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EINBÜRGERUNG Professor Hitler

aus DER SPIEGEL 40/1961

Die Braunhemd-»Masse im Berliner Sportpalast rumorte, und der kleine Paul Joseph Goebbels strahlte. Er hatte seinen Scharen soeben - am 22. Februar 1932 - die frohe Botschaft übermittelt, der Führer werde bei der bevorstehenden Wahl des Reichspräsidenten als Kandidat der Nationalsozialisten auftreten. Goebbels: »Das Gewölbe droht zu brechen ... Die Menschen lachen und weinen durcheinander.«

Der Taumel-Spuk im Sportpalast - später regelmäßig inszeniert, aber 1932 noch ein Ereignis - fiel derart' hektisch aus, weil der höchste Hakenkreuzler die Geduld seiner Gefolgsleute auf eine harte Probe gestellt hatte: Erst wenige Tage vor Listenschluß und drei Wochen vor der Wahl vom 13. März 1932 ließ Hitler seinen Entschluß zu kandidieren durch Goebbels ausposaunen.

Während man bislang glaubte, der große Führer habe so lange nachsinnen müssen, ob er es verantworten könne, mit dem deutschen Weltkriegs-Denkmal Hindenburg um die Präsidentschaft zu ringen*, fand ein Amateur-Historiker jetzt eine näherliegende Erklärung für Hitlers Zögern: Der zugereiste Österreicher, der deutscher Reichspräsident werden wollte, besaß noch nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, sondern mußte zunächst einmal eingebürgert - naturalisiert - werden. Erst dann konnte der Marsch in die Zukunft beginnen.

Der Braunschweiger Studienrat Dr. Ernst-August Roloff stellte aus den Privatpapieren seines Vaters, des deutschnationalen Professors Roloff, eine - demnächst erscheinende - Dokumentation über das braune Braunschweig und die Einbürgerung des Adolf Hitler zusammen**.

Da der NS-Mensch, als notorischer Revoluzzer verschrieen, nicht darauf rechnen konnte, daß ein formeller Einbürgerungs-Antrag die notwendige Zustimmung der Länder - vor allem Bayerns, wo Hitler 1923 vergebens geputscht hatte - finden würde, blieb nur eine Chance: Der einstige Anstreicher aus Braunau mußte irgendwo Beamter werden. Mit der Bestallungs-Urkunde konnte er automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen.

Allein im Land Braunschweig aber hatte sich 1932 ein Nationalsozialist in

ein Ministeramt vorgepirscht, dem, es möglich war, den Ausländer Hitler zum Staatsdiener zu machen: Der Alte Kämpfer Dietrich Klagges, wegen- seiner NS-Aktivität als Mittelschul-Konrektor im Harz abgesetzt, war Ende, 1931 in eine Koalitionsregierung mit den Bürgerlichen eingetreten.

Einer der wichtigsten Partei-Aufträge, die NS-Klagges erhielt, datierte vom 2. Februar 1932. Der Minister sollte Hitler zum - Professor an, der Braunschweiger Technischen -Hochschule Carolo-Wilhelmina ernennen, den Plan aber zunächst vertraulich behandeln.

Schon Mitte Februar 1932 legte Klagges eine Aktennotiz des Inhalts an: Mit Rücksicht auf die politische Bildung des heranwachsenden Geschlechts« sei es »dringend erforderlich, daß die TH-Studierenden mit den »Grundfragen der Nationalpolitik« vertraut gemacht würden.

Daher beabsichtige er, Klagges, eine Persönlichkeit »die sich ... in einer führenden politischen Stellung bewährt hat«, an die Braunschweiger Hochschule zu berufen. Man habe ihm mitgeteilt, so schloß Klagges, »daß Herr Schriftsteller Adolf Hitler, München, Prinzregentenplatz 16, 2. Stock«, bereit sei, dem Ruf zu folgen.

Hitlers besondere »Qualifikation« für das politische Ordinariat sah der NSMinister darin, daß der Kandidat sich durch sein grundsätzliches politisches Werk »Mein Kampf« als »wissenschaftlicher Schriftsteiler« und Pädagoge ausgewiesen habe.

Zunächst mußte Klagges aber die Zustimmung der bürgerlichen Koalitionspartner einholen. Die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP) unter Brandes war grundsätzlich bereit, bei der Einbürgerung des Schriftstellers Hitler mitzuwirken.

Schrieb DVP-Brandes an seinen Reichsvorsitzenden Dingeldey: »Ich hoffe, mit Ihnen einig zu gehen, daß

man eine Einbürgerung Hitlers auf völlig legalem Wege auch von uns aus befürworten sollte.«

Die führenden Männer der rechten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) hingegen hatte Hitler schon vorher persönlich bearbeitet. In einer schriftlichen Nötigung gegenüber dem DNVP-Chef Hugenberg machte er die Mitwirkung in der von Hugenberg inspirierten »Harzburger Front«, die alle rechtsstehenden Feinde der Weimarer Republik sammeln sollte, vom loyalen Verhalten der DNVP in Braunschweig abhängig. Hugenberg willigte ein.

Aber der Hugenberg-Ableger im Braunschweiger Landtag, Roloff senior, war »als Hochschulpolitiker nicht bereit, den berufslosen Parteipolitiker Hitler als akademischen Kollegen zu akzeptieren«. Das Projekt scheiterte, und dem braunschweigischen wie dem deutschen Volk blieb auf diese Weise wenigstens der Professor Hitler erspart.

