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OSTPOLITIK Probefall Tito

aus DER SPIEGEL 42/1957

Am Dienstagabend vergangener Woche waren Bundesaußenminister Heinrich von Brentano und die Spitzen seines Amtes im Bonner Presseklub zu Gast. Die Diplomaten und die Zeitungsleute hatten sich nach einem reichhaltigen kalten Büfett gerade in kleinen Gruppen zusammengesetzt, um ein politisches Gespräch zu beginnen, als der persönliche Referent Brentanos, der Legationsrat erster Klasse Peter Limbourg, plötzlich von Tisch zu Tisch eilte: »Botschafter Pfleiderer ist gestorben. Der Minister geht.«

Die fröhliche Runde verwandelte sich schnell in eine Trauergemeinde. Heinrich von Brentano nahm die zahlreichen Beileidsäußerungen zum Tode des deutschen Botschafters in Belgrad entgegen und verschwand. Staatssekretär Hallstein und die Direktoren des Außenamtes folgten stehenden Fußes, die Gastgeber blieben unter sich zurück. Ihre Hoffnung, an diesem Abend etwas über die Aktivierung der deutschen Ostpolitik zu erfahren, von der seit den Wahlen soviel gemunkelt wurde, war zerronnen.

Es ist nun wahrscheinlich, daß auch in Zukunft nicht mehr viel von einer Aktivierung der deutschen Ostpolitik zu hören sein wird. Karl Georg Pfleiderer war nämlich der gewichtigste Förderer von Bestrebungen im Auswärtigen Amt, diplomatische Beziehungen zu den Ostblockstaaten aufzunehmen.

Schon 1954 hatte Pfleiderer derartiges gefordert. Er glaubte, daß für Bonn der Weg zur deutschen Einheit über Warschau führe, nachdem die Pariser Verträge eine schnelle Wiedervereinigung unmöglich gemacht hätten. Solche Ansichten hatte er noch in den vergangenen Wochen in der Bundeshauptstadt immer wieder vertreten, und selbst Kanzler Adenauer hatte ihm interessiert zugehört.

Pfleiderer war zur Berichterstattung nach Bonn beordert worden, weil der jugoslawische Staatschef Tito Mitte September während des Gomulka-Besuchs in Belgrad die Oder-Neiße-Linie als »Friedensgrenze« anerkannt und ein Kommuniqué unterzeichnet hatte, in dem es heißt, »daß die Lösung der Frage der Vereinigung Deutschlands von der Tatsache ausgehen muß, daß zwei deutsche Staaten bestehen«. Der Botschafter Pfleiderer hatte seiner Zentrale berichten müssen, es sei damit zu rechnen, daß Jugoslawien in Kürze diplomatische Beziehungen zur »DDR« aufnehmen werde.

Pfleiderer meinte auch Titos Gründe für diesen Schritt zu kennen: Der jugoslawische Staatschef wolle sowohl Chruschtschew als auch Gomulka in ihrem Kampf gegen die Stalinisten in den eigenen Reihen unterstützen. Tito werde dabei - meinte Pfleiderer - heimlich von den Westmächten ermutigt, denen die Entwicklung im Ostblock wichtiger sei als der deutsche Anspruch auf die Gebiete ostwärts der Oder -Neiße-Linie.

Die führenden Leute im Bonner Außenamt, allen voran Staatssekretär Hallstein, glaubten jedoch Pfleiderers Prophezeiungen nicht. Sie hoffen immer noch, daß man Tito von einer offiziellen Anerkennung der »DDR« abhalten könne. Aber selbst hohe amerikanische Diplomaten in Bonn sind bereit, Wetten darüber abzuschließen, daß Jugoslawien noch vor Weihnachten Beziehungen zu Pankow aufnehmen wird.

Damit aber wäre einer der Grundpfeiler der westdeutschen Außenpolitik zusammengestürzt. Denn erklärtes Ziel der Bonner Diplomatie ist, die Sowjetzone von allen diplomatischen Verbindungen zu Ländern abzuschneiden, die nicht zum sowjetischen Machtbereich gehören.

