes Einkommen und auf Privilegien stützen. Die großen Reichtümer sind vergangen ...

So gibt es aus den Zeiten des alten Reichtums eigentlich nur noch einige sehr alt gewordene Witwen, die ihre ehemaligen Herrschaftsvillen untervermieten und die als Reserve noch etwas wertvollen Schmuck haben, der ihnen wenigstens einen Abglanz ihres früheren Lebens ermöglicht. Wird das Geld einmal knapp, dann brechen sie aus einem kostbaren Kollier einen nicht zu kleinen Brillanten und verkaufen ihn illegal über Vermittler für zehn- oder zwanzigtausend Mark. Abnehmer zu finden ist nicht allzu schwer, wenn man Leben und Leute kennt. Ein Schlächter etwa, der Silberhochzeit feiert, ein Zahnarzt, ein freier Graphiker -- es gibt schon noch welche, die sich eine solche Ausgabe leisten können.

Doch bilden die Großverdiener eine äußerst dünne Schicht im anderen Deutschland. Wirtschaftsführer, die in Westdeutschland Spitzeneinkommen erzielen, werden in Ostdeutschland vergleichsweise bescheiden bezahlt. Der Betriebsleiter eines mittleren Werkes erhält 1300, 1500 oder höchstens 1800 Mark im Monat. Die Direktoren der größten »Kombinate« wie Eisenhüttenstadt, Schwarze Pumpe oder Leuna erreichen Gehälter bis zu 5000 Mark. Das ist für ostdeutsche Verhältnisse schon sehr viel, steht aber in keinem Verhältnis zur Verantwortung und Arbeitslast, die der Chef von vielen tausend Beschäftigten und Leiter einer Milliardenproduktion nun einmal hat.

Prämien können das Einkommen allerdings erheblich aufbessern; der Leiter eines gut arbeitenden Werkes mit knapp 2000 Beschäftigten bekommt allein 6000 Mark Prämie je Vierteljahr; eine Putzfrau im gleichen Betrieb aber nur 35 Mark. Minister verdienen kaum mehr als die Werkleiter in der »DDR«, etwa 4000 bis 5000 Mark einschließlich einer nicht sehr üppigen Aufwandsentschädigung.

Daneben genießen die Spitzen in Wirtschaft und Staat aber den in Ostdeutschland unschätzbaren Vorteil, daß sie sich nicht mit Mängeln und Versorgungslücken plagen müssen, daß sie Waren, die zwar vorhanden, aber nicht greifbar sind, ohne Schwierigkeiten bevorzugt geliefert bekommen.

Die meisten Ministerien haben besondere Einkaufsmöglichkeiten, in der Kantine oder Im Kellergeschoß, und dort ist die Auswahl größer und reichhaltiger als in den jedermann zugänglichen Einzelhandeisgeschäften. Für besonders Bevorrechtigte gibt es ein Sonderkontor, bei dem Waren aus der Exportproduktion der »DDR« und Importe aus westlichen Ländern, Parfüms, Bekleidung, Getränke, Möbel oder Kraftfahrzeuge bestellt werden können.

Es gibt auch noch zwei andere Möglichkeiten, zu Autos und anderen westlichen Waren zu kommen. Wissenschaftler und Schriftsteller, deren Arbeiten mit offizieller Billigung in westlichen Ländern erscheinen, können einen Teil der entstehenden Deviseneinkommen für den eigenen Bedarf, das heißt für den Erwerb von Importerzeugnissen verwenden. Außerdem hört man von Leuten, die sich das, was sie brauchen, einfach aus dem Westen »schenken« lassen, bezahlt von reichen Verwandten oder -- was wahrscheinlicher ist -- vom Konto einer westdeutschen Bank, das sich der so Beschenkte in den Jahren vor dem 13. August 1961 selber angelegt hat.

Auf diese Weise etwa kommt ein Modearzt in Ost-Berlin oder ein Schauspieler zum neuesten Opel Admiral und zu anderen schönen Dingen. Ärzte von Rang und Künstler, die etwas können, dürfen sich allerhand erlauben, was anderen verwehrt bleibt ...

Besonders viel Geld läßt sich der Staat seine Wissenschaftler und Künstler kosten. Wie ein absolutistisches Fürstentum hat er versucht, sich mit dem Glanz prominenter Namen zu umgeben, und hat entsprechend dafür bezahlt. Diese Leute haben alle Freiheiten und unterliegen auch nur selten irgendwelchen Reisebeschränkungen.

Sie beziehen Monatssalärs von 20 000, in Einzelfällen 30 000 Mark, und die crème de la crème hat ein sogenanntes »offenes Konto«, das sie nach Bedarf durch Abhebungen oder Überweisungen belasten kann. Wer dem ostdeutschen Establishment zugehört, pflegt Geselligkeit in feudalen Klubs, von denen der in Dresden, dem der Physiker Manfred von Ardenne präsidiert, der bekannteste ist.

