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BANKEN / MUSTERDEPOTS Profit im Koffer

aus DER SPIEGEL 24/1968

Fünf junge Akademiker arbeiten sich im vierten Stockwerk der Düsseldorfer Privatbank C. G. Trinkaus täglich durch Berge von Bilanzen und Statistiken, durch Managerreden und Investitionspläne. Sie forschen nach den Zukunftschancen einzelner Aktiengesellschaften, um für Trinkaus-Kunden die besten Wertpapiere zu einem Musterdepot zusammenzustellen.

Wenn abends Bosse und Boten das Haus verlassen, versammeln sich die fünf und diskutieren, welche in- und ausländischen Aktien während der nächsten sechs bis zwölf Monate die größten Kursgewinne abzuwerfen versprechen.

Da empfiehlt beispielsweise der Frankreich-Spezialist Diplom-Volkswirt Dietmar Viertel, 30, auch eine französische Chemiegesellschaft: »Die Firma Roussel-Uclaf steckt acht Prozent vom Arzneimittel-Umsatz in Neuentwicklungen.« Sein Chef, Hubert Günter, 32, hält dagegen: »Aber Roussel-Uclaf ist eine Familiengesellschaft, mit konservativer Finanzpolitik. Die kann der Expansion im Wege sein.«

Eine ähnliche Analyse-Mannschaft arbeitet für die Herstatt-Bank in Köln. Bankier Iwan-D. Herstatt läßt sich seinen sechsköpfigen Brain-Trust samt Büro jährlich eine halbe Million Mark kosten. Er versichert: »Die Research-Arbeit Ist nicht mehr wegzudenken.«

Auch die Herstatt-Junioren stellen, unter der Regie von Diplom-Kaufmann Helmut Schlembach, 33, regelmäßig Musterdepots von Wertpapieren zusammen und empfehlen sie der Bankkundschaft, Ihr letztes Portefeuille vom 30. April 1968 war schon für 11 296,55 Mark zu haben. Dafür sollten gekauft werden:

* eine Allianz-Versicherungsaktie, > 13 Farbenfabriken-Bayer-Aktien,

* drei AEG-Aktien,

* fünf August-Thyssen-Hütte-Aktien, > sieben Veba-Aktien, fünf VW-Aktien.

Der Hugenotte Iwan Herstatt prophezeite seinen Wertpapier-Kunden: Dieses Depot werde »unter Minimierung des Risikos die bestmöglichen Rendite- und Kursgewinnchancen nutzen«.

Herstatts Analytiker begannen 1960 mit dem Spezial-Service. Trinkaus-Generalbevollmächtigter Dr. Otto Graf Lambsdorff ließ seine jungen Denker 1964 starten. Drei Jahre werkelten sie, von Zeit zu Zeit in USA von harten Aktien-Profis geschult, bis sie ihr erstes Musterdepot präsentieren konnten.

Interessenten, die beispielsweise 10(1 00(1 Mark in deutsche Aktien investieren wollten, empfahlen die Trinkaus-Leute Mitte vergangenen Jahres nicht nur die piekfeinen Papiere von Daimler-Benz und Farbenfabriken Bayer. Sie schlugen auch Firmen vor, die wie Hoesch und Klöckner auf dem damals desolaten Stahlmarkt kaum Gewinne machten, aber von dem allgemeinen

Wirtschaftsaufschwung traditionell als erste Branche profitieren würden.

Deutschlands Großbanken lehnen den Kundendienst ab, den die agile kleinere Konkurrenz kostenlos anbietet.

Die Deutsche Bank läßt jedem ihrer Anlageberater am Bankschalter freie Hand. Vorstandsmitglied Hans Feith meint, seine Effektenspezialisten sollten lieber individuelle Vermögensberatung betreiben. Und Commerzbank-Direktor Herbert Wolf fürchtet, Musterdepots-Empfehlungen durch die Großbanken würden »die Börse allzu stark in Bewegung bringen«.

Die Börse, die von der Bewegung der Kurse lebt, gab bislang den Analytikern der kleinen Banken recht, die alle zwei oder drei Monate eine neue Musterkollektion Aktien anbieten.

»Interessehalber sei erwähnt«, so lobte sich die Trinkaus-Bank verschämt ein halbes Jahr nach ihrer ersten Empfehlung, daß ihre Depotpapiere einen Kurszuwachs verzeichneten, der die Steigerung des Aktienindex der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« um 16 Prozent übertraf.

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