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Problem mit der Null

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aus DER SPIEGEL 1/1985

Mit einer pompösen 2000-Jahr-Feier will die jahrelang als Bundesdorf verspottete Bundeshauptstadt Bonn sich und aller Welt beweisen, daß sie schon zur Römerzeit Bedeutung hatte.

Nach den Plänen der Stadtverwaltung soll alles, was zur Zeit in Bonn an Großartigem geplant oder im Bau ist, im Jubeljahr 1989 feierlich eingeweiht und eröffnet werden: Kunstmuseum und Kulturzentrum, eine neue Eisenbahnüberführung und ein Skulpturenpark im Stadtgarten, schließlich ein Jachthafen am Rhein und eine neue Promenade.

Außerdem wollen Rat und Verwaltung die Bonner Bürger mit allerlei Schnickschnack erfreuen. Geplant sind ein römisches Wagenrennen vor dem barocken Poppelsdorfer Schloß, Ringkämpfe nach Gladiatorenart, allerdings ohne Löwen, und schließlich - Höhepunkt der Show - eine Sitzung des Stadtrats, bei der die Stadtverordneten als Römer verkleidet auftreten. Die amtsinternen Rathausplanungen haben den Argwohn der oppositionellen Grünen geweckt. Die rechneten nämlich nach und kamen zu dem Ergebnis, daß Bonn eigentlich erst im Jahr 1990, nicht aber im Kommunalwahljahr 1989 den 2000. Geburtstag feiern könnte.

Grundlage der Berechnung, von der die Historiker ausgehen, ist der Zeitraum 13 bis 9 vor Christus. In dieser Zeit führte der römische Feldherr Nero Claudius Drusus einen Feldzug gegen die Germanen und baute - einem Bericht des Geschichtsschreibers Lucius Annaeus Florus zufolge - in Bonn eine Brücke. Mangels weiterer Beweise legten die Bonner das Entstehungsdatum ihrer Stadt kurzerhand zwischen 13 und 9 - also auf 11 vor Christus fest.

Bei der Berechnung des Jubiläumsjahres machten sie aber einen Fehler: Sie zählten das Jahr Null mit, das es in der Zeitrechnung nicht gibt. Grünen-Stadtrat Bernhard Meyer ("Wer im Jahr eins vor Christus geboren wird, ist im Jahr eins nach Christus nicht zwei, sondern ein Jahr alt") konnte die Stadtväter zwar von der Logik seiner Berechnungen überzeugen. Der Mathematik zum Trotz aber bleibt es beim wahlträchtigen Jubiläumsjahr 1989. »Denn alle Planungen«, weiß Stadt-Sprecher Friedel Frechen, »sind auf dieses Jahr ausgerichtet.«

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