Der »Dresdner Club« residiert im Lingner-Schlößchen auf dem Weißen Hirsch und wird geleitet von einer adligen Dame. In vornehm gedämpfter Atmosphäre bedienen Kellner im Frack, man kann erlesen essen und trinken, man kann ungeniert Bücher und Zeitungen aus dem Westen lesen. Gäste können dort wohnen und Feste gefeiert werden. Man ist unter sich und möchte es auch bleiben ...

Die armen Leute in der »DDR« sind die alten Leute. Wer in Lohn und Brot steht in Ostdeutschland, hat sein Einkommen und sein Auskommen ... Den Rentnern dagegen geht es teilweise erbärmlich.

Etwa drei Viertel aller Rentner in Ostdeutschland müssen mit weniger als 200 Mark monatlich auskommen; wer 300 Mark oder mehr Rente bezieht, kann sich glücklich schätzen. Zwar gibt es auch in der Bundesrepublik eine große Zahl von niedrigen Renten, die zum Teil sogar noch niedriger sind als die Mindestrenten in der »DDR«, doch werden Renten, die unter dem Existenzminimum liegen, durch Fürsorgeleistungen wieder aufgebessert. Wer die Mindestrente in der »DDR« bekommt, kann allenfalls noch auf Zuwendungen von privater Seite hoffen, auf Verwandte oder Bekannte, die zusätzliche Unterstützung gewähren.

Eine solche private Unterstützung bekommt die Rentnerin, mit der wir uns in Ost-Berlin unterhalten. Sie ist 1953 durch eine Krankheit vorzeitig arbeitsunfähig geworden und bekam zunächst eine Invalidenrente von 55 Mark, mit der sie nur auskam, weil sie damals noch bei ihrer Tochter wohnte. Erst zwei Jahre später, als sie sechzig wurde, erhielt sie die Mindest-Altersrente, die auch noch niedrig genug war.

Inzwischen ist diese Mindestrente einige Male erhöht worden, aber nur jeweils um ein paar Mark. Die letzte Erhöhung war vor drei Jahren; damals wurde die Mindestrente von 127 Mark auf 132 Mark im Monat heraufgesetzt. Das entspricht, nach westlichem Standard, einer Kaufkraft von etwa 140 Mark, denn gerade die Dinge, die Haushalte mit niedrigsten Einkommen bezahlen müssen, sind in der »DDR« im Durchschnitt etwas billiger als in der Bundesrepublik.

Damit könnte unsere Gesprächspartnerin wohl nicht auskommen, zumal es ihr gelungen ist, eine kleine Einzimmerwohnung in einem Neubau zu bekommen. Ihre Tochter hat dabei geholfen, sie ist Mitglied einer der Satellitenparteien und »gesellschaftlich tätig«, da hat man mancherlei Beziehungen, ohne die eine Wohnung in einem Neubau schwer zu haben ist, wenn man nicht gerade als »Härtefall« gilt oder außergewöhnlich hartnäckig ist.

Die alte Dame, mit der wir sprechen, hatte ein Zimmer bei ihrer Tochter und hätte unter normalen Umständen keine eigene Wohnung bekommen können. Seit sechs Jahren wohnt sie nun in dem fünfgeschossigen Neubau, auf jedem Stockwerk sind fünf Einzimmerwohnungen. Das Wohnzimmer hat eine Fläche von 19 Quadratmetern, hinzu kommt eine Einbauküche, ein Bad mit Duschecke, ein Korridor mit einem eingebauten Kleiderschrank und ein Balkon. Die ganze Wohnung ist etwa 30 Quadratmeter groß und kostet 47 Mark Miete. Die Wohnung der Tochter, die drei Zimmer mit Zentralheizung hat, kostet übrigens 83 Mark.

Ihre neue Einzimmerwohnung könnte unsere alte Dame von ihrer Rente allein natürlich nicht bezahlen. Von ihrer Tochter bekommt sie aber noch einen monatlichen Zuschuß von 80 Mark. Dafür hilft sie jeden zweiten Tag im Haushalt der Tochter, denn diese ist ebenso wie der Schwiegersohn berufstätig ... Für neue Möbel reicht die Rente nicht; auch für neue Kleidung nur in Ausnahmefällen.

Mit dem Zuschuß der Tochter stehen monatlich 212 Mark zur Verfügung. Seit der letzten Rentenerhöhung werden davon fünf Mark gespart, damit man zu Weihnachten und zu den Geburtstagen eine Kleinigkeit schenken kann. Nach dem Abzug der Miete bleiben dann 160 Mark im Monat. Für die Ernährung rechnet die alte Dame vier Mark je Tag, also 120 Mark im Monat, doch läßt sich dieser Mindestbetrag nicht immer einhalten. Von den restlichen 40 Mark werden für einen Friseurbesuch 4,75 Mark und für Fußpflege, die aus gesundheitlichen Gründen nötig ist, drei Mark aufgewendet. Für Gas und Strom wird eine Monatspauschale von 7,50 Mark ausgegeben ...