Bonn hat dieses Ziel bisher mit der massiven Drohung erreichen können, es werde die diplomatischen Beziehungen zu jedem Staat abbrechen, der Pankow anerkennt.

Sollte Tito nun aus dieser Boykott-Front ausscheren, dann müßte die Bundesregierung ihre Drohung entweder wahrmachen und die Beziehungen zu Jugoslawien abrechen, oder sie stände als Großsprecher da, der seine Drohungen nicht wahrmachen kann, was andere Staaten wie Syrien und Ägypten, vielleicht aber auch Indien und Schweden, ermuntern könnte, bald dem jugoslawischen Beispiel zu folgen.

Botschafter Pfleiderer meinte nun, daß man diese Boykott-Politik auf die Dauer nicht aufrechterhalten könne, wenn man sich nicht selber blockieren wolle. Er hatte deshalb im Einvernehmen mit dem Leiter der Länderabteilung des Auswärtigen Amtes, Freiherrn von Welck, vorgeschlagen, die Flucht nach vorn zu ergreifen und selber diplomatische Beziehungen mit einem Land aufzunehmen, das schon Beziehungen zur »DDR« hat - nämlich mit Polen -, auch wenn dadurch einigen anderen Staaten der Vorwand geliefert würde, die »DDR« anzuerkennen.

In zahlreichen Aufzeichnungen hatten diese Protagonisten einer aktiven deutschen Ostpolitik ihren Standpunkt begründet: Sie versprechen sich von Beziehungen zu Polen einen Einfluß auf die Entwicklung im Satellitenbereich; die Atmosphäre zwischen Bonn und Warschau könnte verbessert werden, und das polnische Unabhängigkeitsstreben gegenüber Moskau würde unterstützt.

Diese Argumente haben auch außerhalb des Amtes gewirkt. Sogar der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Dr. Hans Globke, meint heute, daß man die »DDR« nicht auf unbegrenzte Zeit in der Isolierung halten könne, und Konrad Adenauer machte schon gleich nach den Bundestagswahlen versteckte Andeutungen über seine Absicht, im Osten etwas zu unternehmen.

Die Träger der bisherigen Boykott-Politik - Außenminister von Brentano, Staatssekretär Hallstein, Professor Grewe - sind nun dabei, ihren Standpunkt hart zu verteidigen. In voluminösen Denkschriften weisen sie darauf hin, daß man gerade um der deutschen Einheit willen die Tür zu einer Anerkennung Pankows nicht öffnen dürfe.

Anderenfalls bestehe die Gefahr, daß die Weltöffentlichkeit sich immer mehr mit der Existenz zweier deutscher Staaten abfände. Grewe fügt hinzu: »Mit der Entsendung eines Botschafters allein ist nichts getan, wenn die internationale Lage es nicht zuläßt, daß ein solcher Botschafter die Politik des Landes, in dem er wirkt, wesentlich beeinflussen kann. Das hat sich ja auch im Falle Pfleiderers gezeigt.«

Professor Grewe schlägt vor, daß in Warschau und anderen Satelliten-Hauptstädten Wirtschaftsmissionen errichtet werden. Die polnische Regierung hat jedoch erklärt, daß sie damit heute nicht mehr zufrieden sei, sondern volle diplomatische Beziehungen wünsche. Im vergangenen Jahr hätte Polen noch eine Wirtschaftsmission akzeptiert. Aber das Auswärtige Amt verpaßte die Gelegenheit.

Die letzte Entscheidung über die Richtungskämpfe im Außenamt hat sich Kanzler Adenauer selber vorbehalten. Die Gegner und die Befürworter einer aktiven Ostpolitik unter den Bonner Diplomaten befürchten aber, daß sich Konrad Adenauer und Heinrich von Brentano mit Halbheiten zufriedengeben werden: Die Bundesregierung werde weder diplomatische Beziehungen zu Polen aufnehmen noch die diplomatischen Beziehungen zu Jugoslawien abbrechen, wenn Tito die »DDR« anerkennen sollte.

Botschafter Pfleiderer (gest.), Minister von Brentano: Wie lange ist Pankow zu boykottieren?

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