Der deutschnationale Minister Küchenthal, der von Hitlers staatsbürgerlichen Qualitäten überzeugter war als sein Parteifreund Roloff, sann auf andere Einbürgerungs-Möglichkeiten: Er ließ dem Möchtegern-Beamten die gerade freigewordene Bürgermeisterstelle in Stadtoldendorf (Weserbergland) anbieten.

Ein derart rangniederes Amt entsprach jedoch ebensowenig dem Prestigebedürfnis des NS-Parteiführers wie der ihm kurz zuvor angetragene Posten eines Gendarmerie-Kommissars, den ihm Freunde ich thüringischen Hildburghausen freihalten wollten. Die Naturalisierung des Landfremden kam nicht voran.

Der Reichstag verwarf schließlich auch einen Gesetzentwurf der DVP, allen Ausländern, die im Weltkrieg fürs deutsche Vaterland gekämpft hatten, die deutsche Nationalität zu schenken: Die Vorlage war zu offensichtlich auf den Gefreiten Hitler gemünzt. Jetzt schaltete sich die Parteileitung der NSDAP direkt ein.

Hitler schickte seinen Rechtsberater, den späteren Reichsminister und Polen-Gouverneur Hans Frank, nach Braunschweig, um die bürgerlichen Wahlhelfer zur Eile anzutreiben. NS-Landtagspräsident Ernst Zörner vermittelte dem Frank für den Abend des 21. Februar. 1932 eine Begegnung mit dem Kaffeekaufmann Carl Heimbs (..Heimbs-Kaffee - freischwebend im Heißluftstrom geröstet"), heute Träger des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik und Ehrenpräsident der Braunschweiger Industrie- und Handelskammer, im exklusiven Braunschweiger Parkhotel.

Laut Roloff billigte Heimbs bei dieser Gelegenheit die Einbürgerungspläne, nachdem Frank in Aussicht gestellt habe, Hitler werde der »schwer kämpfenden braunschweigischen Industrie lebensrettende Aufträge vermitteln«.

Der DVP-Abgeordnete Dr. Wessel, der wie Kaffee-Heimbs in Braunschweigs Industrie eine führende Rolle spielte, kam auf den rettenden Gedanken: Hitler könne in der Braunschweigischen Gesandtschaft beim Reichsrat - der Vertretung der Länder - in Berlin die Stelle eines Regierungsrats erhalten. Diese Lösung habe den Vorzug, daß Parteistratege Hitler seinen Dienst nicht in Braunschweig zu tun brauche und trotzdem keine Scheinstelle« bekleide.

Während Roloffs Deutschnationale diesem Plan vorbehaltlos zustimmten, machte die DVP plötzlich zur Bedingung, Hitler dürfe nur Regierungsrat werden, »wenn die Ausübung des Amts« und nicht etwa die Einbürgerung das

Ziel sei. Obwohl die DVPler sich über Hitlers Manöver im klaren waren, wollten sie mit dem formellen Vorbehalt, sie unterstützten kein Scheingeschäft, ihre angebliche Gutgläubigkeit demonstrieren.

Unter diesen Bedingungen wurde man handelseinig, und Joseph Goebbels konnte seinen Führer einen Tag später im Sportpalast als Präsidentschafts-Kandidaten vorstellen.

Am 23. Februar 1932 bewilligten DVP, DNVP und NSDAP dem Klagges im Landes-Parlament für Hitler die gerade vakante Planstelle eines Regierungsrats beim Landeskultur- und Vermessungsamt. Von dort aus konnte der Beamte Hitler an die Braunschweigische Gesandtschaft in Berlin überwiesen werden.

Frohlockte Klagges: »Wenn unsere Beteiligung an der Braunschweiger Regierung weiter keinen Erfolg zu verzeichnen gehabt hätte als den, daß wir unserm Führer die Staatsbürgerschaft verschafft haben, so hätte (das) allein genügt, die Notwendigkeit unserer Regierungsbeteiligung zu beweisen.«

Regierungsrat Hitler steckte seine Bestallungsurkunde ein, hat jedoch das Amt in der Braunschweigischen Gesandtschaft niemals ausgeübt.

Die Präsidentschaftswahl gegen Hindenburg verlor er zwar, aber sein Ziel war erreicht: Er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit und konnte fortan nicht mehr als lästiger Ausländer abgeschoben werden. Er konnte Reichskanzler werden.

* Hindenburg war 1925 zum Reichspräsidenten gewählt worden. 1932 ließ er sich wieder aufstellen und wurde von der SPD, dem Zentrum tund der Demokratischen Partei unterstützt.

** Ernst-August Roloff »Bürgertum und Nationalsozialismus 1930 bis 1933 - Braunschweigs Weg ins Dritte Reich«. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen; Hannover 1961; 305 Seiten; 7,80 Mark.

NS-Minister Klagges: Den Führer naturalisiert

Partei-Stratege Hitler (1932): Regierungsrat im Welfenstaat

Kaffeekaufmann Heimbs*

Scheingeschäft im Park-Hotel

* Bei der Verleihung des Bundesverdienst kreuzes am 22. Juni 1958.

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