Übrig bleiben dann schließlich nur noch etwa zwanzig Mark, von denen alle anderen Ausgaben wie Käufe von Reinigungsmitteln, Kinobesuche, Fahrgelder und gelegentlich ein Paar der teuren Strümpfe bezahlt werden müssen. Die Zeitung bekommt sie abends von der Nachbarin durchgesteckt. Rundfunkgebühren brauchen Rentner in der »DDR« nicht zu zahlen ...

Was kann man sich leisten, wenn nicht mehr als vier Mark für die tägliche Ernährung zur Verfügung stehen? »Hungern muß ich nicht, da müßte ich schon lügen«, sagt die alte Dame. »Wenn man einteilen und rechnen kann, kommt man schon hin. Wir alten Leute essen ja nicht so viel.« Für die Butter aufs Brot reicht es schon, für Bohnenkaffee aber nur selten. Man muß in Ost-Berlin übrigens nicht mehr zum Butterkauf bei seinem Händler eingetragen sein (in Leipzig gibt es das noch).

Nur beim Fleischer ist sie eingetragen, sie hat eine Nummer, und wenn diese Nummer dran ist, kann sie zweihundert Gramm Leber kaufen -- etwa alle drei Monate einmal. Leber ist nämlich knapp und begehrt in der ganzen »DDR«, sie wird vorwiegend zu Wurst verarbeitet und für Krankenhaus-, Schulspeisungs- und Betriebsküchen bereitgestellt; für den Normalverbraucher bleibt wenig übrig.

Der Lebermangel in Ostdeutschland ist so sprichwörtlich wie unerklärlich, so daß man gelegentlich erzählt bekommt, die fortschrittlichste landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft wolle jetzt Rinder und Schweine züchten, die auch eine Leber haben.

»Aber sonst kriegen wir alles«, sagt die Rentnerin, die trotz ihrer knappen Kasse ganz zufrieden zu sein scheint. Schließlich müssen viele Rentner mit sehr viel weniger Geld auskommen; andere bekommen allerdings auch mehr. Die höchste Rente unter ihren Bekannten erhält eine frühere Angestellte der Post, die seit ihrer Schulentlassung gearbeitet und Beiträge für die Rentenversicherung bezahlt hat. Vom einundsechzigsten Lebensjahr an bekam sie ihre knapp 200 Mark Altersrente, obwohl sie zunächst noch weitergearbeitet hat, denn der Anspruch auf die Rente besteht in jedem Fall. Seit sie nicht mehr arbeitet, kommt noch eine Rente von der Post hinzu; beide Renten zusammen ergeben jetzt immerhin rund 330 Mark.

Höhere Renten bekommen nur Ärzte, Wissenschaftler, Lehrer, Ingenieure -- kurz: die »Intelligenzler«, denen eine »Intelligenzrente« von 60 bis 80 Prozent ihres letzten Gehaltes zusteht. Wer zur Freude der Partei »gesellschaftlich tätig« war, kann sein Altersgeld außerdem durch eine »Ehrenrente« aufbessern, wie eine andere Bekannte unserer Gesprächspartnerin« die bei der SED-Kreisleitung eine kleine Angestellte war, allerdings Zugang zu vertraulichen Informationen hatte und entsprechend linientreu sein mußte. Ihr gesellschaftliches Bewußtsein zahlt sich jetzt in einer zusätzlichen Parteirente von monatlich 100 Mark aus.

Hat sie Verwandte im Westen, unsere Rentnerin, fährt sie manchmal rüber, seit sie darf? »O ja, jedes Jahr einmal«, Verwandte finden sich immer. Und für die fünfzig Westmark, .die beispielsweise der Berliner Senat jedem nach West-Berlin zu Besuch kommenden Rentner als Taschengeld zahlt, kann man sich eine Strickjacke oder ein Kleid kaufen. (In anderen Städten der Bundesrepublik gibt es weniger als 50 Mark, in manchen aber auch mehr.) ...

Der Gedanke, im Westen zu bleiben, ist unserer Rentnerin nie gekommen, sie hat ihre Tochter in Ost-Berlin, ihre Wohnung, und schließlich lassen sich alte Menschen ungern noch verpflanzen.

Der SED-Staat läßt die »Omas und Opas ohne Wert für die Produktion«... nicht nur laufen, er läßt sie auch in Ruhe. Eine Hausgemeinschaft, erzählt unsere Rentnerin, gibt es nicht einmal in Ansätzen. Versammlungen oder Belehrungen an der Haustür hat sie nie erlebt. Und selbst am Wahlsonntag« wenn der Gang zur Wahlurne Pflicht, eine Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten aber unmöglich ist, kommt niemand, der die Bewohner des Hauses auffordert, zu Ehren irgendeiner guten Sache gemeinschaftlich und möglichst am Vormittag den Stimmzettel einzuwerfen.

Joachim Nawrocki
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